Bundesrat Stenographisches Protokoll 720. Sitzung / Seite 104

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wird. ‚Da haben sie zu meinem Vater gesagt: Du bringst uns die Buben, sonst fahren wir mit euch ab.‘“

Die Geschichte geht weiter: „Am folgenden Tag sucht der Vater seine Söhne auf und bittet sie, sich zu stellen. David und Alois waren über die dramatischen Ereignisse bereits von dem Jäger informiert worden. ,Für den Vater war es hart, er musste praktisch seine Buben freigeben. Wir haben das sofort eingesehen.’“

Die beiden räumten ihren Unterstand und ließen alle Gegenstände verschwinden, welche die Unterstützung etwa des Jägers beweisen hätten können, um die Spuren zu ihren Eltern zu verwischen. Dann haben sie sich der Gendarmerie gestellt.

„,Ich bin damals von zu Hause weggegangen und habe genau gewusst, dass ich nicht mehr komme, das habe ich genau gewusst.‘“

David und Alois Holzer wurden nach Lienz gebracht und den Nazi-Behörden über­geben.

„,Ich habe keine Chance gehabt zum Weiterleben. Ich habe auf der Welt keine Aus­sicht mehr gehabt, außer dem Bruder irgendwie noch einmal behilflich zu sein, dass er davon kommt. Ich habe gesagt, der Bruder wäre wieder eingerückt, wenn er nicht mein Vorbild gehabt hätte. Da haben sie mir zur Fahnenflut noch Zersetzung der Wehrkraft vorgeworfen. Ich habe mich damit abgefunden, ich stelle mein Leben zur Verfügung, wenn der Bruder und die Eltern davon kommen.‘“

Die nächste Station war die Gestapo-Haft in Klagenfurt. Nach einer relativ kurzen Ver­handlung lautete das Gerichtsurteil: Todesstrafe für David Holzer und sieben Jahre Zuchthaus mit „Frontbewährung“ für Alois Holzer. Dem Gnadengesuch wurde nach Monaten statt gegeben.

Holzer beschreibt, wie es war, monatelang in einer Todeszelle zu sitzen: Man habe Schlüssel klappern und Gefangene bei ihrer Misshandlung schreien gehört und nicht gewusst, wann die Türe aufgesperrt und man selbst erschossen wird.

Holzer wurde, wie gesagt, begnadigt. Auf Grund seiner Zeit an der Front wurde die Strafe in 22 Jahre Zuchthaus mit „Frontbewährung“ umgewandelt. Dann wurde er über Prag in die „Hölle im Moor“, nämlich das Lager I Börgermoor an der niederländisch-deutschen Grenze, gebracht, wo er täglich zwölf Stunden arbeiten musste.

Dann wurden er und sein Bruder mit einer Zwischenstation in Olmütz an die Front transportiert. Sein Bruder wurde bei einem der Kamikazeeinsätze, zu welchen solcher­art Bestrafte gezwungen wurden, erschossen. David Holzer wurde von Rotarmisten gefunden, versteckt, befreit und kehrte 1946 wieder nach Osttirol zurück.

Davids Eltern hatten unter anderem durch die mutige Aktion der Ortsbauernführung in Lienz als unabkömmlich gegolten, und der Vollzug der zehn- beziehungsweise sechsjährigen Haft konnte für die damals schon über 60 Jahre alten Eltern so lange hinausgezogen werden, bis der Krieg zu Ende war.

Was ist dann passiert? – Man hat in der Familie nie wieder darüber gesprochen. Den Überlebenden hat sich diese Zeit jedoch unauslöschlich eingebrannt. Trotzdem bleibt an den Deserteuren auf Grund einer ganz bestimmten öffentlichen Meinung, über die ich vorhin in sehr harten Worten gesprochen habe, der Makel von Feigheit, Defätismus und Verrat hängen.

Meine Damen und Herren! Nun kommen wir zur Auffassung des einst 18-jährigen David Holzer. Er sagt, dass er sich damals selbst nie als fahnenflüchtig angesehen habe, da er ja nicht vereidigt gewesen sei. Er nennt dafür auch den Grund: „Ich habe bei der Vereinigung in Klagenfurt die Hand nicht gehoben. Das habe ich schon vor der


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