Parlamentskorrespondenz Nr. 599 vom 01.10.1997
PORTRÄTGEMÄLDE HANS KELSENS IM PARLAMENT ENTHÜLLT
Wien (PK) - Neben der umfangreichen tagespolitischen Arbeit in zahlreichen Ausschüssen bot das Parlament heute mit der Enthüllung eines Porträts von Hans Kelsen auch Gelegenheit zu einem historischen Rückblick auf die Entstehung des Bundes-Verfassungsgesetzes, das am 1. Oktober 1920 von der Konstituierenden Nationalversammlung beschlossen wurde. Im Mittelpunkt der Feierstunde stand die grosse juristische Leistung des Verfassungsjuristen Hans Kelsen, der als Konsulent von Staatskanzler Renner alternative Vorentwürfe für die österreichische Bundesverfassung konzipiert und im Sommer 1920 als Ausschuss-Experte an den Verhandlungen mitgewirkt hatte. Die bedeutende Rolle Kelsens würdigten sowohl Nationalratspräsident Dr. Heinz FISCHER - er begrüsste die zahlreichen Gäste aus Politik, Justiz, Wissenschaft, Kunst und Verwaltung - als auch die Referenten, der Präsident des Verfassungsgerichtshofes, Dr. Ludwig ADAMOVICH, und der prominente Verfassungsexperte und Leiter des Hans-Kelsen-Instituts, Univ.-Prof. DDr. Robert WALTER.
Das vom Publikum mit viel Beifall bedachte Porträt, ein Werk des Malers Ulrich GANSERT, zeigt Hans Kelsen im Alter von etwa 70 Jahren. Seinen Platz soll das Bild dort finden, wo die ungewöhnliche Laufbahn Hans Kelsens einen ihrer historisch bedeutsamen Höhepunkte erreichte: im Sitzungsraum des Verfassungs-Unterausschusses, wo unter massgeblicher Mitwirkung Kelsens und auf der Grundlage seiner Konzepte im Sommer 1920 der endgültige Text des Bundes-Verfassungsgesetzes ausgearbeitet wurde, jene Verfassung also, die bis heute die rechtliche Grundlage der staatlichen Ordnung in Österreich darstellt.
Nationalratspräsident Dr. Heinz FISCHER schilderte zunächst persönliche Begegnungen mit Hans Kelsen in der amerikanischen Universitätsstadt Berkeley, wo sich der grosse österreichische Jurist als Professor der Völkerrechtslehre widmete, zugleich aber immer starkes Interesse an den Entwicklungen in Österreich hatte und eine Einladung zum Besuch seiner alten Heimat annahm. Präsident Fischer berichtete dann von der Aufstellung einer Büste zu Ehren Hans Kelsens in den Arkaden der Wiener Universität und zeigte sich sehr erfreut darüber, dass es im Einvernehmen mit allen Fraktionen gelungen sei, zur Erinnerung an die wichtige Rolle Hans Kelsens beim Zustandekommen des Bundes-Verfassungsgesetzes 1920 die Gestaltung eines Gemäldes zu veranlassen und ihm einen würdigen Platz im Parlament zu geben.
LEBEN UND WERK EINES GROSSEN ÖSTERREICHISCHEN JURISTEN
Einen Überblick zu Leben und Werk Hans Kelsens gab Univ.-Prof. DDr. Robert WALTER: Hans Kelsen wurde am 11.10.1881 in Prag geboren, kam aber schon als Kind nach Wien, wo er 1906 promovierte, nachdem er bereits 1905 ein Buch über die "Staatslehre des Dante Aligheri" veröffentlicht hatte. Nach einem Studienaufenthalt in Heidelberg habilitierte sich Kelsen 1911 in Wien mit seinem richtungsweisenden Werk über die "Hauptprobleme der Staatsrechtslehre" und wurde 1919 ordentlicher Professor. Als akademischer Lehrer wirkte Hans Kelsen an den Universitäten Wien, Köln, Prag und in Genf. Bis 1929 war er auch Mitglied des Verfassungsgerichtshofes. 1940 emigrierte Kelsen in die USA, wo er nach einer Lehrtätigkeit an der Harvard Law School Professor an der kalifornischen Universität Berkeley (USA) wurde. Er starb dort, bis zuletzt rastlos arbeitend, am 19.4.1973.
In seinem Umriss des wissenschaftlichen Werks von Hans Kelsen beschrieb Professor Walter zunächst die Reine Rechtslehre, mit der Kelsen der dogmatischen Rechtswissenschaft ein neues Fundament gab. Weiters machte er auf die bahnbrechenden Leistungen Kelsens auf dem Gebiet der Völkerrechtslehre aufmerksam, wobei er sich besonders mit der Friedenssicherung durch internationale Organisationen und deren Gerichtsbarkeit befasste. Zu einem Klassiker der politischen Theorie wurde Kelsens Werk "Wesen und Wert der Demokratie", aber auch seine Arbeiten zum Sozialismus und seine Kritik an der marxistischen Staats- und Rechtslehre. Eine "sozial gerecht erscheinende Gesellschaftsordnung" erwartete Kelsen "nicht durch ein Absterben des Staates, sondern nur durch ein Tätigwerden des staatlichen Apparates". Erfreulicherweise sei Kelsens monumentales Werk nicht in die Wissenschaftsgeschichte zurückgesunken, sondern stehe weltweit in wissenschaftlicher Diskussion, schloss Professor Walter.
HANS KELSEN ALS ARCHITEKT MODERNER VERFASSUNGSGERICHTSBARKEIT
Der Präsident des Verfassungsgerichtshofes, Dr. Ludwig ADAMOVICH, konzentrierte sich in seinen Ausführungen auf eine der zentralen Errungenschaften des Kelsenschen Verfassungskonzeptes, nämlich die Einrichtung des Verfassungsgerichtshofes. Damit hat Kelsen das europäische Modell der Verfassungsgerichtsbarkeit geschaffen, gegenüber dem US-amerikanischen Muster, das keinen eigenen Gerichtstyp für die Verfassungsjudikatur kennt, wie Adamovich ausführte. In den zwanziger Jahren sei Kelsens Modell nur von der Tschechoslowakei und Liechtenstein übernommen worden, erst nach den Erfahrungen mit den Ereignissen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg haben viele Staaten Europas, aber auch Asiens und Afrikas Verfassungsgerichte nach österreichischem Vorbild eingerichtet. Eine besonders interessante Entwicklung habe die Verfassungsgerichtsbarkeit in Frankreich genommen, sagte Adamovich, dort prüfe der Verfassungsgerichtshof Gesetze nicht nachträglich, sondern bereits vor der Beschlussfassung durch die Nationalversammlung auf ihre Verfassungsmässigkeit.
DAS PORTRÄT - DER KÜNSTLER ULRICH GANSERT
Die Herstellung von Bildnissen Verstorbener zählt zu den schwierigsten Aufgaben der Porträtmalerei. Diesem künstlerischen Wagnis hat sich Ulrich GANSERT, langjähriger Assistent von Professor Arik Brauer an der Akademie der bildenden Künste, gestellt und sein Kelsen-Porträt nach Bilddokumenten und biographischen Zeugnissen geschaffen. Der Maler wurde 1942 in Breslau/Schlesien geboren. Sein Studium nahm er 1967 an den Kölner Werkschulen auf und setzte es 1972 bei Rudolf Hausner an der Akademie der bildenden Künste in Wien fort. Mit Helnwein, Wahl und Zadrazil gründete Gansert 1971 die Gruppe "Zoetus" und stiess 1973 zur Künstlergemeinschaft "Der Kreis". In den Jahren 1973/74 Gastdozent für Malerei an der Gesamthochschule Kassel, setzte Gansert seine Lehrtätigkeit an der Wiener Akademie der bildenden Künste fort, seit 1988 als Assistenzprofessor. Zudem hat der Künstler seit 1991 eine Dozentur an der Sommerakademie Geras und ab 1995 an der Malakademie Schloss Goldegg inne. Seine malerischen Werke präsentiert Ulrich Gansert seit 1976 in zahlreichen Einzelausstellungen im In- und Ausland. (Schluss)