Parlamentskorrespondenz Nr. 556 vom 16.09.1997
BERT LINDERS AUTOBIOGRAPHIE IM PARLAMENT VORGESTELLT
Wien (PK) - Auf Einladung von Nationalratspräsident Dr. Heinz FISCHER wurde heute im Parlament das Buch "Verdammt ohne Urteil" vorgestellt, das dieser Tage im Buchverlag Styria herauskommt. Es handelt sich um die deutsche Fassung der 1995 in Amerika erschienenen Autobiographie Bert Linders. Darin schildert Linder sein Leben als Wiener Jude des Jahrgangs 1911, der 1938 vor den Nazis floh, nach einer Odyssee durch halb Europa 1943 in Italien verhaftet und mit 1.250 anderen Juden nach Auschwitz deportiert wurde. Als einer von nur sieben Überlebenden dieses Transports berichtet der Autor von der Ermordung seiner Frau und seines erst zehn Monate alten Sohnes unmittelbar nach der Ankunft in Birkenau, beschreibt die Sklavenarbeit für I.G. Farben und in der Raketenfabrik Wernher v. Brauns, die Torturen durch die SS, aber auch die Methoden des Überlebens in den Vernichtungslagern. Eine "Geschichte von unsagbarem Schmerz und grossem Mut zugleich" und einen bedeutenden Beitrag zur "Literatur der Augenzeugen" nannte Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel dieses Buch, das in den USA unter dem Titel "Condemned Without Judgement" zu einem Bestseller wurde.
Nationalratspräsident Dr. Heinz FISCHER erinnerte in seinen Begrüssungsworten an den 50. Jahrestag der Zweiten Republik, an dem Bert Linder eine hohe österreichische Auszeichnung verliehen und damit unterstrichen wurde, dass Faschismus und Nationalsozialismus fünf Jahrzehnte hinter uns liegen. Als einer der Betroffenen und Augenzeugen der damaligen Ereignisse besitze Linder besondere Glaubwürdigkeit und Berufung, mit Datum, Namen und Ortsangaben das Unfassbare zu schildern, das er erlebt hat. Der Präsident dankte Bert Linder für die Kraft und die Konzentration, die es brauchte, um dieses Buch zu schreiben, dem eine gute Aufnahme und viele Leser zu wünschen sind.
Von seiten der Styria Verlags sprach Generaldirektor Dr. MÜLLER
von der nicht alltäglichen Aufgabe, die eigentlich unaussprechbaren Erfahrungen in einem Konzentrationslager der Öffentlichkeit in Buchform nahezubringen. Bert Linders Lebensbeschreibung sei eines der wichtigsten Bücher des Styria-Verlages, zu dessen Programm es zähle, Bücher über die Geschichte der NS-Zeit, des Widerstandes und insbesondere von Zeitzeugen herauszugeben. Bert Linder präsentiere sich mit seinem Buch nicht als Opfer, sondern als Sieger, der die Überwindung des Bösen durch die Menschlichkeit dokumentiert. So sei Linder völlig versöhnt mit seiner Heimat nach Österreich zurückgekehrt und habe klar zum Ausdruck gebracht, dass er nicht an eine Kollektivschuld der Deutschen und Österreicher glaube.
Bert LINDER, der von seiner Frau Joan und seiner Tochter Viviane begleitet wurde, berichtete, dass er die Autobiographie ursprünglich in seiner Muttersprache verfassen wollte, anfangs der achtziger Jahre im deutschen Sprachraum aber nicht mit allzuviel Interesse am Holocaust rechnen konnte. In Amerika sei sein Buch auf grossen Widerhall gestossen. Vor allem auch junge Menschen fragen ihn oft, was sein schrecklichster Tag im KZ gewesen sei und wie er diese Zeit habe überleben können. Mit Tränen in den Augen sprach Linder dann von der Ermordung seiner Frau, seines zehnmonatigen Sohnes, seiner Schwester und ihrer fünfeinhalbjährigen Tochter sowie seiner Schwägerin und ihres zweieinhalbjährigen Kindes unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz. Überleben konnte er das Konzentrationslager, so Linder, nur mit Hilfe von Freunden wie Dr. Benedikt Kautsky, der Informationen von aussen beschuf und Häftlingen wie ihm seit 1943 - gegenüber den Siegesmeldungen aus den Lager-Lautsprechern - mit der Gewissheit, dass die Deutschen den Krieg nicht gewinnen würden, die moralische Kraft gab, ihr Leiden zu ertragen.
LEBEN UND ÜBERLEBEN
Bert Linder wurde 1911 als Sohn eines sozialdemokratischen Bürstenbinders und späteren Berufsoffiziers geboren. In seinen Wiener Jugendjahren war er Mitglied der "Roten Falken" und der "Sozialistischen Arbeiterjugend". Er absolvierte das Realgymnasium in der Glasergasse und arbeitete in den zwanziger Jahren als Filialleiter der Firma Steyr, während der Wirtschaftskrise als Bauarbeiter und bis 1938 als Chauffeur eines Hemdenfabrikanten. Als SDAP- und Schutzbundmitglied war Linder 1934 kurzfristig in Wöllersdorf interniert. Im März 1938 flüchtete er gemeinsam mit seinem Bruder Willi nach Belgien, von wo er während der deutschen Besetzung im Mai 1940 nach Frankreich abgeschoben wurde. Aus einem französischen Lager floh Linder nach Südfrankreich, fand dort Unterschlupf bei Bauern, arbeitete für die Resistance, heiratete und wurde Vater eines Sohnes. Im Herbst 1943 floh Linder mit hunderten anderen Juden vor der nach Südfrankreich vorstossenden Wehrmacht nach Italien, er wurde nach kurzer italienischer Internierung von der SS verhaftet und gemeinsam mit mehr als 1.000 Menschen in Viehwaggons nach Auschwitz deportiert. Frau und Sohn wurden unmittelbar nach der Ankunft in Birkenau ermordet, Bert Linder und sein Bruder Willi galten als arbeitsfähig. Willi fand als Violinist Aufnahme in die Lagerkapelle, Bert bog im I.G.-Farben-Lager Buna-Monowitz Rohre und fand Kontakt zur Widerstandsgruppe des Sozialdemokraten "Bendl" Kautsky, der Linder mehrfach das Leben rettete. Nach der "Evakuierung" von Auschwitz vor der herannahenden Roten Armee Anfang 1945 überlebten die Brüder eine Irrfahrt - wieder bei klirrender Kälte im Viehwaggon - über die Tschechoslowakei und Österreich in das norddeutsche KZ Dora-Nordhausen, wo die Raketen Wernher v. Brauns montiert wurden. Nach Bombardierung und Zerstörung des Werks wurden sie nach Bergen-Belsen verlegt und am 15.4.1945 - Bert lag nahezu verhungert bereits im Koma - von der britischen Armee befreit. Nach dem Krieg lebte Bert Linder in Brüssel, arbeitet für die britische und die US-amerikanische Armee und heiratete seine heutige Frau Joan. 1949 übersiedelte die Familie mit ihren beiden Kindern nach Salzburg, von dort wanderten sie 1951 nach den USA aus. 1985 nahm Bert Linder, der hohe Auszeichnungen trägt, die österreichische Staatsbürgerschaft wieder an und begann mit der Arbeit an seiner Autobiographie. Heute lebt Linder, der sich regelmässig in Österreich aufhält, mit seiner Frau in Rancho Mirage in Kalifornien.
DER ENKEL FRAGT - DER GROSSVATER ERZÄHLT
Tief bewegend wie das Schicksal Bert Linders ist auch der Anlass für die Entstehung seiner Autobiographie. Als Linder 1983 in seinem kalifornischen Haus in Palm Springs mit seiner Familie den Thanksgiving Day, umgeben von duftenden Blumen und im Schatten von Palmen, feierte, bemerkte der zehnjährige Enkel die blassblaue Tätowierung am Unterarm seines Grossvaters und erkundigte sich unwissend nach der Bedeutung der Ziffern 1-6-7-5-9-5. Die Frage des Kindes löste bei Linder eine intensive Erinnerung an seine Erfahrungen mit Hitlers "Endlösung der Judenfrage" aus und bildete für ihn den Anstoss, seine Lebensgeschichte niederzuschreiben. Darin macht Linder klar, dass der einzelne die Grausamkeiten des Lageralltags nur mit einem ungewöhnlich starken Überlebenswillen und mit der Kameradschaft und umsichtigen Hilfe seitens der "alten Hasen" überstehen konnte. "Ihr Wissen und ihre Kenntnisse, erworben durch langjährige Lagererfahrung, gaben diese - meist politischen - Häftlinge an uns Neuankömmlinge weiter und halfen uns damit, den nie vorher erlebten Brutalitäten, denen wir ausgesetzt waren, etwas besser standhalten zu können." - Einem von ihnen, dem bedeutenden österreichischen Sozialdemokraten Dr. Benedikt Kautsky, hat Bert Linder sein Buch gewidmet.
Bert Linder: "Verdammt ohne Urteil. Holocaust - Erinnerungen eines Überlebenden", erscheint mit heutigem Tage im Buchverlag Styria in Graz. Die Übersetzung und Bearbeitung aus dem Amerikanischen besorgte Gerhard Landauf. Das Buch enthält Photographien, umfasst 344 Seiten und ist im Buchhandel um 350 S erhältlich. (Schluss)