Parlamentskorrespondenz Nr. 779 vom 19.11.1997
ERINNERUNG AN ROSA JOCHMANN
Wien (PK) - Nationalratspräsident Dr. Heinz FISCHER stellte heute abend im Parlament den von Dr. Franz R. REITER editierten Band "Wer war Rosa Jochmann?" vor. An der Präsentation nahm zahlreiches Publikum, darunter Bundesratsvizepräsidentin Anna Elisabeth HASELBACH, Altbundesratspräsident Dr. Herbert SCHAMBECK und der ehemalige Widerstandskämpfer Major SZOKOLL, teil.
Fischer sagte in seiner Einleitung, für ihn stehe, so sehr er Bücher prinzipiell liebe, nicht ein Buch im Mittelpunkt des heutigen Tages, sondern eine Persönlichkeit: Rosa Jochmann. Bei den zahlreichen Facetten ihrer Biographie habe jeder seinen ganz besonderen Bezugspunkt, und in der Summe entstehe dadurch der Gesamteindruck einer aussergewöhnlichen Frau. Es habe eine Vielzahl von Menschen gegeben, die um die Jahrhundertwende geboren wurden - hier seien etwa auch Marie Emhart oder Rudolfine Muhr zu nennen - und bei denen sich aus ihren Erfahrungen heraus das Bedürfnis entwickelt habe, sich für mehr Gerechtigkeit in der Welt einzusetzen. Die Zeit des Aufbruchs nach dem Ersten Weltkrieg habe grosse Erwartungen geweckt, doch musste diese Generation die bittere Enttäuschung der Jahre 1933 und 1934 zur Kenntnis nehmen. Darauf folgte die Tragik, dass diese Not der dreissiger Jahre noch eine unbeschreiblich enorme Steigerung erfuhr, die Schrecken des Nationalsozialismus und der Konzentrationslager.
Rosa Jochmann habe zu jenen gezählt, die überlebten und ungebrochen blieben, die 1945 "die Ärmel hochkrempelten und sich am Wiederaufbau beteiligten". Trotz all des Leidens, das sie erfahren musste, habe man immer wieder fast übermenschliche Sätze von ihr vernehmen können, wenn sie beispielsweise darauf hinwies, dass man auch einem SS-Mann Gerechtigkeit widerfahren lassen müsse. Gleichzeitig wurde sie aber nie müde, Mahnerin zu bleiben und gegen das Vergessen aufzutreten.
Es gebe viel zu berichten über Jochmanns parlamentarische Tätigkeit und über ihre politischen Funktionen, so Fischer weiter, der schliesslich noch an jene Phase erinnerte, in der Jochmann, schon im Ruhestand, eine Gesprächsperson für die Jugend, für Wissenschaftler und Journalisten war. Den Autoren dieses Buches sei dafür zu danken, in Erinnerung zu rufen, wofür sich Jochmann einsetzte, damit nicht vergessen werde, was aus diesem Jahrhundert gelernt werden sollte, damit die Menschen des Jahres 2000 in einer Welt des Friedens und der Demokratie leben können: "Das ist die Botschaft Rosa Jochmanns, und sie soll überall gehört werden", schloss der Präsident. Im Anschluss las der Herausgeber Auszüge aus den im Buch abgedruckten Lebenserinnerungen Jochmanns.
Rosa Jochmann wurde 1901 in Wien als Tochter tschechischer Einwanderer geboren. Früh engagierte sie sich in der Gewerkschaftsbewegung und in der Sozialdemokratischen Partei. 1925 bis 1932 war sie Gewerkschafts-, 1932 bis 1934 Frauensekretärin der SDAP. Nach 1934 führendes Mitglied der illegalen Revolutionären Sozialisten wurde sie mehrmals inhaftiert und unter anderem zu einem Jahr Kerker verurteilt. 1938 kurzfristig wieder auf freiem Fuss, verhaftete die Gestapo Jochmann, die 1940 in das KZ Ravensbrück verschleppt wurde, wo man sie bis 1945 gefangenhielt.
Nach dem Krieg war Jochmann bis 1959 Frauensekretärin der SPÖ, danach bis 1967 Vorsitzende des SP-Frauenkomitees. Von 1945 bis 1967 gehörte sie dem Nationalrat an und war zuletzt auch mehrere Jahre stellvertretende Parteivorsitzende der SPÖ. Von 1949 bis zu ihrem Tod wirkte Jochmann überdies als Vorsitzende des Bundes Sozialistischer Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus. Jochmann starb 1994 in Wien.
In dem Band "Wer war Rosa Jochmann?" kommen 40 Autoren zu Wort, die sich dem Thema teils in Erinnerungen, teils in wissenschaftlichen Analysen nähern. Die Beiträge stammen unter anderem von Altkanzler Franz Vranitzky, den Ex-Ministern Erhard Busek und Erwin Lanc sowie Bürgermeister Alfred Stingl, von Zeitzeugen wie Antonia Bruha oder Frieda Nödl, aber auch von Historikern wie Herbert Steiner oder Barbara Serloth.
Das Buch ist im Ephelant-Verlag Wien erschienen, umfasst 205 Seiten und ist zum Preis von 298 Schilling im Fachhandel erhältlich. (Schluss)