News 23.04.2025, 09:57

156 Jahre Parlamentsbibliothek

Mit der "Allerhöchsten kaiserlichen Entschließung" legte Kaiser Franz Joseph I. den Grundstein für die Geschichte der Parlamentsbibliothek. Er folgte damit dem dringenden Wunsch der Abgeordneten nach einer eigenständigen Informationsversorgung.

So sah der Lesesaal der Reichsratsbibliothek um 1890 aus.

"Zu einer Bibliothek des Reichsrathes vollkommen geeignet", schien dem damaligen Reichsratspräsidenten Moriz von Kaiserfeld die Bibliothek des Staatsrats. Rund 6.000 Bände des aufgelösten Staatsrats bildeten den Kern der Parlamentsbibliothek. Heute umfasst ihre Sammlung 370.000 Bücher. Räumlich änderte sich für die neue Bibliothek des Reichsrats nach der Übernahme vorerst jedoch nichts. Sie blieb in den Räumen des ehemaligen Staatsrats in der Bankgasse 10, da der Platz im provisorischen Gebäude für das Abgeordnetenhaus, der sogenannten "Bretterbude" am Schottentor, für eine Bibliothek nicht ausreichte. Am 2. September 1874 wurde der Grundstein des Parlamentsgebäudes an der Wiener Ringstraße gelegt.

Prägende Persönlichkeiten der Parlaments­bibliothek

Der längstdienende und mit 24 Jahren jüngste Direktor der Parlamentsbibliothek war Siegfried Lipiner. Unter seiner Leitung von 1881 bis 1911 wurden der Bestand und das Personal der Parlamentsbibliothek ausgebaut. Er zählte zu den prägendsten Kultur- und Geistesgrößen Wiens um die Jahrhundertwende. Er pflegte Kontakte unter anderem zu Friedrich Nietzsche, Richard Wagner und vor allem zu Gustav Mahler.

Siegfried Lipiner war von 1881 bis 1911 Leiter der Bibliothek.

Einer der wohl bekanntesten Bibliothekare der Parlamentsbibliothek war Karl Renner. Obwohl er zu seinem Vorstellungsgespräch bei Siegfried Lipiner im Jahr 1895 eine ganze Stunde zu spät erschien, konnte Karl Renner überzeugen. In der Bibliothek war Renner bis 1907 tätig, bevor er nach der Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten Männerwahlrechts zum Reichsratsabgeordneten gewählt wurde. Später bekleidete Karl Renner die höchsten Ämter des Landes. Der von ihm erarbeitete Materienkatalog kam in der Parlamentsbibliothek noch bis 1994 zum Einsatz.

Handschriftliche Eintragung von Karl Renner in den Kapselkatalog der Parlamentsbibliothek.

Frauen in der Geschichte der Parlaments­bibliothek

Hilda Rothe begann 1920 in der Parlamentsbibliothek und setzte sich in der Zeit des Nationalsozialismus für ihren Erhalt ein. Durch zahlreiche Verhandlungen gelang es ihr, den Termin zur Auflösung der Bibliothek bis zum Kriegsende in Wien zu verzögern. Rothe war in der Ersten Republik die einzige Frau mit Hochschulabschluss im Inneren Dienst. Während ihrer Laufbahn wurde sie bis zur Oberstaatsbibliothekarin befördert – die Leitung der Bibliothek wurde ihr jedoch nie übergeben. Es war Elisabeth Dietrich-Schulz, die mit 1. Jänner 1992 als erste Frau die Leitung der Parlamentsbibliothek übernahm.

Recherchieren, ausleihen, verweilen

Heute umfasst die Sammlung der Parlamentsbibliothek rund 400.000 Bücher und 46.000 Aufsätze, 260 nationale und internationale Fachzeitschriften und Zeitungen und eine digitale Bibliothek.

Die Öffnungszeiten der Parlamentsbibliothek sind am Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag von 8 bis 18 Uhr, am Donnerstag von 8 bis 21 Uhr, am Samstag von 9 bis 17 Uhr und an Sitzungstagen bis zum Ende der Sitzung (jedenfalls 21 Uhr). An Sonn- und Feiertagen ist die Bibliothek geschlossen.

Mit der Wiedereröffnung des Parlamentsgebäudes sind auch zwei Ausstellungen in die Parlamentsbibliothek eingezogen: "Tacheles Reden" klärt über die Gefahren des Antisemitismus auf und "Im Sprachraum der Demokratie" widmet sich der Rolle von Sprache und Schrift im Parlament – von der hitzigen Debatte im Plenum über das Stenographische Protokoll bis zum kundgemachten Gesetzestext.

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