Nationalrat, XX.GP Stenographisches Protokoll 122. Sitzung / Seite 140

Home Seite 1 Vorherige Seite Nächste Seite

Schulen leichter Arbeitsplätze finden können. Praxis wird heute überall verlangt. (Beifall bei der ÖVP.)

18.47

Präsident MMag. Dr. Willi Brauneder: Zu Wort gemeldet ist Frau Abgeordnete Dr. Krammer. Die Restredezeit ihres Klubs beträgt 8 Minuten. Bitte, Frau Abgeordnete.

18.47

Abgeordnete Dr. Christa Krammer (SPÖ): Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Frau Bundesministerin! Herr Abgeordneter Amon, ich würde vorschlagen, wir einigen uns darauf, daß die Lehrlinge beziehungsweise diese jungen Menschen, die keine Lehrstelle finden, uns allen ein Anliegen sind. Schieben wir sie nicht hin und her wie ungeliebte Kinder! (Beifall bei der SPÖ.)

Ich glaube, jedes Mitglied der Bundesregierung trägt Verantwortung und fühlt sich verantwortlich für diese Kinder. Alle werden ihren Teil dazu beitragen, um zu einer befriedigenden Lösung zu kommen. (Neuerlicher Beifall bei der SPÖ.  Zwischenrufe bei der ÖVP.) Und wenn ich sage, jeder, dann ist damit jedes Mitglied der Bundesregierung gemeint, alle, die in der Bundesregierung sind, alle Fraktionen.

Meine Damen und Herren! In den letzten 25 Jahren ist es gelungen, den Anteil der Maturanten und Akademiker an der Erwerbsbevölkerung von 10 Prozent auf 23 Prozent zu steigern. Den größten Beitrag dazu haben die berufsbildenden Schulen geleistet. Der Anteil der BHS-Absolventen an der Erwerbsbevölkerung hat sich vervierfacht. Und ich denke, es ist angebracht, an dieser Stelle ein paar dankende Worte an die Lehrerschaft und an die Professoren zu sagen, denn diese sind oft die Unbedankten. (Beifall bei SPÖ und ÖVP.) Ich gebe den Applaus weiter. Tun Sie sich keinen Zwang an!

Die meisten Leute gefallen sich nämlich in der Rolle der Kritiker der Lehrer. Ich habe vor einiger Zeit eine sehr interessante Abhandlung über die Leiden der Lehrer gelesen. Der Autor bezeichnet es als "Morbus Adorno" in Anlehnung an den Philosophen Theodor Adorno. Ich habe zu wenig Zeit, um genau auszuführen, wie der Autor schildert, was er unter diesem "Morbus Adorno" versteht. Daher nur ganz kurz: Das ist der Leidenspreis für die unerläßliche Distanz zwischen Ausbilden und Bilden. Denn die Lehrer leiden oft an der Gesellschaft. Sie leiden darunter, daß an sie die Anforderung herangetragen wird, Wunder zu vollbringen. Sie leiden darunter, daß ständig falsche Erwartungen an die Schule gerichtet werden, und zwar in bezug darauf, was die Schule tun kann und was die Schule können soll. Sie leiden darunter, daß manche Eltern Erziehungsaufgaben an die Schule abschieben, anstatt sie selbst wahrzunehmen. Sie leiden darunter, daß junge Menschen, ihre Schüler, ausgerechnet in ihren Entwicklungsjahren oft mit zu hohen Anforderungen überfrachtet werden. Sie leiden darunter, daß manche Manager öffentlich erklären  und das ist tatsächlich passiert , daß BHS-Absolventen den Anforderungen, die die Wirtschaft an sie stellt, ungenügend bis gar nicht gewachsen wären.

Dieser Ausspruch, den ein sich in der Wirtschaft Befindlicher tatsächlich getätigt hat, hat in den letzten Wochen sehr großen Unmut bei den BHS-Lehrern und bei den Direktoren hervorgerufen. Ich ziehe daraus den Schluß beziehungsweise habe manchmal den Eindruck  ich habe das auch dort bei dieser Diskussion gesagt , daß gewisse Leute, die in der Wirtschaft stehen, das ideale Personal, den idealen BHS-Absolventen folgendermaßen sehen: 19 oder 20 Jahre alt, mit dem Wissen und der Erfahrung von 50jährigen und mit Gehaltsvorstellungen in der Höhe einer Lehrlingsentschädigung. Wenn dieses Wesen, das sich da bewirbt, noch weiblich ist, dann soll sie tunlichst eine ärztliche Bestätigung über garantierte Unfruchtbarkeit mitbringen.  Das ist der ideale BHS-Absolvent, den sich die Wirtschaft wünscht. Nur, diese "ideale" Kombination, die gibt es nicht!

Ich gestehe zu, nicht alle in der Wirtschaft haben diese Vorstellung, aber viele, und einer hat es ausgesprochen. (Abg. Dipl.-Ing. Schöggl: Wer denn?) Immer wieder kommt dieser Vorwurf, die Lehrer bilden die Schüler nicht gemäß den Erfordernissen der Wirtschaft aus.


Home Seite 1 Vorherige Seite Nächste Seite