Parlamentskorrespondenz Nr. 148 vom 11.03.1997
DIE BERGPREDIGT - BUNDESRATSPRÄSIDENT ERÖFFNET DEGASPERI-AUSSTELLUNG
Wien (PK) - "Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir angetan". Dieses Wort steht im Mittelpunkt einer Ausstellung zweier Zyklen mit insgesamt 49 Federzeichnungen des Graphikers Ernst DEGASPERI, die der Künstler gemeinsam mit Bundesratspräsident Dr. Herbert SCHAMBECK und dem Apostolischen Nuntius in Österreich, seiner Exzellenz Erzbischof DDr. Donato SQUICCIARINI, heute abend im Parlament eröffnete.
Unter dem Titel "Die Bergpredigt" präsentiert Degasperi zunächst farbenfrohe Symbole für die christlichen Werte des Humanitären, für das Reich Gottes, den Frieden, die Gottes- und Nächstenliebe und die Wahrheit. Die Wahrheit, wie sie der Künstler dem Betrachter darbietet, ist oft nicht schön, erläuterte Degasperi, "aber immer göttlich".
In diesem Sinn konfrontiert der Künstler im zweiten Teil der Ausstellung - Zeichnungen unter dem Titel "Passion und Auferstehung" aus dem Zyklus "Das Lamm" - die Taten des Menschen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend mit dem Leben und Leiden Jesu Christi. Hier entspreche die Wahl seines künstlerischen Mittels, die reine Graphik, wie Degasperi ausführte, dem Anliegen einer Anklage: "Das Schwarz-Weiss der Zeichnung kennt keine Kompromisse".
Bundesratspräsident Univ.-Prof. DDr. Herbert SCHAMBECK begrüsste zahlreiche in- und ausländische Gäste aus Kultur und Politik, darunter Altbundespräsident Dr. Kurt Waldheim, Nationalratspräsident Dr. Heinz Fischer, ehemalige Präsidenten und Vizepräsidenten des Bundesrates, Anna Elisabeth Haselbach, Jürgen Weiss und Walter Strutzenberger, sowie Diplomaten und Vertreter der Religionsgemeinschaften.
In dieser vorösterlichen Zeit der Vorbereitung auf die Auferstehung lud Schambeck die Parlamentarier dazu ein, sich angesichts der auf das Absolute bezogenen Kunst Professsor Degasperis ihrer besonderen Verantwortung zu besinnen. Dem Künstler sprach er Anerkennung und Dank für seine Werke und seinen ganzen Lebensweg aus. Dabei gab er seiner Freude darüber Ausdruck, dass Ernst Degasperi, der in wenigen Wochen seinen 70. Geburtstag feiern wird, durch die Spiritualität, die er in seinen Bildern ausdrückt, für viele Menschen zu einem Wegweiser geworden sei, sagte Professor Schambeck.
Erzbischof DDr. Donato SQUICCIARINI würdigte das Schaffen Degasperis, der in seinen Zeichnungen der Situation unserer Zeit jene Worte gegenüberstellt, die vor fast 2000 Jahren gesprochen wurden, die aber für jeden Menschen bedeutsam sind, ohne Unterschied des Kontinents, der Sprache oder der Hautfarbe. Die Bergpredigt, so Squicciarini, ist die Magna Charta der 2000jährigen frohen Botschaft Gottes und ein Fundament der Menschenrechte. "Selig, die Frieden stiften, denn sie werden die Söhne Gottes genannt werden", schloss der Apostolische Nuntius in Österreich.
Prof. Mag. Ernst DEGASPERI dankte für die Einladung zur Ausstellung seiner Werke im Parlament, es sei dies ein Höhepunkt seines künstlerischen Lebens. Der 1927 in Meran geborene Südtiroler lebt seit 1942 in Wien. Er lernte zunächst Feinmechaniker und besuchte dann die Akademie für angewandte Kunst. Sein Graphik-Studium schloss er 1952 mit einem Diplom bei Prof. Paul Kirnig ab.
Als Quellen seiner Inspiration nannte Degasperi die Wurzelstöcke auf den Höhen der Zillertaler Alpen, für ihn Symbole für das Überleben in einer feindlichen Umwelt, aber auch Lourdes, Israel, Wüsten, die Konzentrationslager und die Lepra-Armut.
In seinen Gemälde- und Graphik-Zyklen, Skulpturen, Sgraffiti und Publikationen setzt sich Degasperi mit Juden- und Christentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus und den präkolumbianischen Religionen auseinander und ruft angesichts der Umweltzerstörung zur Umkehr auf.
Seit 1963 schuf Degasperi rund dreissig Zyklen, darunter Apokalypse (1963), Genesis (1968), Sonnengesang des Hl. Franziscus (1970), Maya Apokalypse (1980), Friedensnamen Allahs (1981), Hakenkreuzweg (1983), Ölkrieg (1991), Licht in der Welt des Franz Jägerstätters (1991) und Stalingrad Psalm (1992). Sein Betongussdenkmal Bereshit Bara steht in Gedera in Israel. Gemälde, Wandmalereien und Sgraffiti Degasperis schmücken zahlreiche Kirchen und Kapellen in und ausserhalb Österreichs.
Degasperi hat sein Werke in circa 250 Einzelausstellungen und in Gruppenausstellungen weltweit präsentiert und im In- und Ausland zahlreiche Ehrungen und Preise erhalten. Er ist unter anderem Träger der Päpstlichen Medaille, des Ersten Staatspreises für das schönste Buch Österreichs sowie des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst.
Für den musikalischen Rahmen der Veranstaltung sorgte Prof. Leo WITOSZYNSKYJ, er interpretierte die Chaconne, eine Fuge von Johann Sebastian Bach. - Die Zeichnungen von Professor Ernst Degasperi bleiben in den nächsten Wochen im Lokal VIII des Parlaments und im Salon des Bundesrates ausgestellt. (Schluss)