News in einfacher Sprache 12.07.2024, 14:41

Welche Barrieren gibt es bei Wahlen für Menschen mit Behinderungen?

Für viele Österreicher:innen sieht ein Wahltag so aus:

  • Sie gehen ins Wahl-Lokal.
  • Sie lesen den Stimmzettel.
  • Sie entscheiden sich für eine Partei.
  • Sie kreuzen die Partei an. Manche Leute schreiben auch noch einen Namen von einem Kandidaten oder einer Kandidatin dazu.

Für Menschen mit Behinderungen ist das Wählen manchmal nicht so leicht.

Das Parlament hat sich zwei Tage lang mit dem Thema "Barrierefrei wählen" beschäftigt. Es gab 4 Stationen. Dort haben Betroffene erzählt, welche Erfahrungen sie gemacht haben und was schwierig war. Die Besucher:innen konnten dann einiges selbst ausprobieren, zum Beispiel:

  • mit einer Augenbinde und einem Blindenstock den Weg in die Wahlkabine finden
  • mit einem Rollstuhl in die Wahlkabine fahren

Es gibt aber auch Behinderungen, die man nicht gleich sieht. Dazu gehören zum Beispiel Lernschwierigkeiten oder psychische Erkrankungen. Auch zu diesem Thema berichteten Betroffene von ihren Erfahrungen. Sie erzählten zum Beispiel, was andere Menschen tun können, wenn jemand in der Wahlkabine eine Panik-Attacke bekommt.

Diese Wahlkabine ist breit. Ein Rollstuhl passt hinein.

Blinde Menschen: Die Partei ertasten und ankreuzen

Herr Michele Macura ist blind. Er erklärte, wie blinde Menschen wählen können. Es gibt eine spezielle Schablone, wo man den Wahlbogen hineinlegt. Damit kann man die Felder zum Ankreuzen ertasten.

Herr Macura wünscht sich, dass die Schablonen auch Brailleschrift haben. Denn sonst muss ihm jemand die Reihenfolge der Parteien auf dem Stimmzettel vorlesen. Er sagt: "Ich zähle dann in der Wahlkabine die ausgeschnittenen Felder." Das macht es aber schwierig, wenn man sich plötzlich doch für eine andere Partei entscheiden will. Blinde Menschen sind dann sehr abhängig von anderen Menschen.

Für die Briefwahl gibt es die speziellen Schablonen schon mit Brailleschrift. Herr Macura erzählte, dass er bei der Nationalrats-Wahl im September zum ersten Mal mit Briefwahl wählen wird.

Das Barrierefreiheits-Team der Parlamentsdirektion hat Musterbögen für blinde Menschen vorbereitet. Die Musterbögen gibt es aber noch nicht wirklich für die Wahl.

Mit dem Rollstuhl in die Wahlkabine

Für Menschen im Rollstuhl muss die Wahlkabine breit genug sein. Aber auch dann gibt es manchmal Schwierigkeiten. Monika Schmerold ist Expertin für Barrierefreiheit. Sie sagt, dass die Listen mit den Kandidat:innen oft zu hoch aufgehängt sind. Man kann die Listen vom Rollstuhl aus nicht lesen. Es gibt auch Menschen, die die Beine nicht abwinkeln könnten. Diese Menschen brauchen in der Wahlkabine Platten, die man ausziehen kann. 

Oswald Föllerer arbeitet beim Selbstvertretungs-Zentrum für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Er erzählte, was bei Wahl-Informationen in einfacher Sprache wichtig ist:

  • Kurze Sätze
  • Schriftgröße 14 Punkt
  • Zeilenabstand 1.5
  • Keine Abkürzungen

Herr Föllerer zeigte eine Seite des inklusiven Magazins "andererseits". Diese Seite findet er gut. Für die Europa-Wahl im vergangenen Juni wurde ein "Wahl-Checker" in einfacher Sprache eingerichtet. Außerdem gibt es ein Liste mit "Wort-Erklärungen" in einfacher Sprache.

Oswald Föller spricht mit dem Bundesrats-Präsidenten Franz Ebner über Wählen mit Lernschwierigkeiten.

"Wie soll ich zur Wahl gehen, wenn ich nicht aus dem Bett komme?"

Markus Müller ist Autist. Er sprach offen über seine Erfahrungen. Er nannte Benachteiligungen und Probleme, die Menschen mit psychischen Erkrankungen beim Wählen haben können.

Herr Müller sagte: "Stellen Sie sich vor, Sie leiden unter Depression und Sie können am Wahltag einfach nicht aufstehen. Am nächsten Tag sind Sie verzweifelt, fragen, warum Sie es nicht geschafft haben, aus dem Bett zu kommen, dabei wäre Wählen doch so einfach." Man kann natürlich mit Briefwahl wählen. Aber auch der Umgang mit Ämtern kann schwierig sein, zum Beispiel für Menschen mit sozialen Phobien. Soziale Phobien sind Angst-Zustände beim Kontakt mit anderen Leuten. Es wäre eine Unterstützung für Betroffene, wenn man zum Beispiel

  • Wahlkarten mit einem einzigen Besuch der Behörde bestellen könnte oder
  • Wahlkarten für mehrere Wahlen auf einmal bestellen könnte oder
  • Wahlkarten telefonisch bestellen könnte.

"Niemand entscheidet sich freiwillig, im Wahllokal eine Panik-Attacke zu bekommen", erklärte Herr Müller. Dann setzte er sich vor der Wahlkabine auf den Boden. Damit zeigte er, wie eine Panik-Attacke aussehen könnte. Er wünscht sich, dass die Wahl-Beisitzer:innen solche Fälle besser verstehen können. Die Frage "Kann ich Ihnen helfen?" findet Herr Müller besser als die Frage "Wie kann ich Ihnen helfen?". Denn Menschen in Panik können leichter mit Ja oder Nein antworten als mit ganzen Sätzen.

Herr Müller empfiehlt daher: "Ruhig bleiben. Sie müssen nicht Verantwortung für diese Person übernehmen. Setzen Sie sich dazu, sehen Sie den Betroffenen als Menschen auf Augenhöhe, verurteilen Sie nicht. Und im schlimmsten Fall besser einmal zu viel die Rettung anrufen." 1 von 5 Menschen hat eine psychische Erkrankung. Das ist normal. Herr Müller hat einen Wunsch: Die Gesellschaft muss erkennen, "dass es stark ist, Schwäche zuzugeben".