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Parlamentskorrespondenz Nr. 775 vom 08.07.2020

Themenfelder:
Parlamentarismus
Format:
Plenarsitzungen des Nationalrats
Stichworte:
Nationalrat/​Antisemitismus/​Holocaust/​Simon-Wiesentahl-Preis/​Sobotka

Mit Simon-Wiesenthal-Preis soll zivilgesellschaftliches Engagement gegen Antisemitismus ausgezeichnet werden

Paulinka Kreisberg: Mein Vater hätte den Preis als große Ehre empfunden

Wien (PK) – Auf Initiative von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka wird der beim Parlament eingerichtete Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus künftig jährlich einen "Simon-Wiesenthal-Preis" vergeben. Mit dem Preis soll besonderes zivilgesellschaftliches Engagement gegen Antisemitismus und für Aufklärung über den Holocaust ausgezeichnet werden. Der Beschluss des Nationalrats fiel mit den Stimmen von ÖVP, SPÖ, Grünen und NEOS mit breiter Mehrheit aus.

Paulinka Kreisberg: Der Preis ist ganz im Sinne meines Vaters

"Gerade in der heutigen Zeit, in der Rassismus und Antisemitismus zunehmen, in der der Holocaust vermehrt geleugnet wird, ist der Entschluss Österreichs, einen Simon-Wiesenthal-Preis ins Leben zu rufen, von sehr großer Bedeutung", unterstützt Paulinka Kreisberg, Tochter von Simon Wiesenthal, die Initiative. Der Preis sei ganz im Sinne ihres Vaters, sagte sie. Dieser habe immer gegen Doppelmoral, gegen Fremdenhass und gegen das Diskriminieren von Minoritäten gekämpft. Er hätte es als eine große Ehre empfunden, dass der Preis seinen Namen trägt.

Oskar Deutsch: "Recht, nicht Rache" war Leitmotiv von Simon Wiesenthal

Auch Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), zeigt sich erfreut über den Preis. Simon Wiesenthal habe gegen die in Österreich nach 1945 weit verbreitete Ignoranz gegenüber den Verbrechen des Nationalsozialismus gekämpft und habe maßgeblich geholfen, Täter auszuforschen und vor Gericht zu stellen, hielt Deutsch fest. Sein Lebenswerk sei von seinem Leitmotiv "Recht, nicht Rache" geprägt gewesen. Medial werde Wiesenthal bis heute oft als Nazijäger bezeichnet. Ihn habe jedoch vor allem auszeichnete, "dass er sich gegen jede Form der Ungerechtigkeit, gegen jede Form der Diktatur, gegen jede Form des Antisemitismus eingesetzt hat", unterstrich der Präsident der IKG, der auch darauf hinwies, dass Wiesenthal von 1963 an fast 20 Jahre lang Mitglied des Kultusrats der IKG Wien war.

Sobotka: Der Simon-Wiesenthal-Preis ist mir eine Herzensangelegenheit

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka ist der Preis eine "Herzensangelegenheit", wie er betont. Die Ergebnisse der Parlamentsstudie von 2018 zum Antisemitismus in Österreich hätten ihn darin bestärkt, dass "wir alle noch viel mehr im Kampf gegen Antisemitismus tun müssen". Er wolle mit dem Preis Initiativen vor den Vorhang holen, die sich durch ihren besonderen Einsatz zur Bekämpfung von Antisemitismus ausgezeichnet haben und anderen Mut machen, ihre Stimme zu erheben und diesem Beispiel zu folgen, betonte der Nationalratspräsident, der auch kraft seines Amtes Vorsitzender des Kuratoriums des Nationalfonds ist.  

"Antisemitismus in all seinen Formen hat keinen Platz in Österreich und ganz Europa. Es ist eine Bedrohung, nicht nur für die jüdischen Gemeinden, sondern für unsere Demokratie, für unsere Werte, für die Vielfalt in der Gesellschaft", warnte Sobotka .

Der Simon-Wiesenthal-Preis

Der Simon-Wiesenthal-Preis ehrt das Andenken an den Architekten, Publizisten und Schriftsteller Simon Wiesenthal, der unermüdlich gegen die Gleichgültigkeit gegenüber den Verbrechen des Nationalsozialismus eingetreten ist und der es sich nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Mauthausen im Mai 1945 zur Lebensaufgabe gemacht hatte, NS-Verbrecherinnen und -Verbrecher aufzuspüren und vor Gericht zu bringen.

Der Preis ist mit 30.000 € dotiert, wobei der Jahrespreisträger bzw. die Jahrespreisträgerin 15.000 € und zwei weitere PreisträgerInnen jeweils 7.500 € erhalten sollen. Auch institutionalisierte Einrichtungen und Schulprojekte können ausgezeichnet werden. Erstmals soll der Preis 2021 ausgeschrieben werden.

Die Jury des Simon-Wiesenthal-Preises setzt sich aus einem bzw. einer Vorsitzenden sowie fünf weiteren Mitgliedern zusammen, wobei eines dieser Mitglieder ein Verwandter bzw. eine Verwandte Wiesenthals sein soll. Weiters sollen der Präsident der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Österreich sowie anerkannte Persönlichkeiten des öffentlichen oder kulturellen Lebens im In- oder Ausland oder Personen mit wissenschaftlicher Reputation auf dem Gebiet der Zeitgeschichte oder in einem anderen einschlägigen Wissenschaftszweig der Jury angehören.

Simon Wiesenthal

Wiesenthal wurde im damals österreichischen Galizien geboren. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er verhaftet und in verschiedene Konzentrationslager deportiert. Er entging durch eine Reihe glücklicher Umständen der Ermordung und wurde 1945 von US-amerikanischen Truppen aus dem KZ Mauthausen befreit.

Er gründete ein Dokumentationszentrum, begann, nationalsozialistischen Verbrechen nachzuspüren und engagierte sich auch bei der Vertriebenenhilfe. Die Gefangennahme von Adolf Eichmann wurde nicht zuletzt auch durch die hartnäckige Suche Wiesenthals ermöglicht. In Wien eröffnete er dann ein neues Dokumentationszentrum unter der Bezeichnung "Bund Jüdischer Verfolgter des Naziregimes". Dessen Ziel war es, den Aufenthalt von Kriegsverbrechern und Zeugen für deren Verbrechen zu finden. Trotz aller Gegenstimmen und vieler Anfeindungen, die im Juni 1982 in einem Bombenanschlag Rechtsradikaler auf ihn ihren Höhepunkt fanden, gab es Wiesenthal nie auf, den Verbrechern des Dritten Reiches nachzuspüren und eine entsprechende Bestrafung zu verlangen. Seine Tätigkeit für die österreichische Justiz beendete er aber bereits 1975 nach einem spektakulären Freispruch von vermeintlichen Kriegsverbrechern.

2005 starb Simon Wiesenthal hochbetagt in Wien. Auf eigenen Wunsch wurden seine sterblichen Überreste in Herzliya (Israel) begraben. (Schluss) jan