Parlamentskorrespondenz Nr. 415 vom 23.06.1997

BESUCH DES PATRIARCHEN VON MOSKAU IM PARLAMENT

Wien (PK) - Der Patriarch von Moskau und der Grossen Rus, ALEXEJ II., der sich zu einem offiziellen Besuch in Österreich aufhält, besuchte heute das Parlament und wurde von Nationalratspräsident Dr. Heinz FISCHER willkommen geheissen.

Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche leitete seine Ausführungen mit dem Ausdruck der Sympathie für Österreich und dessen Neutralität ein und würdigte den vermittelnden Einsatz Österreichs für Stabilität, Frieden und Eintracht in Europa sowie die grosse Rolle, die es als Ort von Abrüstungsgesprächen und nun als Ort der ökumenischen Begegnung spiele.

Im Mittelpunkt des Gesprächs von Alexej II. und Fischer stand das Verhältnis zwischen Kirche und Staat seit den grossen Veränderungen in der ehemaligen Sowjetunion und in Russland. Der Patriarch von Moskau berichtete von den parlamentarischen Verhandlungen über das neue Religionsgesetz, auf dessen Grundlage die Gläubigen in Russland erstmals nach 70 Jahren Religionsfreiheit geniessen. Die Orthodoxe Kirche bekenne sich zur Trennung von Kirche und Staat, was seinen Ausdruck auch darin findet, dass sich kirchliche Funktionsträger nicht in staatliche Positionen wählen lassen dürfen. "Die Kirche soll aber nicht von der Gesellschaft getrennt sein", unterstrich Alexej II. Als aktuelle kirchliche Aufgaben nannte er den Wiederaufbau des geistigen Lebens und die Unterstützung der Gläubigen bei ihrer Suche nach Spiritualität. Dazu kommen die sozialen Dienste in Spitälern, Waisenhäusern und Gefängnissen, zumal der Übergang zur Marktwirtschaft mit grossen wirtschaftlichen Schwierigkeiten für die russische Bevölkerung verbunden ist. In diesem Zusammenhang dankte Alexej II. ausdrücklich für die Hilfestellung der Caritas, die russischen Klöstern bei der Einrichtung von Bäckereien für die Bevölkerung hilft. Dank sagte der Patriarch von Moskau auch Kardinal König, der mit seiner Stiftung "Pro Oriente" viel dazu beigetragen hat, die russischen Orthodoxen mit Vertretern anderer Kirchen zusammenzuführen.   

Patriarch Alexej II. berichtete weiters von den Bemühungen seiner Kirche, bei den politischen Konflikten im Kaukasus mit Vertretern der Moslems gemeinsame Lösungen zu finden. Auf Worte der Versöhnung für die Völker des europäischen Kontinents setzt das Oberhaupt der russischen Kirche auch bei der "Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung", die heute in Graz eröffnet wird. Diese Begegnung sei ein Meilenstein des Überganges vom tragischen 20. zum 21. Jahrhundert. "Europa soll alle eisernen, samtenen und silbernen Vorhänge fallen lassen und versöhnt ins 21. Jahrhundert gehen", sagte der Patriarch. (Schluss)