Nationalrat, XXIV.GPStenographisches Protokoll16. Sitzung / Seite 310

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Misshandlungen, physischer Gewalt, sexualisierter Gewalt, ständiger Kontrolle, Ein­schränkungen und Herabwürdigungen sichtbar und auch strafbar zu machen.

Meine Damen und Herren, die Formen männlicher häuslicher Gewalt sind unvorstell­bar. Die Übergriffe reichen von Ohrfeigen oder Schlägen mit Händen und Fäusten bis hin zum Zufügen von Verbrennungen. Die Frauen werden mit Gegenständen wie Ses­seln, Vorhangstangen und Gürteln geschlagen. Sie werden mit Füßen getreten, an den Haaren gerissen, gewürgt oder auf den Boden geworfen. All das, Herr Stadler, ist keine hormonelle Frage; das ist Gewalt und hat nichts mit Trieben zu tun.

Häusliche Gewalt beschränkt sich aber nicht auf Verletzungen der physischen Integri­tät, sondern es geht vielmehr auch um massive Einschränkungen der autonomen Le­bensführung und um sexualisierte Gewalt.

Lassen Sie mich Beispiele aus der Beratung des Gewaltschutzzentrums Oberöster­reich nennen. Ich möchte mich hier dem Dank von Kollegin Ridi Steibl für die hervorra­gende Arbeit der Gewaltschutzzentren anschließen. Lassen Sie mich berichten:

Er kontrolliert ihre Sozialkontakte. Er kontrolliert ihre Telefonate. Er schreibt ihr vor, wann und ob sie ausgehen kann. Er lauert ihr auf, er sperrt sie ein. Er verbietet ihr, den Führerschein zu machen. Er verbietet ihr das Essen; er zwingt sie zum Essen. Er hin­dert sie am Schlafengehen; er zwingt sie, auf dem Boden zu schlafen. Er zwingt sie zum Ansehen von Pornografie. Er beschimpft sie als Hure. Er zwingt sie zu Sexualität, nachdem er sie geschlagen hat. – Die Liste ließe sich fortsetzen.

Und: Die Spirale der Gewalt beginnt immer wieder von vorne. Er bereut, schwört Bes­serung, schwört Liebe, dass er ohne sie nicht leben könne. Sie bleibt, verzeiht, glaubt ihm, sucht die Schuld bei sich selbst – bis zum nächsten Mal. Dabei werden die Ab­stände immer kürzer und die Gewaltakte immer brutaler, lebensbedrohlicher.

Für Frauen sind die Folgen dieser männlichen Gewalt enorm. Ich rede dabei nicht nur von der Verletzung der körperlichen Integrität durch Prellungen, Knochenbrüche und Kopfverletzungen, sondern auch davon, dass die Frauen ihre Selbstachtung verlieren. Ich rede von Schlaf- und Essstörungen, ich rede von Depressionen, Angststörungen, Alkohol- und/oder Medikamentensucht und ihrer vollständigen Isolierung.

Diese Frauen sind traumatisiert. Sie verdrängen, sie schweigen, sie zerbrechen – und sie versuchen zu überleben, über Monate, über Jahre, über Jahrzehnte. Manchen ge­lingt das nicht. Aber manche brechen das Schweigen und wenden sich an ein Gewalt­schutzzentrum, suchen Hilfe und wollen den Gewalttäter endlich anzeigen, wollen aus dieser Gewaltbeziehung endlich aussteigen.

Wer hier – wie der Abgeordnete Stefan – von Missbrauch der Frauen durch das Ge­setz spricht, hat sich mit Gewaltgeschichten noch nie beschäftigt. Dass jene, die ihre Geschichte vor Gericht erzählen, auch Gehör finden, dass all das, was sie erlebt und erlitten haben, auch eine Rolle spielt und sich im Urteil über den Täter widerspiegelt, dass auf ihre Traumatisierung Rücksicht genommen wird, dabei soll sie das Zweite Ge­waltschutzgesetz mit dem neuen Straftatbestand unterstützen.

Ich bin froh darüber, dass wir dieses Gesetz heute beschließen, und sage ganz zum Schluss: Das Schweigen brechen, die Gewalt beenden, darauf kommt es an. – Danke. (Beifall bei der SPÖ sowie bei Abgeordneten von ÖVP und Grünen.)

22.36


Präsidentin Mag. Barbara Prammer: Nun gelangt Herr Abgeordneter Dr. Hübner
zu Wort. 3 Minuten gewünschte Redezeit. – Bitte. (Ruf beim BZÖ: Hannes, bist du auch für die Freigabe der Waffen? – Abg. Dr. Hübner – auf dem Weg zum Redner­pult –: Zwischenrufe später!)

 


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