Stellen Sie sich vor, dass die Mauern im Nationalrats-Saal sprechen könnten. Die Mauern könnten viel erzählen. Nach dem 2. Weltkrieg waren die Mauern fast das einzige, was vom Nationalrats-Saal übrig war. Aber der Reihe nach:
Ein Blick auf die Geschichte vom Nationalrats-Saal
1883: Das Herrenhaus im "Reichsraths-Gebäude"
Das Parlament steht in Wien an der Ringstraße. Der Bau hat fast 10 Jahre lang gedauert. Der Architekt war Theophil Hansen aus Dänemark. Er hat das Parlament ganz genau geplant, auch alle Kleinigkeiten. Damals hat das Parlament noch Reichsraths-Gebäude geheißen.
Im Jahr 1883 war das Gebäude fertig. Theophil Hansen hat 2 Säle im gleichen Stil entworfen:
- 1 Sitzungs-Saal für das Herren-Haus
- 1 Sitzungs-Saal für das Abgeordneten-Haus
Im Herren-Haus und im Abgeordneten-Haus waren nur Männer.
Fotos am Bundesversammlungs-Saal zeigen: So hat der Plan für den Saal für das Herren-Haus ausgeschaut. Der Saal für das Abgeordneten-Haus war im gleichen Stil.
1945: Die Spuren vom 2. Weltkrieg
Am 12. März 1938 hat der sogenannte Anschluss stattgefunden. Das bedeutet: Österreich hat dann zum Deutschen Reich gehört. Einige Tage später hat man das Parlament zum Gau-Haus gemacht. Gau war der Name von den National-Sozialisten für einen politischen Bezirk. Das Gau-Haus war das Büro von Josef Bürckel. Bürckel war später Gau-Leiter. Bis zum Ende vom 2. Weltkrieg war hier auch das Büro von der Wiener National-Sozialistischen Partei.
Am 7. Februar 1945 hat eine Bombe das Gebäude getroffen:
- 2 Säulen in der Säulenhalle waren schwer beschädigt. Die Säulen wiegen mehrere Tonnen.
- Auch das Wandfries war schwer beschädigt. Ein Fries ist ein langes und schmales Gemälde.
- Kanonen-Feuer hat den Nationalrats-Saal zerstört.
Kanonen-Feuer hat den Nationalrats-Saal im Jahr 1945 fast ganz zerstört.
1956: Neuer Stil für den Nationalrats-Saal
Man hat lange überlegt: Soll man den Nationalrats-Saal wieder so aufbauen, wie er vorher war? Aber man hätte viele Teile vom Parlament wieder instand setzen müssen. Das hätte viel Geld gekostet. Und der Nationalrats-Saal war fast ganz zerstört. Deshalb hat man diesen Saal erst zum Schluss instandgesetzt.
Außerdem hat es nach dem Krieg zu wenig Bau-Material gegeben. Reparatur-Arbeiten waren plötzlich sehr teuer. Denn man musste ja sehr viele Häuser reparieren oder wieder aufbauen. Auch viele öffentliche Gebäude waren zerstört, zum Beispiel die Wiener Staatsoper. Deshalb haben die Architekten Max Fellerer und Eugen Wörle entschieden: Wir bauen den Nationalrats-Saal gleich modern. Das war der Stil der 1950er-Jahre.
Der Nationalrats-Saal heute, im Stil der 1950er-Jahre. Der Saal steht unter Denkmalschutz.
1956: 1. Sitzung im neuen Saal
Am 8. Juni 1956 hat die 1. Sitzung im neuen Nationalrats-Saal stattgefunden. Damals hat es 165 Nationalrats-Abgeordnete gegeben. Aber die Architekten haben 192 Sitze geplant. Und das war gut so Denn im Jahr 1971 hat Österreich ein neues Wahlrecht bekommen. Seither gibt es im Nationalrat immer 183 Abgeordnete.
Nach der ersten Sitzung im neuen Saal haben sich die Abgeordneten über die bequemeren Sessel gefreut. Diese Sessel sind aber nach 58 Jahren teilweise zusammengebrochen. Deshalb hat man das ganze Parlaments-Gebäude instandgesetzt.
Die 1. Sitzung im neuen Nationalrats-Saal am 8. Juni 1956.
2018: Abgestimmt, abgebaut, abtransportiert
Im Juli 2014 haben Nationalrat und Bundesrat einstimmig beschlossen: Das Parlament braucht eine General-Sanierung, das bedeutet Reparatur und Modernisierung vom ganzen Gebäude. Das hat auch den Nationalrats-Saal betroffen. Der Saal ist jetzt barrierefrei. Der Saal hat auch ein Steck-System. Damit kann man den Saal nach jeder Wahl an die Anzahl von Abgeordneten pro Partei anpassen.
Die Glaskuppel vom Parlament war eine besondere Aufgabe bei der Sanierung. Die Kuppel ist 550 m2 groß. Deshalb hat man große Gerüste gebraucht. Man hat die Wandteile aus Holz Stück für Stück einzeln abgenommen. Später hat man die Teile alle wieder an ihren Platz gesetzt. Ein Kran hat den Adler aus Stahlblech für die Reparatur abtransportiert. Der Adler wieg 650 Kilo.
Umbau vom Nationalrats-Saal bei der General-Sanierung
2023: Wieder-Eröffnung von einem alten neuen Hohen Haus für die Demokratie
Im Jahr 2022 war die General-Sanierung fertig. Zur Wieder-Eröffnung hat es am 12. Jänner 2023 einen Festakt gegeben. Am nächsten Wochenende konnten Besucher:innen das Parlament besichtigen. Viele Menschen aus Österreich und dem Ausland haben mehrere Stunden auf ihren Eintritt gewartet.
Die 1. Sitzung im neuen Nationalrats-Saal war eine Sondersitzung am 25. Jänner 2023. Aber was passiert in dem Saal, wenn gerade keine Sitzung stattfindet? Dann gehen Besucher-Gruppen bei einer Führung durch den Saal. Die meisten Gruppen machen Fotos von sich selbst am Redner-Pult. Vielleicht würden die Mauern auch von diesen Fotos erzählen …?
Viele Besucher:innen fotografieren gern den Adler im Nationalrats-Saal.