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Parlamentskorrespondenz Nr. 414 vom 16.05.2013

Themenfelder:
Parlamentarismus
Format:
Vermischtes
Stichworte:
Parlament/Demokratie/Mark Twain

Erinnerungen Mark Twains an turbulente Parlamentssitzungen 1898/99

Parlamentsdirektion publiziert Texte des US-Schriftstellers über den Parlamentarismus in der Monarchie

Wien (PK) – Reportagen aus dem Parlament sind nicht nur heute von großem öffentlichen Interesse. Schon zur Zeit der Monarchie verfolgten Journalisten und interessierte Bürger die Debatten im Abgeordnetenhaus des damaligen Reichsrats. 1898 zog es sogar einen bedeutenden Besucher aus dem fernen Amerika, den Schriftsteller Mark Twain, der sich knapp zwei Jahre in der Metropole der österreichisch-ungarischen Monarchie aufhielt, in das Parlament in Wien.

Seine Eindrücke dort fasste er in zwei Texten zusammen. Er beschreibt etwa eine überaus turbulente Reichsratssitzung, die fast zwei volle Tage und eine Nacht dauerte. In dieser Sitzung hielt der Abgeordnete Otto Lecher eine zwölfstündige Rede – die erste Filibuster-Rede des österreichischen Parlaments -, um die Abstimmung über eine von der Opposition heftig bekämpfte Sprachenverordnung hinauszuzögern und zu verhindern. Daneben macht sich Twain in einer bisher in deutscher Sprache noch nicht zur Verfügung stehenden Schrift Gedanken über das Wahlrecht und parlamentarische Rechte gegenüber der Regierung.

Die Parlamentsdirektion hat nun auf Anregung der Leiterin der Parlamentsbibliothek diese Texte im englischen Original sowie in einer deutschen Übersetzung unter dem Titel: "Mark Twain. Reportagen aus dem Parlament 1898/1899" veröffentlicht. Neben den durchaus auch subjektiven Beobachtungen Twains enthält die Publikation Erläuterungen zum Autor, zum historisch-politischen Umfeld jener Zeit, zur Situation der österreichischen Presse und nicht zuletzt zum Antisemitismus im Abgeordnetenhaus sowie erstmals gesicherte biografische Daten der erwähnten Abgeordneten.

Das genannte Buch ist ab morgen Freitag, dem 17. Mai im Parlamentsshop erhältlich. Der Shop hat auch während der Festwochenproduktion "Letzte Tage. Ein Vorabend" von Christoph Marthaler, die morgen im Historischen Sitzungssaal des ehemaligen Abgeordnetenhauses Premiere hat, geöffnet. MusikerInnen, SängerInnen und SchauspielerInnen setzen sich dabei mit der europäischen Politik nach 1914 auseinander und untersuchen nationalistische und rassistische Tendenzen im heutigen Europa.

Prammer: Literarische Kostbarkeit und politisches Dokument

"Diese Publikation bietet nicht nur eine literarische Kostbarkeit, sondern ist auch ein wertvolles Dokument der politischen Verhältnisse jener Zeit", sagt Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. Mark Twain schildere pointiert die überaus intensiv geführten Debatten im Abgeordnetenhaus des Reichsrats. Seine Reportagen seien somit auch ein Beleg dafür, dass Parlamentssitzungen damals um einiges turbulenter verlaufen sind als heute.

Politisch brisante Zeiten Ende des 19. Jahrhunderts

"Hier im Wien der letzten Tage des Jahres 1897 herrscht eine Aufregung, die das Blut in Wallung versetzt und einem kaum noch Ruhe gönnt. Die Atmosphäre knistert geradezu vor politischer Elektrizität. Alle Gespräche sind politisch; jedermann erinnert an einen Generator mit abgewetzten Kontakten, der, angesprochen auf die politische Lage, alsbald blaue Funken versprüht. Ein jeder hat seine Ansicht und tut sie auch unverblümt und hitzig kund, der Fülle dieser Meinungen entnimmt man jedoch nichts als Verwirrung und Ratlosigkeit. Denn in Wahrheit versteht kein Mensch die derzeitige politische Lage, noch lässt sich ihr Ausgang vorhersagen." So leitet Mark Twain seine Reportage "Turbulente Zeiten in Österreich" über die politische Situation im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein.

Den Moment, als der Vorsitzende dem Abgeordneten Lecher das Wort erteilte, schildert Mark Twain wie folgt: "Darauf brach ein so wilder, stürmischer und ohrenbetäubender Lärm los, wie er auf unserem Planeten nicht mehr zu hören war, seit die Komantschen zum letzten Mal mitten in der Nacht eine weiße Siedlung überfallen haben. Geschrei von der Linken, Geschrei von der Rechten, Schreiduelle auf allen Seiten zugleich, und über den Köpfen ein Durcheinander wild fuchtelnder, wütend drohender Arme und Hände. Aus der Mitte dieses donnernden und tosenden Sturms erhob sich Dr. Lecher; gelassen und gesammelt und mit einer Körperlänge gesegnet, die ihn alle anderen überragen ließ. Er begann seine zwölfstündige Rede." (Schluss) jan