Hermann KRIST: Wir haben 20 Minuten nicht mehr unseren Klub gefunden, wir drei. Wir haben uns im Parlament verlaufen, weil da alles so gleich ausgeschaut hat. [...] Also nach 20 Minuten, wir haben schon überlegt ob wir wo anrufen, aber das war dann doch etwas peinlicher.
Josef HÖCHTL: Die erste große Erfahrung habe ich gemacht, als mir mein leider früh verstorbener Freund Minkowitsch, der war damals Zweiter Nationalratspräsident, gesagt hat: "Überall, wo du im Haus hinkommst, und es ist ein Spiegel dort, dahinter verbirgt sich eine Toilette."
Anneliese KITZMÜLLER: Und so hat man sich gegenseitig unterstützt und geholfen. Und ich muss sagen, wirklich eine, also meine erste GP in Wien hier war eine der schönsten und fruchtbringendsten, weil wir alle neu waren und jeder jedem geholfen hat.
Clemens HAIPL: In der letzten Folge haben wir über den Tag der Angelobung gesprochen, der für manche Abgeordnete ja der erste Tag im Parlament ist. Und wir haben auch darüber gesprochen, wie neu und unbekannt viele Dinge dann noch sind. Heute wollen wir uns anschauen, wie es nach dem ersten Tag weitergeht. Wir machen also heute den zweiten Tag. In der kommenden Folge besprechen wir dann den dritten Tag im Parlament. Und so weiter. Nein: es geht heute darum, wie man sich in diesem neuen Job orientiert, und zwar sowohl räumlich als auch inhaltlich, damit es am Ende nicht heißt: Lost in Parliament!
JINGLE
HAIPL: In diesem Podcast hören Sie Anekdoten und persönliche Erinnerungen von ehemaligen Mitgliedern des National- und Bundesrats, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der parlamentarischen Klubs und der Parlamentsdirektion. Die Aufnahmen stammen aus den Archiven des Parlaments aus den letzten Jahren und sie geben uns vor allem eines: Einblicke ins Parlament.
Wenn man so ganz ohne Vorerfahrung in ein so großes Haus wie das Parlamentsgebäude am Wiener Ring kommt, fühlt man sich vielleicht im ersten Moment etwas verloren und ist daher froh über jede Unterstützung und Information, die man bekommen kann. Das betrifft auch so banale Dinge, wie: wie komme ich von meinem Büro zur Toilette und wieder retour, ohne mich zu verlaufen. Das ist gar nicht so leicht, weil das Parlament ist riesig.
Hermann Krist, ehemaliger Abgeordneter der SPÖ, wurde zusammen mit zwei anderen Abgeordneten zwar von einem Parteikollegen über viele Usancen und Abläufe am ersten Tag aufgeklärt, der Weg zu den Klubräumlichkeiten stand aber offenbar nicht auf der Erklär-Agenda:
KRIST: Wir haben 20 Minuten nicht mehr unseren Klub gefunden, wir drei. Wir haben uns im Parlament verlaufen, weil da alles so gleich ausgeschaut hat. Und wir waren ja vorher vielleicht ein, zwei Mal, aber der Weg vom Plenum bis zu unserem Klub, wir waren überall, nur nicht bei unserem Klub. Also nach 20 Minuten, wir haben schon überlegt ob wir wo anrufen, aber das war dann doch etwas peinlicher. Jetzt haben wir uns halt durchgebissen, sind alle vier Ecken abgegangen und bei der letzten genau dort waren eben wir daheim. Also das war so die erste Erinnerung an das große, hohe Haus mit Unmengen an kilometerlangen Gängen in Summe gesehen und weniger Schilder, wo es hingeht zum sozialdemokratischen Parlamentsklub. Aber das war so eine bleibende Erinnerung.
HAIPL: Gerüchte über Abgeordnete, die nie wieder aus dem Parlamentgefunden haben und seitdem bis ans Ende ihrer Tage wie Geister wehklagend durch die Gänge irren, sind übrigens falsch. Auch Heribert Steinbauer, der für die ÖVP im Nationalrat saß, hatte es am Anfang nicht leicht.
Heribert STEINBAUER: Dann lernt man kennen, dass das Gebäude viel schwieriger ist, als man denkt, denn, wohin man sich dreht, kommt Marmor links und rechts, und die Gänge sind schrecklich verwechselbar. Das heißt, am Anfang geht es – ich schwöre – jedem Abgeordneten so, dass er die falsche Kurve macht und auf einmal herumirrt und alles schaut gleich aus. Das lernt man dann natürlich zu beherrschen.
HAIPL: Josef Smolle, ehemaliger ÖVP-Abgeordneter legte sich einen Trick zurecht, wie er sich im Haus orientieren konnte. An diesen erinnerte er sich Jahre später, als er in das neu renovierte Parlamentsgebäude zurückübersiedelte und sich erneut zurechtfinden musste:
Josef SMOLLE: Ich habe mich wahnsinnig gefreut dass ich noch erleben durfte, ins renovierte historische Gebäude dann wieder hinüber zu wandern und war dort wirklich schwer beeindruckt von der Infrastruktur die dort geboten wird, auch von der Lebendigkeit, die dieses Haus heute hat, also allein was in der Agora dort stattfindet und diese Besuchergruppen die da kommen, ist wirklich beeindruckend.
HAIPL: Josef Smolle hat keine Brotkrumen ausgestreut wie Hänsel und Gretel, er hatte eine bessere Idee:
SMOLLE: Die Verwirrung und Orientierung habe ich dort allerdings natürlich wieder erlebt und kann mich an die ersten Tage daran erinnern, wie ich mich orientiert habe. Also im Rücken da ist der Ring, ich schaue jetzt stadtauswärts, das ist rechts, das ist links. Okay, welches Stockwerk? Das heißt, wie ich mich dann da nach und nach zurechtgefunden habe. Aber das ist natürlich eine Sache weniger Tage, bis man das intus hat. Nach kürzester Zeit hat man sich dort wirklich einfach zu Hause gefühlt.
HAIPL: Bei seinen Erkundungstouren machte Heribert Steinbauer von der ÖVP irgendwann auch eine sehr nützliche Entdeckung:
STEINBAUER: Dann kommt man auch drauf, was ich irgendwann einmal entdeckt habe – ein wunderbarer Ort in diesem … nein, anders: Vor dem wunderbaren Ort kapiert man auf einmal: Achtung, überall, wo ein Spiegel ist, ist dahinter nicht der Abgebildete, sondern die Toilette. Das muss man einmal lernen, das sagt einem niemand. Also, die souveränen Besitzer des Hauses sagen einem ja so etwas nicht, das musst du selber finden.
HAIPL: Josef Höchtl, ebenfalls ehemaliger ÖVP-Abgeordneter hatte etwas mehr Glück: er erhielt den Tipp mit den Toiletten vom damaligen Zweiten Nationalratspräsidenten Roland Minkowitsch höchstpersönlich:
Josef HÖCHTL: Die erste große Erfahrung habe ich gemacht, als mir mein leider früh verstorbener Freund Minkowitsch, der war damals Zweiter Nationalratspräsident, gesagt hat: "Überall, wo du im Haus hinkommst, und es ist ein Spiegel dort, dahinter verbirgt sich eine Toilette." Und ich würde sagen, dass das ein Prozess ist und ein Hinweis ist, der nicht nur lebens-, vielleicht sogar überlebensnotwendig ist. So hat man von dem einen oder anderen, je nachdem, wie der eine oder andere zu einem gestanden ist, sehr, sehr günstige Tipps bekommen. Und da ich eigentlich nie faul war beziehungsweise zu feige war zu fragen, habe ich mir das, was ich nicht wusste, erfragt.
HAIPL: Übrigens: Seit der Sanierung des Parlamentsgebäudes stimmt das mit den Spiegeltüren nicht mehr ganz. Nicht immer ist hinter einem Spiegel eine Toilette. Und generalisieren kann man das schon gar nicht. Also bitte beim nächsten Mal im Prater nicht ins Spiegelkabinett gehen, wenn die Blase drückt. Und der berühmte Spiegelsaal in Versailles ist keine öffentliche Bedürfnisansta…egal:.… keine Sorge: Es gibt noch immer mehr als genug Toiletten im Parlament.
Die anfangs verwirrende Architektur, die vielen Gänge, Türen und Säle hatten jedoch vielleicht auch einen tieferen Sinn für die politische Arbeit, wie Karl Smolle, ehemaliger Abgeordneter der Grünen und des Liberalen Forums vermutet:
Karl SMOLLE: Nun, wir sind gerade – ich habe das ja erzählt – durch die heiligen Hallen geschritten – dieses Haus besteht aus sehr vielen "heiligen Hallen" –, und ich habe damals, als ich das erste Mal reinkam, gedacht, so ein Haus besteht doch nur aus Hallen, Gängen und Hallen, und dort, wo man arbeitet, ist zu wenig Platz. Und ich bin dann draufgekommen, dass dieser Wechsel zwischen der Enge eines Ausschusslokals, eines Sitzens nebeneinander mit knappem Platz im Hohen Haus, im Parlament, im Sitzungssaal oder in einem Ausschusslokal, eine gewisse Zwangssituation darstellt, aber auch eine sehr konzentrierte Situation darstellt. Anderseits, die Gänge sind zum Nachdenken da, zum Begegnen, zum unverfänglich Zusammenkommen. – "Du, was werdet ihr da machen, bringt ihr da noch etwas ein, seid ihr zufrieden? Was hast du dir denn vorgestellt?" Also, diese Gespräche sind natürlich nur möglich in einem gelockerten Bereich, wo es keine Verbindlichkeiten gibt, aber doch dann die persönlichen Verbindlichkeiten, wo man an die eigene Ehre und die eigene Anständigkeit appellieren muss: Macht man dabei mit, hat man jemandem schon zugesagt oder nur vielleicht oder unter Umständen?
HAIPL: Die Herausforderungen im neuen Haus beschränken sich aber nicht nur auf das Zurechtfinden im Gebäude. Es gilt ja auch, sich in einer neuen Arbeit bzw. neuen Arbeitsabläufen zurechtzufinden. Viele der Abgeordneten erhielten hier Unterstützung durch den eigenen Klub, oft in Form von Schulungen, die mehr oder weniger ausführlich ausfielen. Walter Schwimmer, ehemaliger ÖVP-Abgeordneter erzählt:
Walter SCHWIMMER: Da gab es einen recht nützlichen Einführungsvortrag von Dr. Werner Zögernitz, der sich heute noch mit dem Parlamentarismus auseinandersetzt, es war allerdings auch verhältnismäßig wenig Zeit, man ist mehr oder weniger ins tiefe Wasser geschmissen worden und die Regeln hat man gelernt, wie man aber wirklich schwimmt oder sich über Wasser hält, das musste man selbst lernen.
HAIPL: Ebenso der Albert Steinhauser, der für die Grünen im Nationalrat saß:
Albert STEINHAUSER: Da sind wir intern eingeschult worden. Ich glaube, ich bin damals gleich mit den neuen Abgeordneten, die schon 2006 ihr Mandat mit den Wahlen angetreten sind, vom Grünen Klub quasi miteingeschult worden. Man hat mich gleich dazu genommen, weil klar war, dass ich in einem Jahr zu 99 % nachfolgen werde und da haben wir eine Einschulung bekommen, die dann gleich in die Tiefen der Geschäftsordnung gegangen ist, welche Anträge es gibt und Anfragen etc. Dadurch war ich auch gut vorbereitet.
HAIPL: Karl Blecha von der SPÖ hingegen hatte sogar einen persönlichen Tutor:
Karl BLECHA: [..] da ich in der sozialdemokratischen – damals sozialistischen – Bildungsorganisation tätig war, hatte ich einen väterlichen Freund in der Person des Abgeordneten Czernetz. Und der hat mich darauf vorbereitet, und wie ich später erst erfahren habe, dem damaligen Klubobmann Bruno Pittermann gesagt, wenn irgendwo jemand sehr rasch zu melden ist, nimmst den Blecha. Das habe ich dann vom Pittermann viel, viel später erfahren, weil ich mich darüber gewundert habe, dass ich plötzlich im Hohen Haus den Auftrag bekommen habe: Pass jetzt auf, Tagesordnung sowieso, da meld‘ ich dich!
HAIPL: Und auch im FPÖ-Klub erhielten die Abgeordneten Unterstützung durch bereits erfahrene Abgeordnete sowie Klub-Mitarbeiter und Klub-Mitarbeiterinnen. Anneliese Kitzmüller, ehemalige Dritte Nationalratspräsidentin der FPÖ erinnert sich noch heute gerne an diese Anfangszeit im Parlament zurück:
Anneliese KITZMÜLLER: [..] vor allem, muss ich sagen, haben wir einen sehr guten Klubdirektor gehabt, den Norbert Nemeth, der uns da wirklich sehr gut geholfen hat und sehr gut eingeführt hat. Und ich kann mich erinnern, wie wir 2008 begonnen haben, war das so eine richtige… es waren ja fast alle neu, es waren, glaube ich zwei oder drei aus der vorhergehenden Gesetzgebungsperiode dabei, und es war so eine richtig eingeschworene Gemeinschaft, die wir gehabt haben. Jeder hat jedem geholfen, jeder hat jedem gesagt, na ja, da stehst du vielleicht falsch unten, vielleicht redest du ein bisschen lauter oder hat Tipps gegeben oder auch, was die Arbeit betroffen hat: Du, da habe ich etwas gelesen, das wäre interessant für dich, sei es jetzt für mich zum Thema Familie gewesen, für eine andere Abgeordnete zum Thema Frauen oder Gesundheit. Und so hat man sich gegenseitig unterstützt und geholfen. Und ich muss sagen, wirklich eine, also meine erste GP in Wien hier war eine der schönsten und fruchtbringendsten, weil wir alle neu waren und jeder jedem geholfen hat.
HAIPL: Doch egal, von wem die Hilfsangebote und Informationen kamen – sie haben sich im Laufe der Zeit stetig verändert und verbessert, auch mit Unterstützung der Parlamentsdirektion, wie Thomas Barmüller, ehemaliger Abgeordneter der FPÖ und des Liberalen Forums findet:
Thomas BARMÜLLER: Ich muss Ihnen ehrlich sagen, wenn es um die Frage geht, welche Einführungsangebote man Parlamentarierinnen und Parlamentariern anbieten sollte: Ich denke, die Zeit ist so unterschiedlich von 1990 bis jetzt 2015, das können letztlich nur die formulieren, die hier sind, da sieht man, glaube ich, eher von den Abläufen her, woran es auch Parlamentariern vielleicht fehlt. Ich glaube, da dürften sogar die Bediensteten im Parlament einen besseren Überblick haben als die Parlamentarier selbst, denn man fängt neu an und steht vor einer großen Fülle von Aufgaben und weiß eigentlich noch gar nicht, was man brauchen wird.
HAIPL: Google Maps zur Orientierung im Parlament gab es nicht, aber modernere Technik hielt Einzug in den Alltag
BARMÜLLER: Ich denke, dass mittlerweile auch mit den modernen Kommunikationsmedien vieles anders geworden ist. Ich kann mich erinnern, in meiner Zeit war es noch etwas total Besonderes, einen Laptop zu haben. Ich habe sogar noch meinen ersten Laptop von damals, der heute ein Riesending ist, schwer und kleiner Bildschirm, also unglaublich. Und wenn man sich die Ausstattung heute anschaut, dann sieht man schon, da liegen Welten dazwischen.
HAIPL: Wir sehen also: am Anfang sind die meisten ein bisschen lost in Parliament, aber with a little help from my friends findet man sich bald zurecht an diesem besonderen Arbeitsplatz, dem Parlament. Auch ganz ohne Google Maps.
Falls Sie sich nach dieser Folge etwas verloren fühlen sollten und eine oder mehrere Fragen haben, oder etwas ergänzen möchten, müssen Sie sich gar nicht durch die verwirrende Architektur des Parlaments kämpfen. Sie können uns einfach an diese E-Mail-Adresse schreiben: podcast@parlament.gv.at. Wenn wir können, weisen wir Ihnen gerne den richtigen Weg. Und wenn Ihnen diese Folge gefallen hat, dann abonnieren Sie diesen Podcast gerne oder hinterlassen uns eine Bewertung. Das würde uns sehr freuen.
Weitere Orientierung rund ums Parlament und seine Geschichte finden Sie auf den Social-Media-Kanälen des Parlaments und auf der Webseite www.parlament.gv.at. Dort finden Sie übrigens auch die Interviews in voller Länge, die diesem Podcast als Grundlage dienen. Ich danke Ihnen fürs Zuhören, freue mich aufs nächste Mal und sage Ciao.