LETZTES UPDATE: 09.05.2016; 15:52
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Parlamentskorrespondenz Nr. 473 vom 09.05.2016

Themenfelder:
Parlament allgemein
Format:
Veranstaltungen
Stichworte:
Parlament/Gedenktag/Bures/Saller

Gedenkveranstaltung im Parlament im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Zeitzeuge Marko Feingold: "Das Wichtigste im Leben ist die politische Einstellung"

Wien (PK) – "Gestern war ein Tag der Freude! Tausende Menschen, die am Heldenplatz gemeinsam ein Fest der Freude feierten, am 8. Mai – jenem Tag, an dem die Wehrmacht vor den Alliierten kapitulierte und der verbrecherische Vernichtungskrieg in Europa sein Ende fand. Das war nicht immer so: Vor wenigen Jahren noch haben sich am Heldenplatz jedes Jahr eine Handvoll Menschen versammelt, die diesem Tag mit Trauer begegnet sind. Aber heute ist rund um die Hofburg kein Platz mehr für Menschen, die die Niederlage der Nationalsozialisten beklagen. Und das ist gut so!"

Mit diesen Worten eröffnete Nationalratspräsidentin Doris Bures ihre Begrüßungsrede anlässlich der heutigen Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Historischen Sitzungssaal des Parlaments (siehe Parlamentskorrespondenz Nr. 472/2016).

Neben Bures sprachen auch Bundesratspräsident Josef Saller und der NS-Überlebende Marko Feingold zu den rund 600 Gästen. Für die eindrucksvolle künstlerische Gestaltung der Veranstaltung sorgten die Schauspielerin und Rezitatorin Anne Bennent und der Akkordeonist Otto Lechner. Eigens für den Gedenktag haben die beiden KünstlerInnen die "Todesfuge" von Paul Celan, mehrere Gedichte der 1942 in einem NS-Zwangsarbeiterlager ermordeten Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger sowie Lyrik der österreichischen Schriftstellerin Ilse Aichinger vertont.

Nationalratspräsidentin Doris Bures: Wir müssen auf der Hut sein

Nationalratspräsidentin Doris Bures sprach von Österreichs Lehren aus der Geschichte und mahnte, weiterhin auf der Hut zu bleiben: "Wir haben beschönigende Geschichtsmythen hinter uns gelassen." Österreich sei damit aber auch „die Verpflichtung eingegangen, im Hier und Jetzt ganz besonders wachsam zu sein. Und wir haben allen Grund dazu: Zahlen des Innenministeriums belegen einen Anstieg rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Aktivitäten in Österreich. Im Vorjahr wurden rund 1.200 Fälle bekannt. Wir müssen auf der Hut sein! Auf der Hut sein, wenn unantastbar geglaubte Tabugrenzen überschritten werden."

Am Ende Ihrer Rede bedankte sich die Nationalratspräsidentin überdies für das wertvolle Engagement des "Zeitzeugen eines Jahrhunderts" Marko Feingold und bei Bundespräsident Heinz Fischer, der sich in allen Stationen seines politischen Lebens für die Opfer des Nationalsozialismus eingesetzt habe. Der Nationalfonds für die NS-Opfer habe unter seiner Leitung als Nationalratspräsident die Arbeit aufgenommen – und Fischer habe ihn geprägt. Bures zu Fischer: "Die 1. Gedenktagveranstaltung 1998 hier im Parlament fiel in Deine Amtszeit. Und ich glaube, Du hast seit 1998 nur einen einzigen Gedenktag versäumt. Ich weiß, es war Dir niemals bloß Verpflichtung, sondern ein ehrliches Bedürfnis und Ausdruck deiner tiefen politischen Überzeugung."

Bundesratspräsident Josef Saller: Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus bietet eine Chance

Bundesratspräsident Josef Saller sagte in seiner Begrüßungsrede: "Es hat seine Zeit gedauert, bis das Langzeitgedächtnis dieser Republik erwachte und wir uns unserer Vergangenheit gestellt haben. Es brauchte Jahrzehnte, um die Rückgabe geraubten und arisierten Eigentums in Angriff zu nehmen oder die Entschädigung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern umzusetzen."

Heute biete die "aufrichtige und klare Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus eine Chance, die Generationen zu einen". Seinen höchsten Respekt zollte Saller Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der NS-Zeit: "Sie mussten das Leid, die Ungerechtigkeit, die Schmach und den Schmerz am eigenen Leib erfahren und haben dennoch die unglaubliche Kraft gefunden, ihr Leben dem Mahnen und der Versöhnung zu widmen."

Feingold: Das Wichtigste ist die Demokratie

"Die schlimmste Erfahrung im Konzentrationslager ist der Hunger gewesen. Viele Häftlinge sind stehend gestorben." Das erzählte der Zeitzeuge Marko Feingold in seinem Gespräch mit Danielle Spera, Direktorin des Jüdischen Museums Wien. Feingold ist Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg und feiert Ende Mai seinen 103. Geburtstag. Er berichtete äußerst eindringlich aus seinem langen Leben. Etwa von Transporten, bei denen unzählige NS-Opfer ermordet wurden. Feingold beendete das Gespräch mit Spera mit den Worten: "Das Wichtigste im Leben ist die politische Einstellung. Das Wichtigste ist die Demokratie. Diktaturen sind immer schlecht, egal ob von links oder von rechts oder auf religiöser Basis."

Der 5. Mai, der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen, ist seit 1997 der Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Nationalratspräsidentin Bures und Bundesratspräsident Saller begrüßten zur diesjährigen Veranstaltung im Historischen Sitzungssaal des Parlaments zahlreiche Gäste, unter ihnen Überlebende der NS-Verbrechen, Bundespräsident Heinz Fischer, Vizekanzler Reinhold Mitterlehner und Mitglieder der Bundesregierung. (Schluss) wz

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie im Fotoalbum auf www.parlament.gv.at.