Clemens HAIPL: Herr Dr. Schefbeck, vielen herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, hier zu sein.
Günther SCHEFBECK: Gern.
HAIPL: Sie sind Mitarbeiter der Parlamentsdirektion und wir befinden uns an dem Ort, wo Sie viele Ihrer Interviews gemacht haben. Früher haben Sie die woanders gemacht, glaube ich.
SCHEFBECK: Wir haben die ersten Interviews, wir haben ja ungefähr im Jahr 2015 begonnen, auch im Parlamentsgebäude vor dem Umbau in historischen Räumlichkeiten, insbesondere in Ausschusslokalen gemacht. Das war natürlich ein sehr schönes und stimmiges Ambiente. Das war der Ort, wo die Parlamentarierinnen und Parlamentarier, die wir interviewt haben, ihre parlamentarische Arbeit geleistet haben. Eins haben wir sogar einmal im Plenarsaal gemacht, weil grad kein Ausschusslokal frei war. Das war zwar organisatorisch ein bisschen schwierig und wahrscheinlich auch technisch nicht ideal, aber es war natürlich für die betroffene Gesprächspartnerin ein besonders schönes Gefühl. Also die haben sich immer gefreut, wenn sie in die Räume zurückgekommen sind, die sie kannten aus der Zeit, als sie ihre parlamentarische Tätigkeit absolviert haben. Dann kam die Zeit des Umbaus des Parlamentsgebäudes. Das Parlamentsgebäude stand nicht zur Verfügung. Da sind wir dann an verschiedenen Orten zu Gast gewesen. Zuletzt haben wir, da ich im Stubenring untergebracht war, die meisten Interviews am Stubenring gemacht, in den historischen Räumlichkeiten der Wiener Handelskammer. Auch ganz schön, aber natürlich ohne parlamentarisches Flair. Und nachdem dann das Parlamentsgebäude wieder bezogen worden war, wurde der Vorschlag gemacht, die Gespräche hier in diesem für Videoaufnahmen gedachten Raum zu machen. Und diesen Vorschlag habe ich selbstverständlich gerne aufgegriffen.
HAIPL: Ein gewisses Flair vom Parlament ist ja nicht zu leugnen!
SCHEFBECK: Ja, ich finde ja diese bewegten Hintergründe, wie die Kollegen wissen, nicht ideal, weil vor so einem, vor so einem Hintergrund, der sehr viele detailreiche Darstellungselemente enthält, kontrastiert der Gesprächspartner nicht ideal. Also mir sind uniformere Hintergründe eigentlich lieber. Ich finde, da hebt sich der Gesprächspartner besser ab. Sie wissen das, manchmal macht man bei Interviews für Dokumentationen das ja dann sogar so, dass man den Hintergrund überhaupt ausblendet und sozusagen einen schwarzen oder ähnlich meistens meistens dunklen schwarzen Hintergrund hinter den Gesprächspartner legt, um ihn aus dem Hintergrund besonders gut hervorzuheben.
HAIPL: Da gibt es ja auch diese berühmte Bild-Text-Schere, dass man, wenn einer spricht und eine Schrift im Hintergrund ist, dann schaut man unbewusst auf das, was da steht und hört dem dann gar nicht mehr zu.
SCHEFBECK: So ist es! Also daher: Fokus auf den Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin.
HAIPL: Gut, ich halt einen neutralen Hintergrund davor, damit es keiner sieht. Können Sie sich nur ganz kurz nur für die Leute, die Sie nicht kennen, vorstellen und Ihre berufliche Laufbahn umreißen?
SCHEFBECK: Wenn das Interview irgendwann einmal auf der Website gezeigt werden sollte, dann werden wahrscheinlich die meisten, die sich das anschauen, mich nicht kennen. Daher gern.
HAIPL: Naja, wer weiß was in ein paar 100 Jahren passiert.
SCHEFBECK: In ein paar 100 Jahren. Ja gut, vielleicht kennt man mich dann besser, weil wie schon Qualtinger gesagt hat: In Österreich lebst lang, aber erst, wenns tot bist. So ungefähr.
HAIPL: Und der Falco hat gesagt: In Wien muss sterben, dass sie dich hochleben lassen.
SCHEFBECK: Ja, genau!
HAIPL: Und der Dr. Schefbeck hat vor Kurzem gesagt: Wenn alle Stricke reißen, hänge ich mich auf.
SCHEFBECK: Ist auch nicht von mir!
HAIPL: Ja, das habe ich mir gedacht. Aber gut gebracht. Okay. Spaß beiseite. Sie haben, nehme ich mal, an studiert und wie ist es dann weiter gegangen?
SCHEFBECK: Also ich sehe das ganze Leben ja eigentlich als ein Studium. Es hat innerhalb dieses dem Studium gewidmeten Lebens auch eine Phase formellen Studierens gegeben, in der ich Verschiedenes studiert habe, weil ich habe mich immer schon für sehr Verschiedenes interessiert. Zwei Studien habe ich abgeschlossen, Geschichte und Politikwissenschaft. Geschichte war schon deswegen meine erste Wahl, weil ich immer auf dem Standpunkt von Macauly gestanden bin, wonach Geschichte das Haus ist, in dem alle anderen Wissenschaften wohnen. Also ich habe das mit durchaus interdisziplinärem Anspruch getan, mich damals auch mit Wissenschaftsgeschichte beschäftigt und meine Interessen an den anderen Wissenschaften gut in mein Geschichtsstudium einbauen zu können. Nach Abschluss meines Studiums hat sich mir die Gelegenheit geboten, in die Parlamentsdirektion einzutreten. Die Leitung des Parlamentsarchivs wurde frei und der damalige Parlamentsdirektor hat gemeint, da sollte man einen absolvierten Historiker nehmen und hat sich gut getroffen. Ich bin aber dann sehr bald, wie es auch vielen meiner Vorgänger als Parlamentsarchivar - einschließlich des eben genannten damaligen Parlamentsdirektors ergangen war - in den allgemeinen Parlamentsdienst mit übernommen worden und habe dann verschiedenste Aufgaben im allgemeinen Parlamentsdienst erfüllt, zum Beispiel die Betreuung des Wissenschaftsausschusses über viele Jahrzehnte, was mir ein besonderes Anliegen war, eben gerade aufgrund meines Interesses an Wissenschaft. Neben dem Parlamentsarchiv habe ich die parlamentarische Dokumentation und die Statistik betreut, aber auch damals immer schon ganz verschiedene Dinge, die halt gerade so aufgekommen -heute auf Neudeutsch sagt man "aufgepoppt" sind - gemacht. Zum Beispiel als Mitte der 90er Jahre auf einmal das Internet aufgepoppt ist und niemand wusste, was er damit anfangen sollte, hat man gemeint, der Schefbeck soll das machen. Und so habe ich die Gelegenheit gehabt, gemeinsam selbstverständlich mit Kollegen, insbesondere aus der EDV-Abteilung, die erste parlamentarische Website zu gestalten und bin seither auch sehr an diesen informativen Themen interessiert geblieben und daran, wie die neuen Technologien unsere Gesellschaft beeinflussen und verändern. Und seit dem Jahr 2016 bin ich für Parlamentarismus-Forschung verantwortlich. Auch dies wieder in einem breiten Sinn verstanden, von der Informatik bis hin zur Geschichte. Das Projekt, um das wir, über das wir hier heute sprechen, das Oral History Projekt, habe ich noch als Leiter des Parlamentsarchivs begonnen. Ich finde auch, es ist Aufgabe von Archiven und Aufgabe von Archivaren selbst, sich um die Generierung von Quellen zu bemühen. Und hier ging es eben darum, audiovisuelle Quellen zu schaffen und ehemaligen Mitgliedern der gesetzgebenden Körperschaften, des Nationalrates, des Bundesrats, aber auch des Europäischen Parlaments sowie ehemaligen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Parlamentsdirektion und der Parlamentarischen Klubs die Möglichkeit zu bieten, im Rahmen von Interviews ihre Erinnerungen an ihre Tätigkeit im Parlament Revue passieren zu lassen. Da habe ich damals, als Archivar war begonnen und dann in der Zeit der Verantwortung für Parlamentarismus-Forschung weitergeführt. Ja.
HAIPL: Wie unterscheidet sich die Parlamentsforschung von anderen historischen Forschungsfeldern?
SCHEFBECK: Ja, ich würde eben gerade im Sinne des zuvor Gesagten hervorheben, dass Parlaments-Forschung oder Parlamentarismus-Forschung interdisziplinär ist. Es ist nicht nur historische Forschung, sondern es ist Forschung, die sich dem Parlament aus allen nur möglichen Perspektiven nähert. Aus historischer, juristischer, soziologischer Perspektive. Heute zum Beispiel - ich habe darauf hingewiesen und auch für mich besonders interessant die Frage: Wie verändern die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien das Parlament und seine Arbeit? Also wichtig die Interdisziplinarität, methodisch, thematisch und im Bereich, über den wir hier sprechen, also Oral-History-Projekt, ist es natürlich ein von der Geschichtsforschung heute viel verwendeter Forschungszugang, der aber gar nicht in der Geschichtswissenschaft entstanden ist, sondern eigentlich in der Ethnologie, in der Völkerkunde, wo man um das Leben durchaus das Alltagsleben, aber auch die aus dem Alltagsleben herausragenden Ereignisse des Lebens von Völkern, die man in einem wertfreien Sinn als "primitive" Völker gesehen hat, dokumentieren zu können, schon sehr früh audiovisuelle oder zumindest Audioaufzeichnungen gemacht hat. Ein großer Pionier dieses Zugangs war ein Österreicher, Rudolf Pöch, der solche Aufzeichnungen von seinen Reisen mitgebracht hat, die sich heute im Phonogramm-Archiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften befinden und eine unglaublich wertvolle Quelle sind. 50 Jahre später, nach dem Zweiten Weltkrieg erst, ist dann auch die Geschichtsforschung draufgekommen, dass es interessant wäre, in Interviews, in Gesprächen, gleich ob sie jetzt lediglich schriftlich aufgezeichnet werden oder ob sie, und da ist natürlich der technische Fortschritt die Voraussetzung gewesen, um das in diesem umfassenden Sinne tun zu können, wie wir das heute machen, also audiovisuell dokumentiert sind. Seit etwa einem halben Jahrhundert ist also diese audiovisuell dokumentierte Oral History Forschung ein wichtiger Bestandteil der Geschichtsforschung, der sich besonders auf solche Themenfelder konzentriert, die mit anderen Quellen nicht gut abgedeckt sind. Ein Beispiel: Nehmen wir etwa die Erforschung von Oppositionsbewegungen in autoritären oder totalitären Systemen. Die werden naheliegenderweise keine Akten anlegen über ihre Tätigkeit. Daher gibt es darüber außer den Erinnerungen der Beteiligten oftmals keine Quellen, bestenfalls die Untersuchungsprotokolle der staatlichen Sicherheitsorgane, die solchen Oppositionsbewegungen auf der Spur sind.
HAIPL: Und die sind halt nicht ganz objektiv.
SCHEFBECK: Von Objektivität wollen wir gar nicht reden. Objektivität ist ein Mythos. Die kann es nicht geben. Es gibt immer nur subjektive Zugänge. Aber wichtig ist eben ein Grundsatz, der nicht nur in der Jurisprudenz zu verfolgen ist, sondern auch in der Geschichtsforschung: Audiatur et altera pars - es werde immer auch die andere Seite gehört, also nicht nur verstanden.
HAIPL: Ich hatte einen Sechser in Latein, drum habe ich das nicht verstanden. Peinlich!
SCHEFBECK: Drum muss man Latein verlängern nicht verkürzen!
HAIPL: Ja, da bin ich dabei! Entschuldigung, ich wollte Sie nicht unterbrechen.
SCHEFBECK: Kein Problem. Das heißt, diese Oppositionsbewegungen, ganz gleich, ob das jetzt Oppositionsbewegungen in Russland, in der DDR oder in Südafrika oder Namibia sind, die sind in den vergangenen Jahrzehnten durch Oral History Projekte systematisch erforscht worden. Ein anderes Themenfeld: Alltagsgeschichten. Auch aus der Alltagsgeschichten haben wir oft keine schriftlichen Quellen. Weil wenn man im Alltag lebt, hat man oft nicht die Zeit oder nimmt sich oft nicht die Zeit, seine alltäglichen Handlungen schriftlich zu dokumentieren, zumal sie für einen selbst ja ohnedies selbstverständlich sind, also gar nicht dokumentierenswert erscheinen. Und dann kommt die Geschichtsforschung und sagt: Es ist aber eigentlich wichtig, dass wir dokumentieren, wie du dein Leben gelebt hast. Und so haben wir heute erfreulicherweise schon große Bibliotheken, also jetzt sowohl audiovisuelle Bibliotheken als auch als Frucht dieser Projekte dann Buch-Bibliotheken von Dokumentationen, welche das Alltagsleben von Menschen unterschiedlicher Berufe, unterschiedlicher sozialer Hintergründe dokumentieren. Österreich hat zum Beispiel, der Professor Mitterauer, ein Sozialhistoriker der Universität Wien, eine solche Buchreihe mit herausgegeben. Und da gibt es wunderbare Bücher über das Leben der Beamten, ebenso wie das Leben der Köchinnen und über das Leben der Mägde, ebenso wie über das Leben der Adeligen. Also Lebenswelten, die sonst verloren wären, die einen vielleicht ein bisschen besser dokumentiert, die der Beamten ein bisschen besser, als die der Köchinnen, aber trotzdem.
HAIPL: Na viel denk ich mir auch der Alltag von Parlamentariern in freier Wildbahn und mit versteckter Kamera.
SCHEFBECK: Und, und… na gut, die versteckte Kamera ist eine andere Methode. Wir haben über Objektivität gesprochen. Wir wissen Objektivität gibt es nicht. Die Unschärferelation der Sozialwissenschaft, der empirischen Sozialforschung sagt, der Beobachter, beeinflusst immer das Geschehen. Der Fragesteller beeinflusst immer die Antworten. Die versteckte Kamera ist eine der wenigen Möglichkeiten, wie man diesen Einfluss reduzieren kann. Wenn jemand damit rechnet, dass eine Kamera versteckt sein könnte, in dem Moment, wo man das einmal erfahren hat, dann ist das Verhalten ja schon wieder verändert. Daher ist der Vorschlag, versteckte Kameras in den Klubräumlichkeiten und in den Couloirs und in dem Besprechungszimmer aufzuhängen, hochinteressant. Wir aber wahrscheinlich politisch nicht durchsetzbar sein. Daher begnügen wir uns mit der zweitbesten Lösung, nämlich dem nachträglichen Oral-History-Interview.
HAIPL: Wie unterscheiden sich diese Interviews von herkömmlichen journalistischen Interviews in der Herangehensweise an der Fragestellung?
SCHEFBECK: Selbstverständlich ist das journalistische Interview auf den jeweiligen tagespolitischen Bezug fokussiert und die Antworten der Gesprächspartner genauso. Das Oral-History-Interview wird aus einer gewissen zeitlichen Distanz geführt und das erleichtert es den Gesprächspartnern, ihre Antworten ebenfalls aus einer gewissen Distanz zu geben. Nicht mehr so sehr von dem Bestreben geleitet, sich jetzt gegenüber der Öffentlichkeit, gegenüber dem politischen Mitbewerber und vor allem natürlich der veröffentlichten Meinung rechtfertigen zu müssen. Sondern das Schöne an den Oral-History-Interviews ist, dass wir sehr oft nicht, nicht in allen, aber in den meisten Interviews sehr freimütige offene Antworten bekommen. Es kommt schon vor, dass ein Gesprächspartner dann sagt: Das kann ich aber nicht vor der Kamera sagen, das sage ich euch auch erst nachher. Und das können wir dann natürlich auch nicht auswerten. Das können wir dann auch nicht für Veröffentlichungen verwenden. Aber sofern etwas nicht irgendwie untergriffig oder beleidigend oder Staatsgeheimnisse verraten oder sonst was ist, bekommen wir sehr, sehr offene, sehr freimütige Antworten von unseren Gesprächspartnern und das macht die Interviews zu einer wertvollen Quelle. Zumal sie frei sind von dem Rechtfertigungszwang, vor dem der Politiker und die Politikerin immer steht, solange er im aktiven politischen Leben steht. Daher ist natürlich die die Leitlinie der Auswahl der Gesprächspartner: Es sind nur solche Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen, die nicht mehr im aktiven Leben stehen. Manche sind erst vor ein paar Jahren aus dem aktiven politischen Leben ausgeschieden, manche vor ein paar Jahrzehnten. Aber sie stehen nicht mehr in der Tagespolitik.
HAPL: Weil Sie gesagt haben, die parlamentarische Parlamentarierinnen - also Ex-Parlamentarier:innen - stehen nicht mehr unter dem Zwang, die Opposition zu beeindrucken, die Wähler zu beeindrucken. Die können da auch leichter...
SCHEFBECK: Die Opposition kann man nicht beeindrucken. Man kann ja nur, man kann ja nur keine Munition liefern.
HAIPL: Aber die Damen und Herren werden wahrscheinlich dann trotzdem auch unbewusst den Antrieb haben: Wie stehe ich in der Zukunft? Wie wird… wie stehe ich da?
SCHEFBECK: Den hat jeder, der über sich spricht, das ist ja völlig klar. Man kann über sich selbst nicht Anführungszeichen objektiv sprechen, aber das ist ja mit kalkuliert in der Methodik der Oral History. Das weiß man ja als jemand, der ein Oral-History-Projekt führt. Und wenn es dann zum Beispiel an die Edition von Oral-History-Gesprächen geht, dann wird man selbstverständlich die Aussagen mit anderen historischen Quellen abgleichen und wird unter Umständen, wo sie Diskrepanzen aufweisen, auf diese Diskrepanzen hinweisen. Solche Diskrepanzen können selbstverständlich ganz schlichte Erinnerungslücken sein. Ich gehe mal davon aus, in den meisten Fällen wird das so sein. Das wird keine bewusste Lüge sein. Selbstverständlich hat jeder Mensch den Wunsch, sich in gutem Licht zu zeigen. Das wird aber in der Regel nicht in bewusster, falscher Angabe sich äußern, sondern eher in Auslassungen. Man wird eher nicht das erzählen, was man, wovon man nicht möchte, dass es die Öffentlichkeit über einen weiß. Aber auf bewusste Täuschungsversuche oder Lügen bin ich eigentlich nie einem Gesprächspartner oder einer Gesprächspartnerin draufgekommen.
HAIPL: Nachdem die Gesprächspartnerinnen ja so unterschiedlich sind wie alle anderen Menschen, stellt sich mir die Frage: Haben Sie einen standardisierten Fragenkatalog oder müssen sie da jeweils auf die Person eingehen? Beziehungsweise, wenn sie im Gespräch draufkommen, hoppala, der reißt mir raus und möchte da irgendwie schwadronieren, brauchen Sie dann ein bisschen psychologisches Gespür, dass Sie spontan adaptieren die Fragestellungen?
SCHEFBECK: Also es gibt einen Grundkatalog und zwar einen Grundkatalog für jeden der drei Gesprächskreise, von den ich zuvor gesprochen habe: ehemalige Mitglieder der gesetzgebenden Körperschaften, dann ehemalige Klubmitarbeiter und ehemalige Mitarbeiter der Parlamentsdirektion. Diesen Fragenkatalog schicken wir auch den Gesprächspartnern im Vorhinein, dass sie ungefähr eine Vorstellung haben, in welche Richtung das Gespräch geht. Es entwickelt sich jedes Gespräch aber ganz individuell. Erstens einmal hat natürlich jeder Gesprächspartner seinen eigenen Lebensschwerpunkt. Ein Abgeordneter, der Zeit seines Lebens in Opposition war, wird vielleicht mehr über parlamentarische Kontrolle sprechen, als über Gesetzgebung. Ein Abgeordneter, der immer einer Regierungsfraktion angehört hat, umgekehrt mehr über Gesetzgebung als über parlamentarische Kontrolle. Die ist jetzt nur als ein ganz einfaches Beispiel. Manch einer war mehr international unterwegs, manch einer hatte dann einen Schwerpunkt in der Europapolitik. Also selbstverständlich berücksichtigen wir diese persönlichen Lebensschwerpunkte. Ich kenne die Gesprächspartner ja auch. Fast keinen hätte ich nicht persönlich gekannt im Vorhinein. Das ist ja das Angenehme, dass man und auch persönlich sympathische, dass man Menschen wiedertrifft, den man vielleicht lange nicht gesehen hat, aber früher gut gekannt hat. Aber ich weiß jedenfalls, wo die persönlichen Schwerpunkte liegen und führe dann jedes einzelne Gespräch entsprechend dieser persönlichen Schwerpunkte.
HAIPL: Und wonach werden die Partner:innen ausgewählt? Nach Verfügbarkeit? Oder gibt es da eine Prioritätenliste von Ihrer Seite?
SCHEFBECK: Wir haben natürlich in der ersten Phase des Projekts bemüht, zunächst einmal, ich sage es ganz offen, ältere Gesprächspartner einzuladen, aufgrund der Befürchtung oder sich einfach aus allgemein menschlicher Erfahrung ergebenden Erwartung, dass die möglicherweise nicht mehr so lange zur Verfügung stehen würden. Darum war der Altersdurchschnitt in der ersten Phase des Projekts, das waren die ersten 57 Interviews, jetzt haben wir 130, auch deutlich höher, als jetzt. In der ersten Phase war aber bei 77 Jahren. In der zweiten Phase ist er jetzt bei 70 Jahren. Und abgesehen von dieser Alterspriorität haben wir uns natürlich von vornherein bemüht, in verschiedener Hinsicht möglichst ausgewogen zu selektieren. Ausgewogen in vier verschiedenen Dimensionen: Erstens einmal natürlich im Hinblick auf die Partei- bzw. die Fraktionszugehörigkeit, dann im Hinblick auf die Zugehörigkeit zu den verschiedenen Organen: Nationalrat, Bundesrat, Europäisches Parlament. Weiters im Hinblick auf die regionale Herkunft: Wir wollten selbstverständlich nicht nur Wiener und Wienerinnen interviewen, obgleich ich zugeben muss, dass in diesem Kriterium schon ein gewisses Übergewicht in Wien unvermeidlich war. Die Wiener, die man einlädt, kommen natürlich eher als die Vorarlberger. Ist halt so. Aber wir haben aus allen Bundesländern mittlerweile genug Gesprächspartner, Gesprächspartnerinnen, um sagen zu können, sie sind alle gut vertreten. Also dieses Kriterium ist vielleicht nicht ganz ausgewogen, sehr gut ausgewogen. Gemessen an der Gesamtzahl der potenziellen Gesprächspartner, da sind wir wieder im vierten Kriterium, das ist das Geschlecht. Wir haben uns natürlich auch von Anfang an darum bemüht, Männer und Frauen möglichst ausgewogen zu berücksichtigen. Und wenn man das jetzt abgleicht mit der Gesamtzahl potenzieller Gesprächspartner, ist der Frauenanteil sogar etwas überproportional.
HAIPL: Was wahrscheinlich relativ schwierig ist, wenn man denkt, vor 30 40 Jahren waren es deutlich weniger Frauen.
SCHEFBECK: Genau darum, darum ist im Verhältnis zur Gesamtzahl der Frauenanteil überproportional, aber auch im Verhältnis zur heutigen Mitgliederstruktur der gesetzgebenden Körperschaften ist er durchaus proportional.
HAIPL: Gibt es eine Person, die Sie gerne interviewt hätten aus dem Parlamentarismus aber wo Sie die Gelegenheit nicht mehr hatten oder die Person nicht wollte?
SCHEFBECK: Es gibt natürlich unendlich viele Menschen, die ich gerne interviewt hätte und die zu früh gestorben sind. Jeder stirbt zu früh. Aber wenn man den Wunsch hat, einen Menschen auch einmal wie in unserem Fall zu interviewen und er stirbt vorher, dann tut es einem irgendwie besonders in der Seele weh. Es ist immer schwierig, einen Namen jetzt hervorzuheben, weil man will ja nicht einen anderen beleidigen, den man auch gerne, um bei unserem Beispiel zu bleiben, interviewt hätten. Aber wenn Sie mich nach einem Namen fragen, dann nenne ich den Namen Ludwig Steiner, den ich schon als Abgeordneten besonders geschätzt habe. Er war eigentlich fast, hat eigentlich fast das Ideal eines über der Alltagspolitik stehenden Parlamentariers verkörpert, was sehr schwer ist für einen Parlamentarier. Aber er war ja gelernter Diplomat und hat da natürlich diese, diese ausgleichende Wesensart entwickelt. Er hat ein unglaublich reiches, abwechslungsreiches Leben geführt, das ihn dann letztendlich ins Parlament geführt hat, wo er beispielsweise, als Obmann von Untersuchungsausschüssen eine von allen Parteien anerkannte Rolle eines ehrlichen Maklers gespielt hat. Und er war ein großartiger Erzähler von Anekdoten. Also wenn man ihn getroffen hat, am Abend bei Veranstaltungen, bei Empfängen und mit ihm ins Gespräch gekommen ist, man ist immer bereichert um eine wunderbare, unterhaltsame und aussagekräftige Anekdote von ihm weggegangen. Also den hätte ich wirklich gerne interviewt. Und er ist knapp, bevor wir mit dem Projekt beginnen konnten, gestorben.
HAIPL: Das tut uns allen natürlich leid. Gibt es da einige Anekdoten von ihm, die Sie vorher nicht gewusst haben? Kommt das öfters vor, dass da Menschen Anekdoten erzählen?
SCHEFBECK: Ja, ja, ja. Also es gibt manche, die erzählen leidenschaftlich gern Anekdoten. Es gibt andere, denen fallen sie nur mühsam ein. Das hängt auch wieder mit der Persönlichkeitsstruktur zusammen. Aber wir haben viele sehr nette Anekdoten gehört, manche im Gespräch, manche, ich habe es vorher schon angedeutet, außerhalb des Gesprächs, nach dem Gespräch. Die darf man dann natürlich nicht veröffentlichen, auch wenn es schade ist, aber persönlich bereichernd sind.
HAIPL: Ich weiß, Sie möchten nicht gerne Ihre Lieblingsperson oder Ihre Lieblingsanekdote erwähnen, aber interessieren würde es mich schon: Gibt es irgendeine Anekdote, wo Sie sich denken, das war großartig, das möchte ich gerne erzählen?
SCHEFBECK: Na gut, also Lieblingsperson werden Sie sicher keine von mir zu hören bekommen, aber eine Lieblingsanekdote: Kreisky am Rednerpult in einer Zeit, als lange Reden noch selbstverständlich waren. In einer Zeit, als man von Reden insbesondere eines Bundeskanzlers noch eine gewisse intellektuelle Brillanz erhofft hat, als man von ihnen noch erwartet hat, dass sie fundiert sind. Und so hat sich Kreisky bemüßigt gefühlt, in dieser Rede aus einem Buch zu zitieren. Zwischenruf aus dem ÖVP Sektor: "Des war a Jud!" Betretenes Schweigen. Kreisky blickt sich um, spricht dann weiter. Einige Minuten später zitiert er wieder aus einem Buch, und nach Ende des Zitats fügt er hinzu: "Das war a ana". Begeisterung. Er hat der Situation den Stachel genommen. Er hat gezeigt, er ist erhaben über solche Angriffe, die indirekt in diesem Zwischenruf enthalten waren.
HAIPL: Das ist in der Tat großartig. Vielen Dank. Wie tun Sie sich, oder wie funktioniert… wie kann man sich das vorstellen? Sie haben ja mit ehemaligen Parlamentariern zu tun aus dem gesamten politischen Spektrum. Beeinflusst die politische Herkunft die Gesprächsführung von Ihrer Seite aus?
SCHEFBECK: Mich nicht. Also ich bin Parlamentsbeamter. Mein berufliches Credo ist: Jeder, der vom Volk ins Parlament gewählt ist, verdient gleichermaßen meine Unterstützung. Das war vom ersten Tag an meine Leitlinie und wird es bis zum letzten Tag meiner Tätigkeit im Parlament sein. Daher ist selbstverständlich für mich völlig unerheblich, welcher politischen Partei oder Fraktion ein Gesprächspartner oder eine Gesprächspartnerin angehört. Sie sind mir alle gleich viel wert.
HAIPL: Und ich weiß schon, Objektivität gibt es nicht. Aber muss man besonders darauf schauen, dass die Art der Fragestellung die Antworten nicht so sehr beeinflusst?
SCHEFBECK: Selbstverständlich. Das ist das einzige, was man machen kann, um nicht zu sehr diese Unschärferelation auszulösen: nicht suggestiv fragen. Na selbstverständlich, das ist das kleine Einmaleins, das ist das Handwerkszeug der Fragestellung. Das gilt ja nicht nur Oral Story, das gilt ja zum Beispiel für andere Arten der Befragung, Umfragen zum Beispiel, genauso. Also das steht ganz außer Zweifel.
HAIPL: Na gut, im Journalismus, wird’s oft… da weiß man es zwar auch, aber da macht man es bewusst, um das zu hören, was man gerne hören möchte. In der Forschung geht das nicht.
SCHEFBECK: Das ist ja eine andere Motivation. In der Forschung geht das auch. Aber es sollte nicht sein.
HAIPL: Das hoffen wir doch sehr. Gut. Gibt es irgendwelche überraschenden, besonders beeindruckenden Ergebnisse, mit denen Sie überhaupt nicht gerechnet hätten?
SCHEFBECK: Nein. Ich bin nicht mehr zu überraschen nach 40 Jahren im Parlament.
HAIPL: Das ist schade eigentlich, oder?
SCHEFBECK: Nein, nein, nein. Es gibt so vieles in der Welt, was einen noch in Staunen versetzt. Die Wunder der Natur. Aber das Parlament kann mich nicht mehr überraschen.
HAIPL: Also in der Geschichtsforschung im Parlament überrascht Sie nichts mehr, aber die Natur schon?
SCHEFBECK: Ja.
HAIPL: Das klingt sehr freundlich. Also, ich kann es nachfühlen. Ja. Genau. Fallen Ihnen oder Sind Ihnen irgendwelche Besonderheiten aufgefallen zum österreichischen Parlamentarismus im Vergleich zum internationalen?
SCHEFBECK: Ja, also es gibt natürlich keinen internationalen Parlamentarismus, wenn man jetzt nicht die interparlamentarische Union oder ähnliche Organe als internationalen Parlamentarismus werten will. Jeder nationale Parlamentarismus hat seine Tradition, und wir haben ja, das darf man ja auch nicht vergessen, auch unterhalb der nationalen Ebene regionale Parlamentarismen. Der Vorarlberger Landtag agiert anders als der Wiener Landtag und Gemeinderat. Und so geht das weiter, letztendlich bis auf Ebene der Kommunalpolitik, der Gemeinderäte, die keine parlamentarische Funktion haben nach österreichischem Verständnis. Also selbstverständlich jede nationale Parlament hat unterschiedliche Traditionen, hat unterschiedliche Geschäftsordnungen, obgleich das Geschäftsordnungsrecht durchaus international auf gemeinsame Wurzeln zurückgeht. Vieles mündet letztlich in der Mutter der Parlamente im House of Commons, wo dann die Standing Orders schon im späten 18. Jahrhundert analysiert wurden, nach Frankreich, dann in die USA transferiert wurden, in europäische Parlamente transferiert wurden. Also diese Traditionsstränge kann man beobachten. Daher gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen den Parlamenten. Nehmen wir zum Beispiel mal die Arbeitsteilung zwischen Plenum und Ausschüssen, eine Gemeinsamkeit, die wir in vielen Parlamenten finden. Aber es gibt natürlich eben auch unterschiedliche nationale, kulturelle Traditionen. Der österreichische Parlamentarismus, würde ich sagen, ist insgesamt besser als sein Ruf. Er hat, wenn man die heutige Einschätzung der Politik im Allgemeinen, des Parlaments im Besonderen in der Bevölkerung betrachtet, so wie sie sich aus demoskopischen Ressourcen ergibt, nicht den allerbesten Ruf. Wenn man ihn vergleicht mit anderen Parlamenten, läuft der österreichische Parlamentarismus nach meiner Einschätzung in durchaus geordneten Bahnen. Die Debatten, auch wenn sie manchmal nicht jene Erhabenheit über die Untergriffe des Alltags haben mögen, die man sich wünschen würde als Zuhörer, verlaufen geordnet. Die Diskussionskultur ist besser als in manch anderen Parlamenten. All das bedeutet nicht, dass nicht noch Luft nach oben wäre. Aber insgesamt, denke ich, ist der österreichische Parlamentarismus besser als der Ruf, den er manchmal hat. Er hat sich gut entwickelt in den vergangenen 70 Jahren. Aus dem sehr starren Gegenüber von Koalitionsparteien und kleinen, fast machtlosen, fast überforderten Oppositionsparteien in der Zeit der sogenannten alten Großen Koalition, wo Parlamentsdebatten häufig sehr dürr waren, wo man gemerkt hat, das sind innerhalb der Koalition fertig geschnürte Pakete, die hier abgeladen und zum Rubber Stamping freigegeben werden. Dann kam die Phase der Alleinregierungen, die aber durchaus von oftmals guter Zusammenarbeit zwischen Regierungspartei und Oppositionsparteien geprägt waren. Man wollte es nicht auf die große Konfrontation ankommen lassen. Da hat man durchaus gelernt, gewisse parlamentarische Spielräume zu schaffen, auch für inhaltlichen Austausch zwischen Regierung und Opposition. Und dann, seit 1986, hat sich der Parlamentarismus ja auch schon durch die Vermehrung der Zahl der parlamentarischen Fraktionen weiter verändert. Es kamen die Grünen, die zum Teil ganz neue Interaktionsstile in den parlamentarischen Betrieb eingebracht haben. Es kamen dann die Liberalen, die wiederum eine Nische besetzt haben, die bis dahin frei geblieben war. Es ist dadurch auch schwieriger geworden, das zu erzielen, was früher als Qualität eines Konsens-Parlaments galt, nämlich einstimmige Ergebnisse, weil klarerweise bei fünf Fraktionen weniger leicht Einstimmigkeit zu erzielen ist, es bei drei Fraktionen. Aber selbst wenn für das österreichische Parlament das gilt, was im Prinzip auch für viele andere Parlamente gilt, nämlich dass in der legislativen Arbeit der Schwerpunkt in der Vorbereitung der Gesetze auf Regierungsebene liegt und der inhaltliche Einfluss des Parlaments auf die Inhalte, auf die Gesetze, beschränkter ist, als man sich das vielleicht wünschen würde, wenn man meint, im Parlament könnten noch viele Aspekte beleuchtet werden, eingebracht werden, die auf Regierungsebene vielleicht noch nicht in einen Gesetzentwurf gelangt sind, so kann man doch insgesamt, denke ich, guten Gewissens sagen, dass das Parlament im Gesetzgebungsprozess mehr ist als bloß ein Staatsnotariat. Andererseits ist es natürlich ganz besonders wichtig, die Kontrollfunktion des Parlaments zu entwickeln. Schon seit langem ist es auch in der Parlamentsforschung, auch in der Politikwissenschaft unbestritten, dass die Kontrolle vielleicht sogar die wichtigere Aufgabe eines Parlaments ist, als die Gesetzgebung. Eben weil die Ressourcenverteilung, nicht nur in Österreich, sondern auch anderswo in der Regel so ist, dass das Parlament gar nicht die legistische Kompetenz hat, um jetzt aus sich heraus ohne Unterstützung durch die Regierung Gesetze zu machen. Aber Kontrolle? Das kann das Parlament besorgen, auch ohne diesen großen Apparat zur Verfügung zu haben, den die Regierungsinstitutionen eben nur einmal haben. Daher also ist es wichtig gewesen, in den vergangenen Jahrzehnten, insbesondere seit der Geschäftsordnungsreform 1975, die Kontrollrechte des Parlaments schrittweise zu erweitern. Das hat zum Beispiel letztlich im Jahr 2014 dazu geführt, die Untersuchungsausschüsse in die Verfügungsgewalt, also die Einsetzung von Untersuchungsausschüssen, in die Verfügungsgewalt parlamentarischer Minderheiten zu übertragen, was jetzt dazu führt, dass Untersuchungsausschüsse zu einer Art Dauerzustand geworden sind. Auch wieder übers Ziel geschossen, also das wird sich vielleicht irgendwann mal einpendeln müssen. Aber insgesamt kann man wiederum sagen, dass das Parlament nicht zahnlos ist, was seine Rechte anbetrifft, die Vollziehung, also die Tätigkeit der Regierung, zu kontrollieren. Wie wichtig das ist, lernen wir auch im Vergleich wiederum mit anderen Staaten. Nehmen wir unseren unmittelbaren Nachbarn Ungarn, wo es schwierig gewesen ist, in den vergangenen Jahren die checks and balances, die notwendigerweise in einem Regierungssystem herrschen müssen, oft eben zwischen Regierung und parlamentarischen Regierungsparteien einerseits und parlamentarischen Oppositionsparteien andererseits so richtig aufrecht zu erhalten. Also ich denke, dass innerhalb dieses, dieser Balance der Kräfte zwischen diesem Regierungsblock auf der einen Seite und der Opposition auf der anderen Seite das österreichische Parlament gut ausgestattet ist, ausreichend Kompetenzen hat, um Kontrollinstrumente effektiv einsetzen zu können, und dass viele Oppositionsparteien das auch sehr systematisch sehr umfassend tun.
HAIPL: Weil Sie gerade Ungarn angesprochen haben: Was würde denn ein Ausländer oder irgendein Besucher Ihrer Meinung nach besonders österreichisch oder speziell am österreichischen Parlament empfinden?
SCHEFBECK: Also er würde sich nicht mehr so darüber lustig machen, wie das der Mark Twain noch gemacht hat vor mittlerweile 130 Jahren. Sie kennen die Geschichte "Story Times on Austria" 1897, Badeni-Krise, parlamentarische Obstruktion, Schreiduelle, Musikinstrumente, Tschinellen und dergleichen mehr, mit denen parlamentarische Debatten abgewürgt werden. Und Mark Twain hat das in seinen Berichten über seine Europareise in der ihm eigenen, ironischen, humorvollen Weise dargestellt. Ich glaube, ein heutiger Beobachter, aber den müsste man mal fragen, das wäre ein neues Oral-History-Projekt. Ein heutiger Beobachter würde dem österreichischen Parlament durchaus europäischen Standard bescheinigen.
HAIPL: Sie haben gerade vorher gesagt, das österreichische Parlament ist im Großen und Ganzen super aufgestellt. Luft nach oben gibt es überall. Was Ihre Arbeit als Historiker anbelangt, haben Sie das Gefühl, dass das Sie genug Möglichkeiten, genug Mittel haben, oder gibt es da auch Luft nach oben?
SCHEFBECK: Die Parlamentsforschung in Österreich ist nicht wirklich so institutionalisiert wie zum Beispiel in Deutschland. In Deutschland gibt es eine eigene Gesellschaft, die sich mit diesem Thema beschäftigt. Die hat Förderungsmittel zur Verfügung, die sie befähigt haben, umfangreiche Editionen herauszubringen von wichtigen parlamentarischen Dokumenten. All das gibt es in Österreich nicht. Ich habe einmal in den 90er Jahren versucht, eine vergleichbare Gesellschaft zu gründen. Aber es war wenig Interesse und Bereitschaft da, sie zu fördern. Und damals sind noch mehr Förderungsmittel in die Wissenschaft geflossen, als das heute der Fall ist. In Zeiten von ständigen Budgetkrisen und ähnlichen Umständen, die es erschweren, die Wissenschaftsförderung auf eine breitere finanzielle Basis zu stellen. Also Parlamentsforschung in Österreich ist durchaus ausbaufähig. Ich würde mir wünschen, dass zum Beispiel auch an den Universitäten mehr Parlamentsforschung betrieben wird. Ich habe einige Jahre hindurch an der Universität Wien unterrichtet und gesehen, es gibt durchaus interessierte Studierende, die man gewinnen könnte für Diplomarbeiten, Dissertationen oder heute heißt es Bachelorarbeiten, Masterarbeiten zu Parlamentsthemen. Es scheinen aber andere Themen an den Universitäten vorrangig behandelt zu werden. Also man könnte viel tun, aber Sie haben es ohnedies in Ihrer Fragestellung angedeutet, ohne dass man sich auch um finanzielle Förderungen bemüht, wird es nicht so leicht gelingen, Menschen dafür zu gewinnen, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Wir dürfen nicht vergessen, gerade viele Historikerinnen, Historiker, Politikwissenschaftler und Politikwissenschaftler leben in durchaus prekären Verhältnissen und müssen daher dort forschen, wo die Förderungen fließen.
HAIPL: Gerade bei Ihrem Projekt mit Oral History, das gewinnt dann noch mehr Relevanz, wenn es über eine besonders lange Zeit geführt wird, nehme ich mal an, das müsste ja die nächsten hunderten Jahre permanent aufgefrischt werden.
SCHEFBECK: Das Oral-History-Projekt ist selbstverständlich im Prinzip unendlich lang weiterführbar. Es kommen immer wieder neue alte Parlamentarier nach, die man fragen kann. Und von Generation zu Generation verändert sich natürlich der Eindruck. Es ist ein Unterschied, ob ich einen Abgeordneten Hauser, mittlerweile leider auch schon verstorben, frage, der noch in der in der alten großen Koalition angefangen hat und dann lange Zeit in der Zeit der Alleinregierung ÖVP Justizsprecher gewesen ist. Oder ob ich eine Abgeordnete Hamann frage, die in der Zeit der Koalition ÖVP-Grüne Bildungssprecherin der Grünen war. Also die Interaktionsmuster haben sich verändert, die Themen haben sich verändert. Daher hoffe ich sehr, dass dieses Projekt mich überlebt und das es das Parlament sich angelegen sein lässt, es auch wenn ich das mal nicht mehr machen kann, weiterzuführen.
HAIPL: Das hoffen wir alle. Aber wir hoffen auch, dass Sie überleben. Haben Sie schon mal, eventuell auch nicht ganz ernst, aber haben Sie schon mal davon geträumt oder sich vorgestellt, was wäre, wenn es vor 130 Jahren, weil wir gerade von Mark Twain geredet haben, was wäre gewesen, wenn es damals Oral History schon gegeben hätte? Hätten Sie da andere Einblicke?
SCHEFBECK: Also es hat tatsächlich ein ganz frühes History Projekt im House of Commons gegeben. In den 1930er Jahren hat man Fragebögen, also da ist das natürlich noch ein schriftlicher Form geführt worden, also insofern ist es nicht Oral History, aber es ist im Grunde der gleiche Gedanke, ehemalige Parlamentarier zu befragen über ihre parlamentarischen Erfahrungen. Also da wurden die aus damaliger Sicht, aus Sicht der 1930er Jahre alten ehemaligen Parlamentarier, deren Erinnerungen halt bis ins späte 19. Jahrhundert zurückreichten, befragt. In Österreich hat man so etwas leider nicht getan. Darum sind gerade die Informationen, die man eben nur in einem Oral-History-Gespräch gewinnen kann oder mit einem Oral-History-Ansatz gewinnen kann, sei es auch in schriftlicher Form, für das österreichische Parlament des 19. Jahrhunderts einfach nicht verfügbar. Wir sind angewiesen auf kleine Bemerkungen in Memoiren, in der Memoirenliteratur, wo hin und wieder sich dann ein Satz findet, wie zum Beispiel: "Ja, selbst in der Bretterbude..." Sie wissen vielleicht, im Volksmund war der Ausdruck Bretterbude üblich für das provisorische Gebäude des Abgeordnetenhauses, das sich an der unteren Währinger Straße befunden hat, bevor dieses Parlamentsgebäude errichtet wurde. "Ja, in der Bretter Bude war es zwar eng, aber es war eigentlich sehr gemütlich." Woher wüssten wir das sonst? Da gab es eben kein Oral History, sondern da gibt es nur einen kleinen Satz in einem dicken Memoiren-Band. Und wenn man dann den ganzen dicken Band liest und diesen kleinen Satz findet, dann hat man wieder was gelernt über den Alltag des Parlamentarismus. Nämlich dass, als die Abgeordneten dann von dieser beengten Bretterbude in das großartige marmorne Parlamentsgebäude am Ring übersiedelt sind, doch auch ein bisschen nostalgisch geworden sind und sich gedacht haben: Aber früher war es eigentlich auch ganz schön.
HAIPL: Ich finde ja, gerade solche Aspekte machen das ja viel greifbarer für die Nachwelt. Also, weil das menschlich ist. Aber weil wir im Vorfeld, bevor die Kameras eingeschaltet waren, haben wir uns kurz über das Essen im Parlament unterhalten und haben Sie auch sehr interessante Geschichten erzählt, dass die Leute früher weniger Fleisch, mehr Kartoffeln gegessen haben…
SCHEFBECK: Das wissen wir natürlich aus der allgemeinen Alltagsgeschichte. Wir wissen, die Lebensverhältnisse der Menschen haben sich verändert, die Essgewohnheiten der Menschen haben sich verändert, auch das Konzept von gesundem Essen hat sich völlig verändert. Was wir tun können, ist ein Blick in historische Kochbücher zu werfen: Wenn wir sehen, wie viele Eier, wie viel Fett und dergleichen da beispielsweise verwendet worden ist, da würde man heute die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, und würde sagen: Cholesterin! Also diese Grundkonzepte haben sich schon mal verändert. Die Entwicklung der Speisekarten des Parlamentsrestaurants können wir leider nicht verfolgen. Da haben sich leider keine Quellen erhalten. Was sich gelegentlich in Akten erhalten hat, sind Speisekarten für besondere Anlässe, also zum Beispiel internationale Besuche. Da gibt man dann, auf Neudeutsch heißt es ein "Social Dinner", und für das wird halt im Vorhinein eine ausgeklügelte Speisekarte entwickelt und die findet man dann in einem Akt. Das ist aber natürlich nicht repräsentativ für das Alltagsessen im Parlamentsrestaurant.
HAIPL: Es geht ja auch um das Parlament, insofern… Eine letzte oder vorletzte Frage noch, weil das haben wir auch vorher besprochen, bevor wir aufgenommen haben: Der Aspekt der digitalen Archivierung. Sie haben angesprochen, es gibt so viele Informationen, Stichwort Internet, soziale Medien, dass das gar nicht gespeichert werden kann. Jetzt werden aber letztlich auch Ihre Oral-History-Projekte digital gespeichert. Können Sie kurz das Thema generell anschneiden und dann im Hinblick auf Ihre persönliche Arbeit?
SCHEFBECK: Das ist natürlich für die Archive heute ein großes, wenn nicht vielleicht überhaupt das wichtigste Thema: Wie verhindern wir, dass aus der Informationsflut, mit der wir uns heute durch die neuen Medien konfrontiert sehen, in einigen Jahrzehnten eine Informationswüste wird, weil von den heute produzierten digitalen Informationen so wenig überleben wird. Dass insgesamt wenig überleben wird, steht ganz außer Zweifel, schon aufgrund des Missverhältnisses zwischen Informationsproduktion und Produktion von Speichermedien. Umso wichtiger ist es, aus diesem, aus dieser Fülle, aus dieser Vielfalt der produzierten Information diejenige auszuwählen, die man als archivwürdig betrachtet. Und das eben nicht nur im Hinblick auf traditionelle Regierungssystem-Information, sondern eben auch auf Alltagsinformation, auf Information über das Alltagsleben, wie es sich heute zum Beispiel in den Social Media widerspiegelt. Wie aber extrahiert man daraus jenen Sukkus, jene konzentrierte Masse an Informationen, die man als repräsentativ ansieht, um die heutigen Lebensverhältnisse für die Nachwelt zu dokumentieren? Das ist ein großes inhaltliches Thema. Es ist aber natürlich auch ein technisches Thema. In technischer Hinsicht kann man einerseits die im Rahmen einer Emulationslösung die heutigen technischen Plattformen nachbilden, um in den Archiven die digitalen Daten im technischen Rahmen ihrer Entstehungszeit reproduzieren zu können. Oder man trifft, ich verkürze das alles jetzt natürlich sehr, eine Konvertierungslösung und konvertiert dann Daten von Generation zu Generation, um sie auf dem jeweils aktuellen Niveau der Hardware- und Softwareumgebung bereithalten zu können. Hardware impliziert natürlich auch, die Berücksichtigung des Umstandes, dass zumindest die heutigen Datenträger kurzlebig sind. Also schon aufgrund der Kurzlebigkeit dieser Datenträger ist es wichtig zu migrieren, Daten zu migrieren, von einem Datenträger auf einen anderen, ohne dass dabei Informationen verloren gehen. Also wir haben sowohl organisatorische als auch technische Probleme, die Archive zu lösen haben, um zu verhindern, dass wir über unsere Zeit irgendwann einmal schlechter informiert sein werden, also über das 19. Jahrhundert. Was jetzt speziell letztere anbetrifft: Wir haben eine Vereinbarung mit der Österreichischen Mediathek, das ist die in Österreich maßgebliche Institution für die Archivierung audiovisueller Daten. Wir wissen, dass die Österreichische Mediathek systematisch darauf achtet, sich auf dem jeweils aktuellen Stand der Technik zu halten, was die Archivierung audiovisueller Daten betrifft. Und aus unserer Sicht ist die Österreichische Mediathek daher jene Institution, der wir es am ehesten zutrauen können und müssen, audiovisuelle Daten nachhaltig zu sichern. Daher: Selbstverständlich archivieren wir die Daten auch im Haus, aber um ganz sicher zu gehen - Double Backup ist im Übrigen sowieso immer sinnvoll bei digitaler Archivierung - um ganz sicher zu gehen, dass die Daten, die wir in den Oral-History-Projekten gewinnen, erhalten bleiben, bedienen wir uns der Österreichischen Mediathek.
HAIPL: Jetzt aber wirklich die allerletzte Frage. Wenn Sie sich irgendwas wünschen könnten, abgesehen von mehr Budget, sei es jetzt Präsenz in der Öffentlichkeit, Mittel, was auch immer, Was würden Sie sich für das Projekt Oral History wünschen?
SCHEFBECK: Ja, noch wichtiger als mehr Budget, ist mehr Zeit. Das heißt, ich hoffe natürlich, dass sich mir die Möglichkeit bieten wird, das noch eine Weile zu machen. Und alles andere, was Sie genannt haben, ist auch wichtig. Ich glaube, es ist jetzt durchaus ein Prozess im Gange, der die Erträge des Oral-History-Projekts, das wir in den letzten zehn Jahren gemacht haben, der Öffentlichkeit immer besser vermittelt. Wir haben einerseits gedruckte Publikationen, wir haben andererseits eine Webpräsentation, die Schritt für Schritt angereichert wird um weitere Gespräche. Und ich hoffe sehr, dass es damit…
HAIPL: Einen ganz tollen Podcast gibt es auch!
SCHEFBECK: Es gibt angeblich auch einen tollen Podcast.
HAIPL: Angeblich, habe ich gehört.
SCHEFBECK: Ja, das habe ich auch gehört.
HAIPL: Aber ich bin ja kein Historiker.
SCHEFBECK: Ja, das habe ich auch gehört. Wenn wir das beide gehört haben, muss schon was dran sein.
HAIPL: Das sollten Sie vielleicht erforschen!
SCHEFBECK: Also jedenfalls. Es ist eine Diversifizierung der Strategien in der Öffentlichkeitsarbeit in den in den letzten Jahren eingetreten, von der ich sehr hoffe, dass sie die Erträge, die wir erzielt haben, in diesem Projekt einer immer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen würden.
HAIPL: Wir arbeiten alle daran. Vielen lieben Dank, Herr Dr. Schefbeck für das Gespräch.
SCHEFBECK: Gerne.