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Parlamentskorrespondenz Nr. 684 vom 26.07.2013

Themenfelder:
Parlament allgemein/Parlamentarismus/Medien
Format:
Vermischtes
Stichworte:
Parlament/Geschichte/Josef Fleischner

Von Parlamentsstenographen, Journalisten und anderen Genies

Dem "Stenographendirektor" Josef Fleischner zum 150. Geburtstag

Wien (PK) – " Es war, trotz vielem, was dagegen spricht, Kakanien vielleicht doch ein Land für Genies", schreibt Robert Musil in seinem Roman "Der Mann ohne Eigenschaften". Wir wissen nicht, ob er dabei auch an den Parlamentsstenographen Josef Fleischner dachte, wollen es aber nicht ausschließen, schon gar nicht in diesen Tagen, in denen sich der Geburtstag des bedeutenden "Stenographendirektors", wie sich Fleischner in seinen Memoiren selbst apostrophierte, zum 150. Mal jährt. Anlass genug für die ParlamentsstenographInnen des Hohen Hauses und die RedakteurInnen der "Parlamentskorrespondenz", einer bemerkenswerten Persönlichkeit aus der Geschichte ihres Berufes zu gedenken. Josef Isidor Fleischner, geboren am 31. Juli 1863 in eine jüdische Familie in Brünn, hatte nach der Matura einen "Kurs zur Heranbildung von Kammerstenographen" im Parlament absolviert und dabei seine Lebensaufgabe gefunden. Noch keine 18 Jahre alt, bewährte sich Fleischner im November 1880 erstmals als "Hilfsstenograph" im Reichstag, entwickelte sich rasch zu einem leistungsfähigen Parlamentsstenographen sowie brillanten Parlamentsberichterstatter und avancierte 1899 zum Direktor des "Stenographen-Bureaus", eine Position, die auch die Schriftleitung der "Reichsrats-Korrespondenz" umfasste. Diese Besonderheit des österreichischen Parlamentarismus erwähnt Musil im Kapitel 81 seines Romans, wo er notiert, dass "die Parlamentsstenographen mit den Zeitungsberichterstattern verwachsen sind".

Das Lebenswerk eines Beamten

Als Chef der Parlamentsstenographen und Parlamentsredakteure engagierte sich Fleischner tatkräftig für den stenographischen Nachwuchs, baute die Ausschussberichterstattung der "Reichsratskorrespondenz" aus, intensivierte den Kontakt zu den Zeitungen und sorgte unter anderem auch für eine rasche ungarische Übersetzung der Berichte über die "Delegationen", die gemeinsamen Verhandlungen des ungarischen und des österreichischen Parlaments. Regierungsmitglieder und Ministerpräsidenten suchten regelmäßig Josef Fleischners Rat in Presseangelegenheiten und selbst Kaiser Franz Josef I. ließ sich von Josef Fleischner persönlich und ausführlich über die Entwicklung der Parlamentsstenographie und des parlamentarischen Pressewesens informieren.

Josef Fleischners Lebenswerk ist erstaunlich: In 43 Dienstjahren von 1880 bis 1923 nahm der Parlamentsstenograph und Redakteur an 3.600 Sitzungen der Kammern des Reichsrates, der Konstituierenden Nationalversammlung sowie des National- und Bundesrats der Ersten Republik teil. 180.000 Druckseiten umfassen allein die – im Internet via Alex zugänglichen - Protokolle dieser Sitzungen, dazu kommen die Berichte aus den Ausschüssen, deren Zahl jene der Plenarsitzungen um ein Vielfaches übersteigt, sowie Fleischners stenographische und journalistische Arbeit in den Landtagen von Niederösterreich, Kärnten, Mähren und Schlesien, nicht zuletzt beim Aufbau von "Landeskorrespondenzen".

Besonderes Verdienst erwarb sich Josef Fleischner in seinem rastlosen Bemühen, den Parlamentsstenographen, die als intellektuelle Taglöhner zunächst nur stundenweise entlohnt wurden und ohne jede soziale Absicherung arbeiteten, eine feste Anstellung zu erkämpfen. Aufgeschlossene Abgeordnete und der Präsident des Abgeordnetenhauses, Franz Smolka, unterstützten die Übernahme der Parlamentsstenographen und Redakteure in den Beamtenstand, was vor der Jahrhundertwende gelang. Knapp vor dem Ersten Weltkrieg erreichte Fleischner dann die Gleichstellung der durchwegs akademisch gebildeten Parlamentsstenographen mit den Juristen des Hauses. Voraussetzung dafür war die Überwindung der Ansicht, Stenographieren sei eine minder zu bewertende "mechanische" Tätigkeit. Josef Fleischner brachte die klassische Auffassung Franz Xaver Gabelsbergers zur Geltung, der die Parlamentsstenographie als eine "Kunst" beschrieb, deren Ausübung komplexe intellektuelle Fähigkeiten und überdurchschnittliches politisches, wirtschaftliches, juristisches und historisches Wissen voraussetzt.

Höchste Anerkennung …

Im Jahr 1923 verabschiedete Bundespräsident Michael Hainisch Josef Fleischner persönlich in den Ruhestand und beförderte den bereits vielfach ausgezeichneten Beamten zum "Sektionschef". Fleischners Memoiren mit dem Titel "Parlamentsgeschichten. Aus den Erinnerungen eines Stenographendirektors" (Wien 1925) geben dem Leser - zum Teil auch vergnügliche - Einblicke in die "Stenographenwerkstätte", in die Parlamentsberichterstattung sowie in das politisch-parlamentarische Leben während der letzten Jahrzehnte der Habsburgermonarchie und am Beginn der Republik Österreich. Als das zentrale politische Thema dieser Zeit sah der kaiserlich-königliche Beamte Josef Fleischner die Entwicklung des Wahlrechts an. Fleischner schildert den großen Demonstrationszug für das allgemeine Wahlrecht am 28. November 1905, der das Parlamentsgebäude an der Wiener Ringstraße passierte, als Ministerpräsident Gautsch im Abgeordnetenhaus die Regierungsvorlage für das allgemeine (Männer-)Wahlrecht einbrachte. Fleischner dokumentiert auch das hohe Niveau der sich anschließenden Debatte zum allgemeinen Wahlrecht, das im Jahr 1907 den Durchbruch zur modernen Massendemokratie in Österreich brachte und einige Jahre später, am Beginn der Republik, mit dem Frauenwahlrecht komplettiert wurde.

… und ein tragisches Ende  

Das Leben des angesehenen Sektionschefs i.R. Josef Isidor Fleischner und seiner Ehefrau Olga endete tragisch. Nach dem "Anschluß" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland wurde das katholische Ehepaar Fleischner "aus rassischen Gründen" verfolgt. Josef Fleischner, der bereits 1894 aus dem Judentum ausgetreten war, musste nun den Zunamen "Israel" annehmen, Olga (die 1914 ihren Austritt aus dem mosaischen Glauben gemeldet hatte) den Zunamen "Sara". Das Ehepaar verlor seine Wohnung in der Josefstadt und wurde am 20. August 1942 aus der ihnen zugewiesenen "Sammelwohnung" in der Novaragasse 41/7 in das KZ Theresienstadt deportiert. Olga Fleischner starb dort laut Totenschein am 30. 12. 1942 an "Altersschwäche", Josef Fleischner kurz darauf, am 8. Jänner 1943, an den Folgen einer durch Phlegmone (Gewebsentzündung) verursachten Blutvergiftung.

Im Zuge der Restitutionsbemühungen der Museen der Stadt Wien wurde festgestellt, dass sich unter den "bedenklichen" Erwerbungen aus der NS-Zeit auch eine "Sammlung Josef Isidor Fleischner" befindet, bestehend aus 12 Fotos und 1 Zeitungsausschnitt. Die Objekte wurden nach erfolgter Restitution von den Museen der Stadt Wien erworben. (Schluss) fru/Gra/sox