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Parlamentskorrespondenz Nr. 76 vom 27.01.2020

Themenfelder:
Parlament allgemein/​Kultur
Format:
Veranstaltungen
Stichworte:
Parlament/​Gedenkveranstaltung/​Holocaust-Gedenktag/​Nägele/​Keil

Gedenken an den Holocaust: Eine immerwährende Aufgabe

Parlament gedachte des 75. Jahrestags der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau

Wien (PK) – Es sei wichtig, das Gedenken an die Opfer der Shoah in die Zukunft zu tragen. Nicht nur unermüdlich daran zu erinnern, was damals geschah, sondern auch darauf aufmerksam zu machen, wohin Hass und Hetze letzten Endes führen können. Das war der Tenor bei der heutigen Veranstaltung des Parlaments zum Internationalen Holocaust-Gedenktag in den Wiener Börsesälen, zu der Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka gemeinsam mit Bundesratspräsident Robert Seeber geladen hatte. Gedacht wurde dabei insbesondere des 75. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Neben zahlreichen Mitgliedern der Bundesregierung waren auch viele Abgeordnete und ehemalige PolitikerInnen, unter ihnen Ex-Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein, sowie VertreterInnen der Religionsgemeinschaften und des Diplomatischen Corps der Einladung gefolgt.

Begrüßt wurden die Gäste durch Bundesratspräsident Robert Seeber. Er hob in seiner Rede (siehe Parlamentskorrespondenz Nr. 75/2020) die Verpflichtung von Politik und Gesellschaft hervor, sich kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und die Lehren des Holocaust im Bewusstsein künftiger Generationen zu verankern. Niemand dürfe wegsehen, wenn Menschen gemobbt oder erniedrigt werden, bekräftigte er. Dass jemand anders ist oder anders denkt, "darf weder heute noch morgen ein Anlass für Herabwürdigung, Hass oder Hetze sein".

Gedenken müsse zu konkreten Handlungen im Alltag führen, darauf wies auch Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka hin (siehe Parlamentskorrespondenz Nr. 77/2020). Das bedeute, sich auch allen aktuellen Ausprägungen des Antisemitismus entgegenzustellen.

Die Keynote zur Gedenkveranstaltung kam von der Historikerin Martha Keil. Sie setzte sich mit der Frage auseinander, was Erinnern an Auschwitz heute bedeutet, und ging dabei auch auf den gegenwärtigen Umgang mit Flüchtlingen und den vielfach aggressiven Diskurs in Sozialen Medien ein. Sexistische, antisemitische und rassistische Beleidigungen und Drohungen seien auch heute für viele Menschen Alltag, gab sie zu bedenken und warnte vor einer allmählichen Verschiebung der moralischen Grenzen. Derartige "Shifting Baselines" hätten auch die damaligen Massendeportationen ohne Proteste erst möglich gemacht.

Nägele: Judenhass muss aktiv bekämpft werden

Vor der Keynote hatte Benjamin Nägele, Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, in seiner Gedenkrede daran erinnert, dass das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau wie kein zweites Lager für das unmenschlichste Verbrechen der Geschichte stehe. Er rief dazu auf, Antisemitismus und Extremismus aktiv zu bekämpfen und über die Vermittlung historischer Fakten hinaus eine werteorientierte innere Haltung, ein Gewissen, zu fördern.

75 Jahre nach Ende der Shoah seien Österreich und Europa noch immer nicht von Judenhass befreit, sagte Nägele. Das sei beschämend. Es brauche die Fähigkeit, Antisemitismus im Alltag zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren. "Wer sich Antisemitismus und Extremismus nicht widersetzt, der verspielt nicht nur die eigene Freiheit, sondern setzt die Freiheit von uns allen aufs Spiel", mahnte er.

Was passieren kann, wenn man Hass gewähren lässt und den Anfängen nicht wehrt, zeigt die Geschichte Nägele zufolge klar. Der Nationalsozialismus habe sich "in atemberaubender Geschwindigkeit" aus einer Demokratie heraus entwickelt und aus einem Rechtsstaat "eine industrielle Mordmaschinerie" gemacht. Gleichzeitig sei über Landesgrenzen und Kontinente hinweg ein globaler Krieg entfacht worden.

Als erschreckend wertete es Nägele, dass die jüngeren Generationen in Europa große Wissenslücken über den mörderischen Rassenwahn und die damalige Vernichtung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden hätten. Österreich stehe in diesem Sinn, was zunehmenden Antisemitismus betrifft, nicht alleine da. Neben kritischen Worten, unter anderem zu den "Höbelts an der Uni" und den "sogenannten Einzelfällen der FPÖ", streute der IKG-Generalsekretär dem offiziellen Österreich aber auch Rosen: Es gebe kaum ein Land in Europa, das sich in den letzten Jahren so klar gegen Antisemitismus gestellt habe, an vorderster Front gegen Judenhass eintrete und so an der Seite des jüdischen Staates Israel stehe.

Bedenklich ist für Nägele, der in seiner Rede auch kurz auf seine eigene Geschichte einging, dass für die jüdische Gemeinde neben der Modernisierung und der Erhaltung der Infrastruktur der Kampf gegen Intoleranz und Judenhass zu einer immer größeren Herausforderung wird: Auch 75 Jahre nach der Shoah sei das jüdische Leben in Wien von Polizeischutz und hohen Mauern bestimmt.

Keil: Auschwitz lehrt uns, nicht Gegenmensch, sondern Mitmensch zu sein  

Martha Keil, die Direktorin des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs in St. Pölten, stellte ihren Ausführungen ein Zitat von Siegfried Lenz voran: "Auschwitz ist uns anvertraut". Wie jedoch könne man sich 75 Jahre nach der Befreiung des Lagers mit dem vertraut machen, was Auschwitz war, fragte sie. Sie knüpfte ihre Überlegungen dazu an die Begriffe "Befreiung" und "Vermittlung".

In einem historischen Exkurs zur Geschichte des Vernichtungslagers erinnerte sie daran, dass nur wenige tausend Häftlinge von Auschwitz-Birkenau tatsächlich den 27. Jänner 1945 als Tag ihrer Befreiung erleben konnten. Rund 1,1 Millionen Menschen waren dort ermordet worden, und selbst von den wenigen Überlebenden starben viele aufgrund von Krankheit und schlechter Versorgung innerhalb weniger Tage. Tausende kamen in diesen Tagen noch auf Todesmärschen und bei Mordaktionen der SS ums Leben.

Zwar waren die Überlebenden aus Auschwitz befreit, aber nie von den Erinnerungen an die schrecklichen Erlebnisse und die erlittenen Qualen, gab die Rednerin zu bedenken. Diese Überlegung führte Keil zum Begriff der "Vermittlung", die heute nicht mehr über Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erfolgen könne. Der Auschwitz-Überlebende Primo Levi hatte die Problematik der Erinnerung an die Shoah mit den Worten zusammengefasst: "Wir Überlebenden sind nicht nur eine verschwindend kleine, sondern auch eine anormale Minderheit. Wir sind die, die den tiefsten Abgrund nicht berührt haben. Die Untergegangenen sind die eigentlichen Zeugen". Die Erinnerung an die ungeheuren Dimensionen der Shoah sei mehr denn nötig, nachdem Auschwitz längst in der Popkultur angekommen sei, von fragwürdigen Computerspielen bis hin zu pseudohistorischen Filmen und Romanen, die ein verzerrtes Bild vermittelten.

Keil erinnerte hier an einen weiteren Ausspruch des Überlebenden Primo Levi: "Auschwitz ist geschehen, daher kann es wieder geschehen". Bei allem Bemühen um Vermittlung und Verstehen bleibe für jede Generation aufs Neue die verstörende Frage, wie es dazu kommen konnte, sagte sie. Ein fruchtbarer Erklärungsansatz ist für sie eine Theorie aus der Umweltgeschichte, die Theorie der sogenannten "Shifting Baselines". Solche schleichend sich verändernden Grundkoordinaten gebe es laut dem Sozialpsychologen Harald Welzer auch bei moralischen Grenzen, wie der Nationalsozialismus gezeigt habe. Während gleich nach Hitlers Machtergreifung Anfang 1933 ein Massenmord an der jüdischen Bevölkerung noch undenkbar gewesen wäre, so hätten Hasspropaganda, Erniedrigung und Beraubung die moralischen Grenzen sukzessive verschoben, sodass es keinen Protest gegen die Massendeportationen mehr gab, als diese im Februar 1941 begannen.

Auch heute gebe es beinahe täglich solche Shifting Baselines, sagte Keil. Sexistische, antisemitische und rassistische Beleidigungen und Drohungen stellten für viele Menschen heute den – eigentlich unzumutbaren – Alltag dar. Wie der Sprachgebrauch in der Flüchtlingsfrage zeige, habe der "geistige Klimawandel" bereits begonnen. "Was wäre damals den jüdischen Flüchtlingen widerfahren, hätten alle Staaten ihre Grenzen dichtgemacht?" gab Keil zu bedenken.

Sie wolle daher zum heutigen Anlass ein Wort für jene einlegen, die aktuell zu den Schwächsten der Gesellschaft zählen. "Wenn in Flüchtlingen nur mögliche Messerstecher und Vergewaltiger gesehen werden, wenn in Überlebenden der syrischen Foltergefängnisse nur potenzielle Attentäter gefürchtet werden, welchen Sinn hat unser Bemühen um Vermittlung der Shoah?" fragte Keil und erinnerte daran, dass viele Überlebende der Shoah wie Leon Zelman als Flüchtlinge nach Österreich kamen.

Für Keil stellt sich die Frage: "Wenn Berichte von Auschwitz-Überlebenden zu Tränen rühren, wie können dann heute Flüchtlinge in ihre lebensgefährlichen Systeme zurückgeschickt werden?". Was aus Auschwitz gelernt werden müsse, sei schließlich "nicht Gegenmensch, sondern Mitmensch zu sein. Menschen, die in Österreich Aufnahme finden, sind, wie alle bereits Einheimischen, nicht nur der Verfassung und den Gesetzen unserer Demokratie verpflichtet, sie erhalten auch Anteil an unserer Kultur und Bildung und an unserem kollektiven Gedächtnis. Dann ist Auschwitz auch ihnen anvertraut", lautete die Schlussfolgerung Keils.

Musik aus dem Konzentrationslager Theresienstadt

Über das Schicksal der vier Komponisten, deren Werke den Abend musikalisch umrahmten, sprach Robert Ziegler, Moderator des Abends, mit Gerold Gruber, dem Leiter des Forschungszentrum exil.arte. Viktor Ullmann, Hans Krása, Gideon Klein und Pavel Haas wurden zuerst in Theresienstadt gefangen gehalten und dann nach Auschwitz deportiert und dort oder in einem der Nebenlager ermordet. Die Werke, die bei der Gedenkveranstaltung erklangen, sind während ihrer Zeit im Konzentrationslager Theresienstadt entstanden. Das Zentrum exil.arte hat sich zur Aufgabe gemacht, die vergessenen und verschollenen Werke von verfolgten, exilierten und ermordeten KomponistInnen wiederzuentdecken und zum Erklingen zu bringen. (Fortsetzung Gedenkveranstaltung) sox/gs

HINWEIS: Fotos von dieser Gedenkveranstaltung finden Sie auf der Website des Parlaments.