Interviewer: Herr Präsident, danke, dass Sie sich die Zeit nehmen für das Gespräch. Wir wollen über Ihre Zeit als Parlamentarier sprechen, und die hat ja begonnen im Bundesrat, 1976. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie in den Bundesrat eingetreten sind, und was sind Ihre Erinnerungen an Ihre Angelobung im Bundesrat?
Dr. Robert Lichal: Ja, wie sind meine Erinnerungen? Also, es war in den 70er Jahren, dass ich von der Kollegenschaft in der Niederösterreichischen Landesregierung gedrängt wurde, in der Politik weiterzumachen und auch in eine gesetzgebende Körperschaft zu gehen, um sie besser vertreten zu können. Und da war vorgesehen, dass ich in den Landtag komme; das war Mitte der 70er Jahre, ich glaube, 1974. Da war ich dann auf der Landtagsliste bei diesen Wahlen an letzter Stelle, am sogenannten Kampfmandat, das aber sicher erschien, dieses Kampfmandat. Es war vorgesehen, dass ich in den Niederösterreichischen Landtag einziehe, denn der vormalige Obmann Siegfried Ludwig ist ja in die Landesregierung gewechselt, hat daraufhin die Personalvertretung aufgeben müssen – er kann ja nicht alles sein, das war, wie gesagt, aufgrund der Verfassung nicht möglich –, und ich bin sein Nachfolger geworden als Obmann der Zentralpersonalvertretung der niederösterreichischen Landesbediensteten mit 16 000 zu vertretenden Personen, vom Landesamtsdirektor bis zur Aufräumerin oder zum Straßenwärter, also 16 000 quer durch den Gemüsegarten: Kindergärtnerinnen – Niederösterreich war ja das einzige Bundesland, in dem die Kindergärtnterinnen Landesbedienstete waren und noch immer sind. Dadurch war eigentlich sehr viel zu tun, wir haben erfolgreich gearbeitet, haben zuerst daran gearbeitet, eine Vertretung zustande zu bringen, früher konnten wir aufgrund eines Figl-Erlasses Personalvertretungswahlen durchführen, später ist dann ein Gesetz gemacht worden, und Ludwig hat das natürlich schon auf seine Fahnen geheftet und im Landtag vertreten. Es war also sehr wichtig, der Landtag war für uns die wichtigste parlamentarische Organisation, weil dort dann letztendlich die Gesetze für die Landesbediensteten beschlossen worden sind.
Und ich habe mich sehr gefreut, und alle waren sehr hoffnungsfroh: Der Lichal kommt in den Landtag, hurra! Eine gewisse Durchschlagskraft hat man mir ja damals schon attestiert, da haben sie gesagt: Wenn der jetzt im Landtag ist – hurra! -, dann wird es uns gut gehen. Und, wie gesagt, ich war an letzter Stelle, am Hoffnungsmandat, das wir aber sicher erreichen werden, die ÖVP ist damals sehr gut gelegen, ja, und drei Tage vor den Wahlen habe ich erfahren, dass man mich heruntergenommen hat von dieser Liste und einen gewissen Manndorff, den Bürgermeister von der Hinterbrühl, draufgegeben hat. – Und das war natürlich schon ein schwerer Schlag. Ich habe mich geärgert und habe es aber hingenommen – interessanterweise. Jetzt, als Alter, kann ich ja zurückblicken: Heute würde man das nicht mehr akzeptieren, da würde man eine neue Partei gründen oder irgendeine Splittergruppe oder irgendetwas. Ich habe mich nur geärgert, habe es aber hingenommen, und meine Leute letztendlich auch. Und das war, muss ich sagen, schon etwas Außergewöhnliches, dass wir trotzdem nicht ausgerastet sind oder "ausgebüchst" sind aus unserer Gesinnungsgemeinschaft, wie das jetzt laufend passiert. Der Badener erfolgreiche ÖVP-Bürgermeister [Breininger] ist vor einigen Jahren mit einer eigenen Liste gegangen, weil er von der ÖVP zu wenig Unterstützung gehabt hat … Oder wenn man liest, Busek hat auf einmal irgendeine andere politische Gruppierung gewählt (Interviewer: Griss), war aber Bundesparteiobmann der Österreichischen Volkspartei! Man kann sich das alles gar nicht vorstellen, es ist aber so.
Und der ganze Ärger war da, die Wahlen sind gekommen, und ich habe es verkraftet. Und um mich etwas zu beschwichtigen, hat der damalige Landesparteiobmann Georg Prader, der Ex-Minister, der sechs Jahre Minister war unter der Regierung Klaus, dann gesagt: "Pass auf, interessanterweise … Bundesrat, das kann ja die Partei praktisch vergeben, denn den beschließt ja der Landtag, nicht? – Wenn der frei wird vom Spindelegger, vom Erich Spindelegger frei wird, dann kriegst du den Bundesrat!" Na, da habe ich wieder einige Jahre treu gearbeitet, und auf einmal sind die Wahlen gewesen, und ich habe den Bundesrat bekommen – nach zehn Jahren. Und so bin ich in den Bundesrat gekommen und war dann drei Jahre im Bundesrat und dann im Nationalrat als Mitglied und dann Minister, also auf der Ministerbank, und dann wieder Mitglied des Nationalrates und am Präsidentenstuhl. Das heißt, ich habe den Parlamentarismus kennengelernt durch eine lange Periode und durch verschiedene Sichtmöglichkeiten. Ich habe doch Jahrzehnte mit diesem Haus zu tun gehabt, und da muss ich ehrlich gestehen, das ist dann doch ein etwas schwieriger Abschied.
Ich habe auch heute mitgelitten mit dem Heinz Fischer, mit dem ich ja vier Jahre im Präsidium war, ich kann mir vorstellen, dass es dem heute nicht ganz gut geht bei diesem Abschied. Am Anfang denkt man sich: 12 Jahre, das ist ja lange, das ist ja undenkbar, und dann vergehen die wie ein "Fluscher".
Ja, und auf einmal war ich im Bundesrat. Und im Bundesrat habe ich es damals recht schnell zu einem Vielredner gebracht. Das geht aus den Protokollen hervor, die mir meine Mitarbeiter dann in schwarzes Leder gebunden am Ende meiner Laufbahn gegeben haben, das ist ja unglaublich, aber wunderbar. Also, da habe ich meine ganzen Reden und Beiträge drinnen. Und somit war ich dann drei Jahre im Bundesrat, habe diesen kennengelernt. Ich glaube schon, in der ganzen Diskussion um die Notwendigkeit des Bundesrats … man hat versucht, Verbesserungen zustande zu bringen, es gab das Rederecht der Landeshauptleute, die das dann teilweise wahrgenommen haben, teilweise nicht, aber es ist halt ein bisschen eine schwierige Sache, weil der Bundesrat ja doch unter dem Kommando des Landeshauptmannes und der jeweiligen Landespartei steht, was verständlich ist, der Nationalrat steht ja auch oft unter der Fuchtel des Klubobmannes. Aber das ist auf der Bundesebene ganz anders als auf der Bundesratsebene.
Der Vorteil war, dass ich sehr oft zum Reden gekommen bin. Das war natürlich eine gute Schulung, muss ich jetzt fast sagen, weil ich ja unter den schwierigsten Verhältnissen gesprochen habe, denn damals ist das Rednerpult ja noch vor der Fraktion der Sozialisten und später Sozialdemokraten gestanden. Man hat das Weiße im Auge des Schipani gesehen, also des Klubobmannes der Regierungspartei damals, und ich war ja in der Oppositionspartei, die ÖVP war in der Opposition. Und da hat man dann schon seine Erfahrungen gemacht. Und der Herbert Schambeck, der damals unser Klubobmann war und als Stellvertreter im Bundesrat immer wieder gewählt wurde – die Leute haben schon geglaubt, er ist pragmatisiert – das stimmte aber nicht, er ist immer wieder gewählt worden … (Heiterkeit), also der ständig gewählte Vorsitzende-Stellvertreter damals. Er selber hat sich ja dann bemüht, dass aus dem "Vorsitzenden" ein "Präsident" geworden ist. Somit hat auch heute natürlich der Präsident des Bundesrates sprechen können – das geht nur auf die Initiative des Herbert Schambeck zurück, weil der natürlich nie nur Vorsitzender sein wollte, der wollte Präsident werden – und das ist er geworden. In den Nationalrat ist er nicht gegangen, das hat man ihm angeboten, aber ich glaube, dass ihm die Aufstellereiprozedur beim Nationalrat vielleicht zu mühsam war, er wollte Professor sein und Professor bleiben, und da war der Bundesrat natürlich wesentlich gescheiter als der Nationalrat, wo es doch ein bisschen turbulenter zugeht.
Ja, und da habe ich dann sozusagen reden gelernt. Gut, reden habe ich schon gelernt im niederösterreichischen Landesdienst, als ich da reingekommen bin, war dort der Gassner, der Johann Gassner, der auch einmal Nationalrat gewesen ist und leider zu früh verstorben ist, der hat mich umarmt und gesagt: "Gott sei Dank, jetzt haben wir …! Du machst jetzt das Politische Referat!" und hat mich hinausgeschickt – in Niederösterreich sind sehr viele Dienststellen –, und da habe ich dann in einem Zug 93 Straßenmeistereien machen dürfen. Und da hat man natürlich unterschiedliche Aufmerksamkeit, die einem entgegengebracht wird. (Heiterkeit.) Wenn das in Langenlois war … wir waren immer nach den Dienstbesprechungen … als Personalvertretung wurde uns eingeräumt, auch unsere Probleme zu besprechen, aber nach den dienstlichen Aufgaben. Naja, aber da haben ein paar sich schon innerlich abkühlen müssen, und daher war dann die Aufmerksamkeit nicht mehr das, und die Zwischenrufe wurden einmal sehr hart, und da hat man schon gelernt, als Volkstribun zu sprechen, sagen wir es so – professorale Vorträge konnte man nicht mehr halten, das war ausgeschlossen, aber: Es hat gutgetan!
Und ich erinnere mich mit Freude an eine Episode, da ist es damals um die Erhöhung der Mehrwertsteuer gegangen – die hat Androsch gemacht. Und wir haben als Opposition dagegen gewettert, das kann man sich vorstellen, nicht wahr? Und ich habe dann zu den Damen, Kolleginnen der Sozialistischen Fraktion, gesagt: "Schauen Sie auf Ihre Hände, betrachten Sie ihre Hälse, blicken Sie sich um, und gehen Sie zum Spiegel …" Alles, der ganze Körper, war silber-, gold- und juwelengeschmückt. Das hat sie ins Herz getroffen. Und da haben wir eine Bundesrätin gehabt, die war bei der Straßenbahn, die ist von hinten vorgestürmt und hat mir die Faust unter die Nase gehalten, und hat geschrien: "18 Joar" – oder so etwas – "bin i bei da Stroßnbahn, oba des hot man no kana g’sogt!" Also, da ist es zugegangen! – es war turbulent. (Heiterkeit.) Aber es war schön, wir waren in der Opposition, und der Bundesrat war halt belebt. Ich kann sagen: Ich habe Leben hineingebracht. Aber als sie mich einmal gesehen hat vor Jahren, sie war sehr lieb und freundlich, hat sie zu mir gesagt: "Erinnern Sie sich noch …?" "Ja, ich kann mich noch gut erinnern, Sie hätten mich bald geschlagen!" Die ist vorgestürzt mit der Faust und hat mir die unter die Nosn g‘hoitn. Und so waren einige Sachen …
Ich kann mich erinnern, der Prof. Wellenhof, der war Intendant in Graz und in der Steiermark, dem waren oft meine Auftritte dort unangenehm. Der war Hofrat, aber ich war auch Hofrat, aber ich war halt ein atypischer Hofrat nach seiner Meinung. (Heiterkeit.) Aber es war in der Politik halt oft etwas anders.
Und so ist die Bundesratszeit vorbeigegangen, und es wird weiter diskutiert, ob er notwendig ist oder nicht, und ich glaube, man sollte es lassen, so wie es ist, weil alle diese radikalen Änderungen, die man durchgeführt hat, sind eigentlich "in die Hosn gangan".
Etwas, was mich betrübt, und was ich jetzt auch kritisiere – wobei ich es ablehne, dass die "Oidn" von der Loge herunterkeppeln wie die Muppets und sagen: "Wir waren besser!", nein, das nicht –, aber eines, was mich stört: Das Erscheinungsbild des Parlaments ist katastrophal geworden! Und ich habe in meiner ganzen Dienstzeit hier, ob im Bundesrat oder dann im Nationalrat als Zweiter Präsident dafür gekämpft, dass man natürlich auch durch die äußerliche Erscheinung der Würde dieses Hauses Rechnung trägt. Denn ich bin der Meinung, die Kleidung und das Erscheinungsbild der Person trägt auch die Achtung vor der Institution. Da geht es nicht darum, ob der mit offener Krawatte dort sitzt … und wenn man jetzt schaut, glaubt man ja, es ist eine ganze Bande von entsprungenen Häftlingen manchmal (Heiterkeit), die irgendwie einen vorzeitigen Haftentlass bekommen haben. Und ich habe damals ja nur den – wie hat der geheißen? – Wabl … den Wabl aus Kärnten (Interviewer: Steiermark), mit dem bin ich in ständigem Clinch gelegen. Wenn ich am Präsidium war, habe ich ja ein offenes Hemd nicht geduldet, das habe ich ja nicht geduldet. Mitarbeiter, die oben bei der Regierungsbank rechts gesessen sind nur im Hemd oder schlecht angezogen, die habe ich hinausgeworfen – also richtig hinausgeworfen.
Und da gibt es eben die eine lustige Episode, die werde ich auch in meinem Buch beschreiben, die verrate ich auch jetzt: Eines Tages geht ein Mitarbeiter eines Klubs der Grünen in Hemdsärmeln im Plenarsaal herum. Ich habe mir die Ordnerin schicken lassen, die ist gekommen, sehr lieb, und hat gesagt: "Bitte, Herr Präsident, was kann ich für Sie tun?" Ich habe gesagt: "Der Mann dort, der muss ein Sakko anziehen, sonst muss er den Plenarsaal verlassen!" Die ist weggegangen: "Ja, mach‘ ich." Nach einer Zeit ist sie wiedergekommen und hat gesagt: "Bitte, der hat kein Sakko!" Da haben sie mich natürlich "gepflanzt". "Der hat kein Sakko!" Da habe ich gesagt: "Dann soll er sich eines ausborgen!" "Ja, Herr Präsident!" Sie ist wieder fortgegangen, ist wieder weggewesen, nach einer Zeit ist sie wiedergekommen: "Herr Präsident, …" "Ja, was ist jetzt?" "… dem borgt niemand eines!" (Heiterkeit.) Da habe ich gesagt: "Hinaus mit ihm!" – und habe ihn hinausgeworfen.
Mit dem Wabl habe ich den Kampf um die Krawatte geführt und habe mir gedacht – es war zu Weihnachten –, ich kaufe ihm eine. Und ich habe ihm eine gekauft, mit einem Urwaldmuster oder so etwas, was halt den Grünen gefallen hat, vielleicht waren auch ein paar Affen drauf … (Heiterkeit), das weiß ich nicht mehr, es war eine Dschungelkrawatte. Und die habe ich ihm geschenkt in der Verpackung, und als er ins Plenum gekommen ist, habe ich zu ihm gesagt: "Herr Kollege, alles Gute zu Weihnachten, wenn Sie mir eine Freude machen wollen, bitte tragen Sie die." Er hat sie umgebunden, im Plenum war ein Hallo, alle haben geschrien: "Wabl, wo host denn de Krawattn her?", und er hat gesagt: "Die hab‘ ich vom Herrn Präsidenten als Christkindl bekommen." So wollte er mich pflanzen.
Wabl war ein Vielredner. Bei seiner nächsten Rede am gleichen Tag kommt er wieder ohne Krawatte. Das ganze Plenum hat geschrien: "Wabl, wo ist die Krawatte?" Er hat sich hingestellt, hat sie aus der Rocktasche herausgezogen, hat sie hergezeigt, alle haben gelacht, weil da die Affen drauf waren … (Heiterkeit), da haben natürlich wieder alle gebrüllt, und er hat die Krawatte gehalten und hat gesagt: "Die habe ich vom Herrn Präsidenten zu Weihnachten geschenkt bekommen, auf die muss ich aufpassen!" – und hat sie in die Tasche gestopft. So hat er mich gepflanzt. Also, der war natürlich ein schwieriger Fall, aber ansonsten habe ich es damals noch zustande gebracht, dass jeder mit Krawatte da war und die Damen ordentlich waren und die Herren ordentlich.
So kann ich sagen, dass es ein Problem in unserem Staat, in unserer Gesellschaft gibt, dass eigentlich die Ordentlichkeit verlorengegangen ist. Und das zeigt sich im Parlament. Denn es kann mir keiner sagen, dass das so beeinträchtigend ist, eine Krawatte zu tragen, sondern man will zeigen, das ist leger und das ist das Volksverbundene. Schauen wir uns einmal die jungen Mädchen oder die jungen Frauen an: Jetzt gehen sie schon mit dem Knie heraußen und haben schon solche Löcher, nicht mehr nur einen Schnitt, sondern solche Löcher – die sind schon in Fetzen gehüllt! (Heiterkeit.) Heute gehen die jungen Frauen … früher haben sie gelacht über die Chinesinnen, die alle gleich angezogen waren mit dem Mao-Anzug, ich war in China noch mit dem Schambeck, und das haben wir dort gesehen – und die schauen jetzt genauso aus! Früher haben die Eltern, die Mütter, den Mädeln halt Stopfen und Nähen beigebracht und gesagt: "Seid ordentlich! Man geht ordentlich fort!" und so weiter. Und wenn jemand ins Theater gegangen ist, war jemand noch ordentlicher, hat er sich herausgeputzt. Warum? – Theater hat etwas mit Kultur, hat etwas mit Kunst zu tun, da habe ich eine Achtung vor dieser Institution Theater und mute einem anderen Theaterbesucher nicht zu, dass ich mit einem zerrissenen Gewand geh‘. Und das ist, was eigentlich bekämpft gehören würde, das ist die Unordentlichkeit. Das hängt natürlich mit Disziplin zusammen.
Und da ich ja später die Funktion eines Verteidigungsministers gehabt habe, glaube ich, mit eine Ursache dafür ist, kein Bundesheer absolvieren zu müssen, weil die Disziplin verlorengegangen ist. Denn beim Bundesheer ist erstmals ein junger Bursch mit Disziplin bekannt gemacht worden, er musste etwas tun, was er vorher gar nicht gekannt hat. Und wenn man Jahre später mit denen redet, dann waren die alle begeistert. Das vom Schinden und so weiter, das ist alles eine Schimäre – in einzelnen Fällen wird es vorgekommen sein, keine Frage, aber man könnte fast sagen, es sind die jungen Burschen gereift: Sie sind Männer geworden beim Bundesheer! Und heute geht das alles nahtlos ineinander über, und es entsteht diese Unordentlichkeit, die schon nachahmenswert erscheint.
Wenn einer ins Theater geht, und ich war jetzt … bitte, ich bin ein Kämpfer nach wie vor … ich habe ein paar Abonnements, darunter auch ein Musikabonnement, zu dem bin ich später gekommen, denn ich war immer Theaterliebhaber, ich wollte ja einmal auf die Bühne. Und ich habe bei meiner Abschiedsrede gesagt, ich habe damals meinen Wunschtraum um 300 Meter verfehlt: Das Burgtheater ist es nicht geworden, aber das Parlament ist ja auch eine Bühne gewesen, nicht? Das war eine ganz gute Rede, und ich habe einstimmigen Applaus und Hallo gehabt und so weiter.
Also diese Veränderung im Parlamentarismus und alle, die dem nachgeben: "Na, das macht ja nix …", ist immer mehr ein Schlag gegen die Würde der Institution. Und wenn ich vor etwas keine Achtung habe, dann benehme ich mich auch gegen diese Institution nicht mehr korrekt, sondern abwertend. Und so schaut es aus. Und das kann man jetzt aufhängen an mangelnder Disziplin, das kann man daran aufhängen, dass die Ordentlichkeit verlorengegangen ist, dass der Zwang, sich an irgendwelche Regeln zu halten, verlorengegangen ist. Wenn ich ins Restaurant gehe und schaue, wie die Leute dort essen: Es ist erschreckend! Du hast ja Angst, dass dir der im nächsten Moment mit Messer und Gabel das G‘sicht zerschneidet, so weit hat er Messer und Gabel oben und fuchtelt herum und kann mit dem Löffel gar nicht mehr richtig umgehen. Jeder hält ihn so [macht eine entsprechende Handbewegung] und macht dann so eine Ausfallbewegung und damit kann er, wenn er wo enger sitzt … dem anderen haut er dabei eine in die "Go". Also: Sie können nicht essen, sie sind schlecht angezogen. Es ist also ein Abstieg überall, wo Werte in irgendeiner Weise zu beachten sind – angefangen bei der Kleidung, beim Benehmen, beim Essen, in allen Bereichen. Und das wirkt sich beim Parlamentarismus aus.
Ansonsten: Wir haben schon Krisen überwunden; es war damals die Abspaltung von Heide Schmidt natürlich eine Riesenaufregung. Es hat einmal der Nationalratspräsident … also es war damals die Wahl des Rechnungshofpräsidenten … die Sozialdemokraten wollten den Doralt und wir den Fiedler. Und die Freiheitlichen, die auch für den Fiedler waren, haben auf dem Stimmzettel ein "F" gemacht, eine Kennzeichnung vorgenommen … eine Kennzeichnung des Wahlzettels, worauf der Präsident Fischer damals eine Mordsaufregung, einen Mordswirbel geschlagen hat – wir waren knapp vor einer Parlamentskrise. Das Präsidium hat pausenlos getagt und so weiter. Und da glaube ich, damals doch einen wesentlichen Beitrag geleistet zu haben und das Ganze wieder in normale Bahnen gebracht zu haben, weil ich vorgeschlagen habe, was natürlich nicht vorkommt in der Geschäftsordnung: Na, dann wählen wir halt noch einmal. Ich habe mir gedacht, dann können jetzt die Freiheitlichen, die da das "F" gemacht haben, bei der Neuwahl das nicht mehr machen. Und darauf ist dann der Präsident eingestiegen und die anderen, und es ist so gemacht worden, es ist wieder gewählt worden, und es ist natürlich die gleiche Zahl herausgekommen, und wir haben im Nationalrat einen Rechnungshofpräsidenten gehabt, den Fiedler, der das dann zwölf Jahre ordentlich gemacht hat, und die ganze Geschichte war erledigt. Aber jetzt war schon wieder ein Wirbel, um den Rechnungshofpräsidenten ist immer ein Wirbel, wobei der Rechnungshofpräsident überwertet wird, nicht? Denn er ist ja ein Organ des Nationalrates, bitte, also nahezu Weisungsgebundener des Nationalrates, er muss dem Rechenschaft ablegen. Aber das hat sich herausgebildet, dass der Rechnungshof eigentlich sui generis für sich ein eigenes Gebilde ist. Eine eigene Institution ist er schon, aber er arbeitet im Auftrag des Nationalrates und nicht im Auftrag einer Partei. Und dass die Parteien eine Rolle spielen in einer parlamentarischen Demokratie, das können wir halt nicht leugnen. Das muss so sein, sonst würde ja das Chaos wirklich restlos, also ich bin nach wie vor ein Anhänger der Parteiendemokratie, weil sich eben die Leute, die gleich denken, zusammenschließen müssen. Und ich bin der Meinung, jeder hat auch das Recht – jede Generation, muss man sagen, wobei ich ja schon in der letzten Generation bin –, jede Generation hat das Recht, das Zusammenleben von Menschen in einer Gemeinschaft nach ihrer Vorstellung zu gestalten. Denn das ist Politik! Politik ist ja nichts anderes als die Notwendigkeit und Verpflichtung, das Zusammenleben in einer Gesellschaft zu gestalten. Und dazu haben sie das Recht, und sie haben auch die Pflicht, nur manche wollen sich dieser Pflicht entziehen und sagen, das ist ein Blödsinn und so weiter: das ist ein Unsinn. Die demokratische Ordnung, die demokratische Willensbildung mit dem Parlamentarismus, so wie wir ihn haben, dass wir in einer parlamentarischen, freien Gesellschaftsordnung leben können … wie hat schon der Churchill gesagt? – Es ist eh schlecht, aber – ich will mich gar nicht wiederholen – er kennt keine bessere. Und ich muss sagen, jetzt bin ich in einem Alter, eben morgen 84, dass ich rückblickend sagen kann: Ich bin seit meinem 18. Lebensjahr politisch tätig. Und ich bin mit 18 Jahren in den ÖAAB eingetreten, und ich habe damals nicht einmal gewusst, was das ist, ich habe geglaubt, das ist etwas zum Essen. (Heiterkeit.) 1950 war das Essen eben das Wichtigste. Da hat man an andere Sachen noch nicht gedacht, und dann hat man sich halt für die Gemeinschaft … und dann bin ich dort halt zuerst einmal kassieren gegangen. Das waren eben solche Dienste für junge Leute, wenn du erst 18 bist … Und ich bin dann langsam hineingewachsen mit der Zeit – dann Personalvertretung … und Personalvertretung ist eigentlich die schönste politische Tätigkeit, aber sie setzt sich fort, weil man da – und jetzt kommt das Wichtige –, weil man da bereit ist, mehr zu tun als nur an sich selbst zu denken. Jeder, der politisch tätig ist, ob in einem Verein – ich meine jetzt politisch im Sinne von Gemeinschaft, "polis" ist ja die Gemeinschaft –, oder dann in der Gemeinde oder im Land oder im Bund, wo auch immer, als Personalvertreter, als Betriebsrat, als Abgeordneter, das ist vollkommen wurscht, wer bereit ist, mehr zu tun als an sich selbst zu denken, sondern auch an den anderen, ist eigentlich der Träger unseres Systems. Und das sollte man hochhalten, und das sollte man eigentlich auch in der Würde beachten.
Dieses System ist sicher das beste, das man sich vorstellen kann, und dass es da zu Auseinandersetzungen kommt – mein Gott, wenn sie im Rahmen stattfinden … Ich habe auch noch in meiner Abschiedsrede gesagt im 94er Jahr: Wenn es Auseinandersetzungen gibt, seien wir froh, wenn sie herinnen im Haus stattfinden und nicht vorm Haus – das muss man vermeiden. Also Demokratie, die Auseinandersetzung, das Austauschen unterschiedlicher Standpunkte muss immer unter der Prämisse stehen, eine Verbesserung des Zusammenlebens von Menschen in einer Gemeinschaft zu gestalten. Das ist das Wesentliche von Politik!