Nationalrat, XX.GP Stenographisches Protokoll 78. Sitzung / Seite 201

Home Seite 1 Vorherige Seite Nächste Seite

Augen der Jugendlichen geschaut habe, die bei mir um eine Lehrstelle angesucht haben  es waren 20 bis 30 , bin ich traurig geworden, weil ich wußte, daß ich nicht allen eine Stelle geben kann. Erst vor 14 Tagen hat ein Vater eines dieser Jugendlichen angerufen  ich kann natürlich nicht alle aufnehmen!  und gefragt: Was sollen wir mit den Jugendlichen machen, die keine Stelle finden, sollen wir sie erschießen?  Ich war völlig erschüttert! Ich mußte Ihnen dieses persönliche Erlebnis erzählen.

Ich möchte Frau Bundesministerin Hostasch auch bitten, nicht gegen die Anlehre aufzutreten. Jugendliche durchlaufen gewisse Entwicklungsstufen, in denen sie für verschiedene Lern- und Arbeitsbereiche noch nicht reif sind. Geben Sie Ihnen daher die Chance in Form einer Anlehre! Geben wir sie ihnen! Seien wir nicht strikt dagegen! Anerkennen wir, daß manche Kinder verschiedene Entwicklungsstadien durchmachen und unterschiedliche Fähigkeiten besitzen. Gott sei Dank haben wir die Möglichkeit dazu.

Daher mein Appell: Denken Sie daran, daß wir alle nicht wollen, daß Jugendliche ohne Berufschancen und ohne Zukunft sind. Es ist uns gelungen, die auch für die Eltern attraktive Möglichkeit der Berufsreifeprüfung zu schaffen. Jetzt sollten wir auch dafür sorgen, daß die Eltern, aber auch die Jugendlichen nicht an dieser Gesellschaft verzweifeln.

Die Jugendlichen sollen nicht den Eindruck haben, daß auf sie vergessen wird. Auch die Möglichkeit einer Anlehre ist attraktiv, und es ist falsch verstandener Ehrgeiz, wenn man sagt: Bildung ist alles! Die Jugendlichen in die Schule zu zwingen, bringt nichts. Das wollen sie nicht. Nur den Körper hinzutragen, ohne den Geist dabei zu haben, bringt nichts. Wenn sie jedoch die Chance bekommen, etwas praktisch zu erlernen, dann kommen sie selbst drauf, wie notwendig auch das lebensbegleitende Lernen ist. Vergessen wir das nicht.

Mein nochmaliger Appell an Sie: Denken wir auch an die Anlehre, damit uns ja kein Jugendlicher auf der Straße stehen bleibt! (Beifall bei der ÖVP.)

21.23

Präsident Dr. Heinz Fischer: Nächster Redner ist Herr Abgeordneter Dr. Brauneder. Er hat das Wort.

21.23

Abgeordneter MMag. Dr. Willi Brauneder (Freiheitliche): Sehr verehrter Herr Präsident! Sehr verehrte Frau Bundesministerin! Hohes Haus! Ich möchte eingangs unterstreichen, was ein Abgeordneter einer anderen Fraktion liebenswürdigerweise schon betont hat: daß meine Fraktion und auch ich persönlich selbstverständlich für eine Durchlässigkeit des Prüfungs- und Bildungssystems sind! (Abg. Fuchs: Ohne Datenweitergabe?) Selbstverständlich ohne Datenweiter-
gabe diese könnte in keinem Fall in irgendeiner Weise erfolgen! Wir sind für eine Durchlässigkeit des Bildungssystems aus dem einfachen Grunde  das sage ich ergänzend zu den Ausführungen der Redner von meiner Fraktion  , da hiedurch die Universitäten und Hochschulen mehr Nachwuchschancen bekommen, als sie diese bei einem anderen System, etwa einem aus dem 19. Jahrhundert  ich will es einmal als verknöchertes System bezeichnen  , in dem Latein so etwas wie ein Fetisch ist, haben.

Ich habe damit Erfahrung, spreche nicht vom grünen Tisch aus. Ich möchte in Erinnerung rufen, daß es schon einmal eine Berufsreifeprüfung gab, genau unter diesem Namen. Ich habe mich kundig gemacht anhand meines mir höchstpersönlich und privat zustehenden, von Ihnen als "ominös" bezeichneten schwarzen Ordners, der natürlich in keiner Weise ein Ordner aus der Universitätsverwaltung ist, sondern ein Ordner, in welchem ich meine persönlichen Aufzeichnungen über diese und jene Berufsreifeprüfung aufbewahre. Und da ich mir gestern diese Unterlagen wieder angesehen habe, weiß ich, daß diese seinerzeitige Berufsreifeprüfung auf einer Verordnung des damaligen Ministers für Kultus und Unterricht aus dem Jahr 1947, wie ich meine, beruhte. (Abg. Dr. Niederwieser: Aus dem Jahr 1946!) Danke! Sie wurde also im Jahr 1946 erlassen.

Es war dies eine gute Einrichtung. Ich habe bei diesen Berufsreifeprüfungen wirklich mit Vergnügen schriftliche Arbeiten begutachtet, Ansuchen befürwortet und mündliche Prüfungen abge


Home Seite 1 Vorherige Seite Nächste Seite