Nationalrat, XX.GP Stenographisches Protokoll 159. Sitzung / 136

17.55

Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil (Freiheitliche): Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrter Herr Vizekanzler! Meine Damen und Herren! "In der Früh wurde ich geholt, damit niemand meine Schreie hört."  So beginnt Waris Dirie, Sonderbotschafterin der UNICEF, in ihrem Roman "Wüstenblume" die Beschreibung des grausamen Rituals der Genitalverstümmelung, dem sie sich mit fünf Jahren unterzog.

Sie müssen sich vorstellen, was diese Frau mitgemacht hat! Ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, was wirklich auf sie zukommt, wurde sie in Somalia zu einem Felsen geführt, und es wurden ihr dort mit einer abgebrochenen Rasierklinge zuerst die Klitoris und dann die Schamlippen entfernt, und schließlich wurde die verbliebene Resthaut mit Dornen durchstochen und zugenäht. Danach blieb sie, mit Fetzen verbunden, wie sie selbst sagt, wie ein geschlachtetes Tier in der Sonne liegen. Dazu kommt: Sie wollte das zu diesem Zeitpunkt selbst, und es war ihre Mutter, die für sie diese Frau aufgetrieben hat und die sie während dieser Prozedur auch gehalten hat.

Warum wollte sie das?  Männer ihres Stammes hatten sie als unreines, als schmutziges, als nicht beschnittenes, unbeschnittenes Mädchen beschimpft. Und die Frauen ihres Stammes hatten sie beschworen, "rein" zu werden, damit sie einen Ehemann bekäme.

Meine Damen und Herren! Zirka 2 Millionen Frauen werden nach Schätzung der UNICEF jährlich beschnitten  also rund 6 000 pro Tag. Dabei stirbt in etwa jedes vierte Mädchen entweder durch Verbluten oder durch eine aufsteigende Infektion. Die meisten Frauen werden unfruchtbar, sie haben massivste Probleme während ihres ganzen Lebens: bei der Menstruation, beim Geschlechtsverkehr, bei Geburten, beim Kinderkriegen. Der Großteil der Betroffenen lebt in Afrika, aber auch in Teilen Asiens und auch in manchen Gebieten der Türkei.

Angeblich liegen die Wurzeln dieser brutalen Verstümmelung in alten afrikanischen Riten und in Bräuchen aus pharaonischer Zeit. Sie sind in keiner Weltreligion verankert, sie werden im Koran nicht erwähnt, aber trotzdem stärkt gerade die Fatwa in Ägypten viele in dem Glauben, die Tahara  so heißt diese Beschneidung  sei eine islamische Tradition, und gerade in Ägypten darf die Tahara sogar in staatlichen Spitälern von Ärzten durchgeführt werden.

Warum?  Die Begründung dafür muß man sich wirklich einmal anhören! Die Argumentation der Traditionalisten in Ägypten lautet: "um den sexuellen Appetit unserer Töchter zu zügeln". Nur wenn eine Tochter durch genitale Verstümmelung ihre Libido verliert, dann bleibt sie  nach dem Glauben dieser Männer  treu, und, so heißt es weiter, das sexuelle Begehren der Frau würde damit auf das wünschenswerte Maß reduziert.

Die Mythen um das Ritual variieren, aber im Grunde geht es nur um eines: um die "Tugendhaftigkeit" und um die Unterdrückung der Frau und um die wirklich ungeheuerliche Anmaßung der Männer, zu bestimmen, wie die Frauen sein sollen und zu sein haben! (Beifall bei den Freiheitlichen.  Präsident Dr. Neisser übernimmt den Vorsitz.)

Solange allerdings der Status und auch die Ehechancen der Frauen davon abhängig sind, werden natürlich auch die Mütter der Töchter dieses Ritual weiter unterstützen.

Nun ist aber das Problem nicht nur auf Afrika, Asien oder Teile der Türkei beschränkt. Es gibt in Frankreich derzeit bereits zirka 40 000 verstümmelte Mädchen, und es gibt in Deutschland derzeit zirka 20 000 verstümmelte Mädchen. Es gibt auch in Österreich bereits diesbezügliche Schätzungen. Für Österreich kann man es nicht sicher sagen, vielleicht sind es 1 000, vielleicht 2 000 Mädchen; man kann es nur nach ungefähren Schätzungen berechnen.

Afrikanische Emigranten führen Beschneidungen in Europa durch. Afrikanische Familien fliegen teilweise ihre Mädchen aus, um sie in afrikanischen Staaten, in ihren Heimatländern, beschneiden zu lassen. In Frankreich wurde erst heuer im Februar eine 53jährige Afrikanerin wegen Beschneidung von 48 Mädchen zu acht Jahren Haft verurteilt.


Home Seite 1 Vorherige Seite Nächste Seite