News in einfacher Sprache 06.12.2024, 11:22

Palais Epstein: früher private Feste, heute Regierungs-Verhandlungen

Im Palais Epstein treffen sich derzeit ÖVP, SPÖ und NEOS. Sie führen Regierungs-Verhandlungen in der prunkvollen "Bel-Etage". Das ist der erste Stock.

Das Palais Epstein ist über 150 Jahre alt. Früher hat hier die Familie Epstein gelebt.

Podcast: Die Rettung des Palais Epstein

Das ist die neue Folge des Podcasts "Geschichte(n) aus dem Parlament".

Gustav Ritter von Epstein war Bankier

Er hat das Palais beim Architekten Theophil Hansen in Auftrag gegeben.

Theophil Hansen hat auch das Parlaments-Gebäude entworfen.

Den Bau des Palais Epstein hat Baumeister Otto Wagner geleitet.

1871 war das Gebäude fertig.

1872 sind Gustav Ritter von Epstein und seine Frau Emilie eingezogen.

Sie hatten 3 Kinder:

  • Friedrich,
  • Caroline und
  • Margarethe.

Die Familie hat im ersten Stock gewohnt. Die Räume waren prächtig ausgestattet und hatten viele Möbel.

Direkt an der Ringstraße liegen 3 Räume. Die Familie hat sie als Empfangssaal, als Fest- und Tanzsaal und als Speisesaal genutzt. Dort hat die Familie Gäste empfangen und Anlässe gefeiert.

Früher gab es im Palais Epstein also private Feste. Heute wird dort über die nächste Regierung verhandelt.

Wie kommt es dazu und was ist dazwischen passiert?

Im Jahr 1873 sind die Börsen zusammengebrochen. Gustav Ritter von Epstein ist danach Bankrott gegangen. Er hat das Palais 1876 verkauft.

Von 1883 bis 1902 war ein Gasversorgungs-Unternehmen dort: die Imperial Continental Gas Association (ICGA).

Die ICGA hatte ihren Hauptsitz in London. 1877 hat sie einen Vertrag bekommen und war fast das einzige Unternehmen, das Wien mit Gas versorgt hat. Bis zum Jahr 1899. Denn dann ist das erste Wiener Groß-Gaswerk eröffnet worden, das Gasometer.

Danach hat die ICGA die Stadt Wien und das Palais Epstein verlassen.

Viele verschiedene Verwendungen

Von 1902 bis 1922 war der Verwaltungs-Gerichtshof im Palais.

1922 ist der Stadtschulrat hinein gekommen. Er wurde damals neu gegründet.

1938 war der Anschluss von Österreich an das nationalsozialistische Deutschland. Das Palais Epstein wurde für das deutsche Reichs-Bauamt eingenommen.

1945 war der Zweite Weltkrieg zu Ende.

Wien ist in 4 Besatzungs-Zonen eingeteilt worden. Jede Zone ist von einem Land der Alliierten verwaltet worden. Die Alliierten waren die USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion.

Das Palais Epstein war 10 Jahre lang der Sitz der sowjetischen Verwaltung.

1955 haben die Alliierten Österreich verlassen. Der Stadtschulrat hat schon im April 1945 einen Antrag gestellt, dass er wieder ins Palais Epstein einziehen kann. 1955 hat er das wieder beantragt.

Viele Teile des Palais sind renoviert worden, dann kam 1958 der Stadtschulrat wieder hinein. Er hat das Gebäude bis ins Jahr 2000 genutzt.

Aber 1998 hat die Bundes-Immobilien-Gesellschaft das Palais gekauft. Davor hätte es fast eine japanische Bank um 120 Millionen Schilling gekauft.

Begriffe einfach erklärt

Die Arbeit im Parlament ist sehr umfangreich und vielfältig. Es gibt viele Fachbegriffe. Diese Begriffe werden auf der Parlaments-Website einfach verständlich erklärt: 

Begriffe einfach erklärt

Zu wenig Platz im Parlament

Andreas Khol war früher Abgeordneter der ÖVP. Er hat erzählt: 1980 hat man als neues Parlaments-Mitglied kein Büro bekommen, sondern nur ein Postfach.

Andreas Khol hat darüber im Projekt "Oral History" berichtet. Die Parlamentsdirektion hat das Projekt 2015 gestartet. Sie interviewt dafür ehemalige Parlaments-Mitglieder und Parlaments-Mitarbeiter:innen.

1986 sind die Grünen zum ersten Mal in den Nationalrat gekommen. Davon hat Freda Meissner-Blau erzählt. Sie waren damals 8 Personen und sind in den "Blauen Salon" gesteckt worden. Dort hat es nur 2 Tische gegeben, sonst nichts.

Sigurd Bauer war damals Parlaments-Vizedirektor. Er hat 1997 vorgeschlagen, dass das Parlament das Palais Auersperg mit Park kauft. Im Interview für "Oral History" hat Sigurd Bauer gesagt, dass dort sicher Platz für ein Bürohaus gewesen wäre.

Heinz Fischer war damals Nationalratspräsident. Er hat sich nicht getraut, das Palais Auersperg zu kaufen, hat Sigurd Bauer erzählt. Denn das war kurz vor einer Nationalratswahl.

Es hätte nicht gut ausgeschaut, wenn das Parlament dann ein Palais um 80 Millionen  Schilling kauft.

Ein Palais für das Parlament

Aber dann hat es eine andere Gelegenheit gegeben. Sigurd Bauer hat erfahren, dass das Palais Epstein verkauft wird. Der Ministerrat hatte das schon beschlossen. Eine japanische Bank wollte das Palais kaufen.

Bauer hat es noch einmal versucht: Er wollte Heinz Fischer überzeugen, das Palais Epstein zu kaufen. Das Palais hatte eine schwierige Geschichte, weil es ein nationalsozialistisches Gebäude war. Aber es war vom gleichen Architekten wie das Parlaments‑Gebäude. Dieses Kulturgut muss man retten, hat Sigurd Bauer gesagt.

Heinz Fischer war wieder nicht begeistert. Andreas Khol war damals Klub-Obmann der ÖVP. Er hat geholfen, Heinz Fischer zu überzeugen. Auch Peter Kostelka war dafür, er war damals Klub‑Obmann der SPÖ.

Das Parlament hat dann gemeldet, dass es das Palais Epstein selbst braucht und so hat der Ministerrat nicht mehr darüber gesprochen.

Am 19. November 1998 hat es eine Präsidial‑Sitzung des Nationalrats gegeben. Dort ist einstimmig beschlossen worden, dass das Palais Epstein für das Parlament genutzt werden soll.

Einige Menschen haben die Entscheidung aber kritisiert. Es hat Pläne gegeben, dass das Palais als Museum oder für die Erinnerung an den Nationalsozialismus genutzt wird. Das hat Heinz Fischer 2017 in einem Interview erzählt. Auch die Medien haben damals kritisiert und gefragt, wozu das Parlament so viel Platz braucht.

Am Ende haben 5 Parteien zugestimmt, dass das Parlament das Palais nutzen soll. Die Bundes-Immobilien-Gesellschaft hat den Auftrag bekommen, das Palais zu kaufen.

Danach ist das Palais renoviert und wieder in einen guten Zustand gebracht worden. Das war aufwendig.

Ab 2005 konnte das Parlament das Palais nutzen.

Heute steht das Palais Epstein für viele Zwecke zur Verfügung:

  • Verwaltungs-Arbeit der Parlamentsdirektion
  • Abgeordnete und ihre Mitarbeiter:innen
  • Demokratie-Werkstatt
  • Veranstaltungen und Konferenzen
  • Regierungs-Verhandlungen