Parlamentskorrespondenz Nr. 334 vom 18.05.1998
CHEMIE-NOBELPREISTRÄGER PAUL CRUTZEN IM PARLAMENT
Wien (PK) - Es sei kein alltägliches Ereignis, im österreichischen Parlament einen Nobelpreisträger zu empfangen, sagte der Zweite Nationalratspräsident Dr. Heinrich NEISSER, als er heute gemeinsam mit VP-Abgeordneter Dr. Sonja MOSER Universitätsprofessor Dr. Paul CRUTZEN begrüsste, der 1995 für seinen Beitrag zur Entschlüsselung des Ozonabbaus in der Stratosphäre mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurde. Der Nobelpreis stelle auch noch in unseren Tagen eine aussergewöhnliche Anerkennung dar, für die wissenschaftliche, aber auch für die grosse gesellschaftliche Bedeutung, die ein Forscher haben kann. Mit seinen Erkenntnissen über die Ursachen des Ozonabbaus hat Professor Crutzen überdies einen eminenten Beitrag für eine höhere Sensibilität zwischen Wissenschaft und politischer Entscheidung geleistet.
Der Innsbrucker Universitätsprofessor Dr. Werner LINDINGER würdigte das wissenschaftliche Werk Crutzens, insbesondere aber auch die Persistenz, mit der er es erreicht habe, dass - gerade noch rechtzeitig - Massnahmen gegen den fortgesetzten Ozonabbau in der Stratosphäre ergriffen wurden. Lindinger wies dabei auf das Verbot bzw. die Einschränkung der Produktion von Treibgasen und auf den Stopp des Stratosphäre-Flugprojektes in den USA hin.
Univ.-Prof. Dr. CRUTZEN erinnerte daran, dass er Österreich durch einen Studienaufenthalt im Jahr 1952, insbesondere aber durch die langjährige Freundschaft mit dem Tiroler Forscherkollegen Lindinger verbunden sei. Im Hinblick auf sein wissenschaftliches Werk nannte es Crutzen phantastisch, in wie kurzer Zeit es nach der Entdeckung der Ursachen des Ozonabbaus möglich war, auf politischer Ebene Massnahmen zu ergreifen, wobei eine wichtige Vereinbarung für den Ausstieg aus der FCKW-Gas-Produktion in Wien getroffen wurde. Nichtsdestoweniger sei das Ozonloch immer noch da und werde noch 40 Jahre bestehen, da die Halbwertszeit der ozonschädigenden Substanzen aussergewöhnlich lang ist. Überdies warnte der Nobelpreisträger vor weiteren Gefahren für das lebensnotwendige Ozon der Atmosphäre und plädierte für längerfristige Umweltforschungen, die nicht an kurzfristigen Ergebnissen gemessen werden.
DIE ZERSTÖRUNG DER OZONSCHICHT UND DIE ENTDECKUNG IHRER URSACHEN
Den Nobelpreis erhielt Paul Crutzen 1995 gemeinsam mit dem mexikanischen Wissenschaftler Mario Molina und dem US-amerikanischen Forscher Shenwood Rowland. Ausgezeichnet wurden die bahnbrechenden Arbeiten der drei Wissenschaftler zur Chemie der Atmosphäre, insbesondere zur Entschlüsselung der Bildung und des Abbaus von Ozon. Grösste praktische Bedeutung hat ihr Nachweis, dass die vom Menschen verursachten Luftverunreinigungen die wesentliche Quelle des Ozonabbaus darstellen. Durch die Klarlegung der chemischen Mechanismen und ihre Warnungen vor einer weiteren ungehemmten Emission ozonzerstörender Gase leisteten die drei Forscher massgeblichen Anteil an der Entwicklung gegensteuernder Strategien.
Aufbauend auf ersten photochemischen Theorien des Engländers Sidney Chapman aus den dreissiger Jahren wies Crutzen nach, dass Stickstoffoxide Ozon katalytisch zersetzen. Diese Einsicht belebte Anfang der siebziger Jahre die Diskussion um die geplante Entwicklung einer Flotte von Überschallflugzeugen, deren hohe Stickoxidemissionen mitten in der Ozonschicht zur Wirkung kämen. Für Aufsehen sorgten Molina und Rowland 1974, als sie die Bedrohung der Ozonschicht durch Fluorchlorkohlenwasserstoffe prophezeiten. Der Schock für die Öffentlichkeit setzte allerdings erst ein, als das "Ozon‑Loch" über der Antarktis deutlich erfahrbare Formen annahm. Die dramatische Reduktion des Ozongehaltes über der Antarktis erklärte Crutzen mit chemischen Reaktionen, die bei extrem niedrigen Temperaturen auf der Oberfläche von gefrorenen Wolkenteilchen aus Wasser, Schwefelsäure und Salpetersäure stattfinden.
Trotz der Einleitung von Gegenstrategien, etwa durch den Ausstieg aus der FCKW‑Produktion, ist vorerst noch ein weiterer Abbau der Ozonschicht, insbesondere über den Polkappen zu erwarten. Erst nach der Jahrtausendwende kann man auf eine langsame Heilung der Ozonschicht hoffen. Viel beachtet und breit diskutiert wurde auch Crutzens Theorie vom "nuklearen Winter" und seine Untersuchungen und Prognosen über den potentiellen Einfluss eines nuklearen Krieges auf die Atmosphäre.
DER NOBELPREISTRÄGER PAUL CRUTZEN
Der niederländische Meteorologe und Chemiker Paul Josef Crutzen wurde 1933 in Amsterdam als Sohn eines Niederländers und einer Deutschen geboren. Nach dem Besuch weiterführender Schulen arbeitete er zunächst als Tiefbauingenieur. Meteorologie studierte der spätere Nobelpreisträger an der Universität Stockholm, wo er 1968 graduierte und sich 1973 habilitierte. Von 1969 bis 1971 war Crutzen als Assistent an der Universität Oxford tätig, 1971 bis 1974 lehrte er an der Universität Stockholm. Von 1974 bis 1977 war er als Berater und Wissenschaftler, von 1977 bis 1980 als ranghöchster Wissenschaftler und Direktor der Air Quality Division am National Center for Atmospheric Research (NCAR) in Boulder im US-Bundesstaat Colorado tätig. Seit 1979 ist Crutzen Honorarprofessor an der Scripps Institution of Oceanography der University of California in San Diego und seit 1980 Mitglied der Max‑Planck‑Gesellschaft und Direktor der Abteilung Chemie der Atmosphäre des Max‑Planck‑Instituts für Chemie in Mainz. Paul Crutzen ist ausserdem Mitglied der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften, der Königlich Schwedischen Akademie der Ingenieurwissenschaften und der Academia Europea. Unter seinen Publikationen ist vor allem das 1995 gemeinsam mit T.E. Graedel herausgegebene Werk "Atmosphere, Climate and Change" zu nennen. (Schluss)