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Parlamentskorrespondenz Nr. 588 vom 02.06.2015

Themenfelder:
Bildung/Arbeit
Format:
Bundesrat
Stichworte:
Bundesrat/Enquete/NEET/Bildung/Zwazl/Hundstorfer/Mahrer

BR-Präsidentin Zwazl: Verborgene Talente erkennen und fördern

Enquete des Bundesrats diskutiert Möglichkeiten der Verbesserung von Berufs- und Bildungschancen Jugendlicher

Wien (PK) – Der Zugang zu Bildung und Beruf sind lebensbestimmende Schlüsselfragen für junge Menschen. Angesichts eines schwierigen und im raschen Wandel befindlichen wirtschaftlichen Umfelds stellt besonders das Anwachsen der Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener, die keine Schule besuchen, keiner Arbeit nachgehen und sich nicht in beruflicher Ausbildung befinden ("Not in Education, Employment or Training - NEET") eine Herausforderung an die Politik dar. Für PolitikerInnen und ExpertInnen bot sich heute im Rahmen der parlamentarischen Enquete des Bundesrats "Schlummernde Talente: Perspektiven für Jugendliche und junge Erwachsene (NEETs)" Gelegenheit, sich über die Aufgaben der Arbeitsmarktpolitik und die Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene auszutauschen. Eröffnet wurde die Enquete von Bundesratspräsidentin Sonja Zwazl. Weitere Einleitungsreferate hielten Sozialminister Rudolf Hundstorfer, Staatssekretär Harald Mahrer und Mario Steiner vom Institut für Höhere Studien (IHS).

Zwazl: Enquete soll "Weckruf für Talente" sein

"Jeder junge Mensch verfügt in diesem oder jenem Bereich über besondere Begabungen" zeigte sich Bundesratspräsidentin Sonja Zwazl in der Eröffnungsrede zur Enquete überzeugt. Viel zu oft würden jedoch Begabungen von den Jugendlichen selbst und ihrem Umfeld einfach übersehen, mit schwerwiegenden Folgen für ihr Selbstbewusstsein und ihr weiteres Leben. Sie hoffe, dass aus der Veranstaltung ein Weckruf für unerkannte und verborgene Talente und damit für diese jungen Menschen entstehe, sagte Zwazl.

Die Politik und letztlich die gesamte Gesellschaft dürften nicht tatenlos zusehen, wenn junge Menschen völlig aus dem Rahmen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens fallen, forderte Zwazl. Das nicht nur deshalb, weil die Folgekosten für unser Sozialsystem enorm seien und Jugendliche, die ihren Weg nicht finden, zum Risikofaktor für die gesamte Gesellschaft werden könnten. "Nicht zusehen dürfen wir vor allem, weil jeder einzelne Mensch wertvoll ist. Die Würde des Menschen ist unteilbar", unterstrich Zwazl. Daher dürfe niemand zurückgelassen werden.

Hundstorfer: Allen Achtzehnjährigen einen formalen Bildungsabschluss ermöglichen

Sozialminister Rudolf Hundstorfer leitete sein Statement mit der Feststellung ein, dass sich heute für Menschen ohne formalen Bildungsabschluss kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt bieten. Österreich unternehme deshalb viel, um nachträgliche Qualifizierungen zu ermöglichen. Einen neuen Ansatz versuche man mit dem Jugend- bzw. Lehrlings-Coaching. Hier gehe es darum, zu verhindern, dass es zum vorzeitigen Abbruch einer Ausbildung kommt. Für das Programm, das jährlich 30.000 Jugendliche erreicht, wende man pro Jahr 25 Mio. € auf. In den zwei Jahren seiner Laufzeit sei es bereits gelungen, die Zahl der frühzeitigen Schulabbrüche nachweislich zu senken, hob Hundstorfer hervor.

Der Sozialminister erläuterte auch das Projekt der Regierung, eine Ausbildungsverpflichtung bis zum 18. Lebensjahr einzuführen. Damit soll sichergestellt werden, dass alle Jugendlichen mehr als einen Pflichtschulabschluss erwerben. Diese Verpflichtung enthalte auch ein Recht auf Ausbildung, betonte der Minister. Als Beginn ist das Schuljahr 2016/17 geplant.

Mahrer: Nationaler Schulterschluss für das Bildungssystem ist notwendig

Staatssekretär Harald Mahrer nahm den derzeit ablaufenden tiefgreifenden wirtschaftlichen und technologischen Wandel zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Das Bildungssystem stehe angesichts der enormen Dynamik dieser Entwicklung vor riesigen Herausforderungen, sagte er. Derzeit sei das österreichische Schulsystem eindeutig nicht in der Lage, Talente ausreichend zu erkennen und zu fördern. Dazu müsse man im Bereich der frühkindlichen Förderung und der Elementarpädagogik ansetzen. Nur darauf können weiteren Schritte im Bildungssystem aufbauen, unterstrich Mahrer. Er halte deshalb eine tertiäre Ausbildung zumindest eines Teils der ElementarpädagogInnen für erstrebenswert.

Der Staatssekretär rief zu einem nationalen Schulterschluss für das Bildungssystem auf. Die Talentförderung müsse ganz neu gedacht werden. Er hoffe, dass eine sachlichen Diskussion über alle aktuellen Fragen des Bildungssystems entstehe, sagte Mahrer.

Steiner: Soziale Selektivität des österreichischen Schulsystems vermindern

Mario Steiner (IHS) erläuterte die Ergebnisse einer 2013 von der Universität Linz durchgeführten Studie über NEET-Jugendliche in Österreich. Der Umfang des Problems könne aufgrund neuer Daten besser als bisher erfasst werden. Statt den bisher geschätzten 7-8 % oder 45.000 frühen BildungsabbrecherInnen bei den 15- bis 24-Jährigen liege das Problem eher in der Größenordnung von 12 % bzw. 128.000 Personen. Es handle sich um ein vor allem städtisches Problem und betreffe überdurchschnittlich Jugendliche mit Migrationshintergrund. Der fehlende Abschluss wirke sich in weiterer Folge auf die Chancen am Arbeitsmarkt aus und münde oft in sozialer Ausgrenzung. Eine reine Verlängerung der Schulpflicht sei nicht die Antwort, da die oft sehr individuellen Gründe für einen fehlenden Abschluss dadurch nicht beseitigt würden, meinte Steiner. In Österreich habe man sehr lange mit einem "defizitorientierten Kompensationsansatz" in Form von Angeboten zur Nachqualifizierung reagiert. Das Angebot sei sehr breit, allerdings teilweise unkoordiniert. Steiner sah den Ansatz, der im Jugend-Coaching zum Ausdruck kommt, als vielversprechend. Auch das Konzept des Lebenslangen Lernens der EU sei ein richtiger Ansatz, doch fehle es hier an budgetärer Ausstattung und Strukturen.

Steiner sah drei Handlungsfelder, um das Problem des frühzeitigen Bildungsabbruchs in den Griff zu bekommen. Als erstes sei es notwendig, die starke soziale Selektivität, die das österreichische Schulsystem aufweise, durch verschiedene Maßnahmen zu steigern. Dazu zähle auch die gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen. Weiters müsse die Effektivität des Schulsystems gesteigert werden. Für Steiner ist eine der Bedingungen dafür eine weitreichende Schulautonomie. Als Drittes gelte es, eine politisch ernstgemeinte Strategie gemeinsam mit allen Stakeholdern zu entwickeln. Das schließe auch eine ausreichende Budgetierung ein. (Fortsetzung Enquete) sox

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie im Fotoalbum auf www.parlament.gv.at.