Parlamentskorrespondenz Nr. 26 vom 16.01.1997
EXPERTENHEARING ZU THEATERFRAGEN IM KULTURAUSSCHUSS
Wien (PK) - Der parlamentarische Kulturausschuss setzte seinen grundsätzlichen Gedankenaustausch mit einem Expertenhearing zu Fragen des heimischen Bühnen- und Theaterwesens fort. Als Experten standen bei dieser Sitzung die Direktoren des Burgtheaters, Hermann BEIL und Claus PEYMANN, der Direktor der Staatsoper, Ioan HOLENDER, sowie Klaus BACHLER, Direktor der Volksoper, zur Verfügung.
Holender zeigte sich davon überzeugt, dass die geplante Ausgliederung des Theaterverbandes für die betreffenden Häuser einen Fortschritt bedeuten würde und ein Ende unter ein 77jähriges Provisorium setzen könnte. Allerdings solle man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Die Staatsoper wolle zwar mehr Unabhängigkeit, könne aber kein x-beliebiges kommerzielles Unternehmen werden.
Die Oper sollte im Besitz der Republik bleiben und weiterhin Subventionen des Ministeriums erhalten, um die Eintrittspreise auch künftig niedrig gestalten zu können, damit für alle Teile der Bevölkerung der Zugang zum Haus gewährleistet ist. Als wesentliche Verbesserung urgierte Holender, dass alle Arbeitnehmer unter dem Dach der Oper auch unter eine Verantwortlichkeit gestellt werden sollten. Das Budget müsse zur Gänze autonom verwendet werden können. Derzeit dürfe man zwar Hunderttausende für Herrn Pavarotti ausgeben, müsse aber für jeden neuen Scheinwerfer um Erlaubnis fragen. Auch mehr Freiheit bei der Spielplangestaltung sei nötig. Man könne nicht nur spielen, was heute gefällt, sondern müsse auch spielen, was vielleicht erst morgen oder gar übermorgen gefallen wird.
Bachler hinterfragte eingangs das "Zauberwort Eigendeckung". Diese liege international bestenfalls bei 35 %, man sollte daher sehr vorsichtig sein, wenn man künftige Modelle auf dieser Basis aufbauen wolle. Wie auch sein Vorredner sprach sich Bachler gegen ein "Dualitätsprinzip" - die Teilung zwischen künstlerischer und technischer Leitung - aus, da letztlich jede Entscheidung in einem Theater auch eine künstlerische sei. Diskussionen über Teilrechtsfähigkeit seien durchaus sinnvoll, allerdings dürfe man nicht vergessen, dass sich in der Menschheitsgeschichte Kunst zwar immer ausgezahlt, aber selten bezahlt gemacht habe.
Beil erinnerte daran, dass selbst die renommiertesten Schauspielhäuser täglich um ihre Existenz kämpfen müssten. Wenn es also um eine neue Rechtsform gehe, dann müsse man sich auch fragen, welches Theater man wolle, welchen Zweck, welchen Auftrag es erfüllen solle. Die öffentliche Hand sollte jedenfalls nicht aus ihrer Verantwortung entlassen werden.
Peymann hielt zunächst fest, dass er vor diesem Gremium eigentlich fehl am Platze sei, da sein Vertrag in absehbarer Zeit ende und aller Voraussicht nach nicht verlängert werde. Generell aber wolle er festhalten, dass das Burgtheater ohnehin schon einen Gutteil an Autonomie - in steter Auseinandersetzung mit dem Bundestheaterverband - erkämpft habe. Sodann berichtete Peymann über das Reformprogramm, das während seiner Amtszeit realisiert werden konnte. Es seien weitere Modernisierungen nötig, die allerdings durchaus auf Basis der jetzigen Struktur möglich sein sollten. Prinzipiell stelle sich die Frage nach den Motiven dieser Reformdiskussion. Man müsse aufpassen, dass die Debatte nicht unter dem Motto des Eskapismus aus der politischen Verantwortung laufe. Persönlich wäre er zwar gegen die Gründung des Bundestheaterverbandes zum gegenwärtigen Zeitpunkt, seine jetzige Abschaffung wäre freilich noch weniger dienlich.
In zwei Fragerunden stellten zahlreiche Abgeordnete eine Fülle von Detailfragen, die von den Direktoren entsprechend beantwortet wurden. Minister Dr. SCHOLTEN äusserte sich zur angesprochenen Teilrechtsfähigkeit, die zum Zweck verstärkter wirtschaftlicher Bewegungsfreiheit und Selbständigkeit in Betracht gezogen wurde. Eine Ausgliederung werde nur in Weiterführung dessen, was im Koalitionsabkommen zur Teilrechtsfähigkeit festgeschrieben wurde, diskutiert, wobei dieses sich danach zu richten habe, wo die Vorteile überwiegen. Das Kunsthistorische Museum zeige allerdings derzeit vor, was man mit Teilrechtsfähigkeit alles anfangen könne. Zur Debatte um die Einführung eines kaufmännischen Direktors merkte der Minister an, letztlich stehe das Primat der Kunst ohnehin ausser Frage. Bundestheaterverband-Generalsekretär Dr. SPRINGER ergänzte diese Ausführungen durch eine generelle Anregung, den Häusern Rücklagemöglichkeiten zuzugestehen. Einsparungen dürften nicht zur Grundlage künftiger Subventionen gemacht werden, gab Springer zu bedenken.
Holender stellte klar, sein Haus verfüge über volle künstlerische Autonomie, doch sei diese nur wenig nutzbar, wenn man keine wirtschaftliche Autonomie habe. Sein Ziel sei die öffentlich-rechtliche Ausgliederung auf Basis entsprechender Sondergesetze. Bachler schloss sich Holenders Ausführungen hinsichtlich der Autonomie an, die nicht zuletzt aus Gründen des Zeitbudgets vonnöten sei. Beil wiederum sprach die Probleme bei Sonntagsmatineen oder gar Nachtvorstellungen an, die an enggesteckten gewerkschaftlichen Auflagen und gesetzlichen Rahmenbedingungen bislang zum Scheitern verurteilt seien. Peymann meinte abschliessend, der Ausschuss sollte sich auch mit grundsätzlichen Gedanken - was kann Theater, was kann Schauspiel? - befassen und neben den ökonomischen auch die inhaltlichen Fragen entsprechend behandeln.
Einen eigenen Punkt nahmen die Philharmoniker ein, zu denen Minister Scholten berichtete, sie hätten im Jahr 1996 ob ihrer Weigerung, Frauen ins Orchester aufzunehmen, keinen einzigen Subventionsschilling erhalten. Für das Burgtheater hielten Beil und Peymann fest, die Gleichbehandlung sei voll erfüllt, so gebe es beispielsweise mehr Dramaturginnen als Dramaturgen. Volksopernchef Bachler konnte darauf verweisen, dass "die beste Geigerin Wiens" seine erste Konzertmeisterin sei. Holender informierte den Ausschuss davon, dass er den Philharmonikern einen Brief geschrieben habe, worin er ihnen mitteilt, dass er in seiner Funktion als Verantwortlicher für das Staatsopernorchester von den Philharmonikern imperativ wünsche, endlich Frauen im Orchester zuzulassen. (Schluss)