Parlamentskorrespondenz Nr. 401 vom 10.06.1998
BESUCH DES DALAI LAMA IM PARLAMENT
Wien (PK) - Im Rahmen seines einwöchigen Aufenthalts in Österreich besuchte der DALAI LAMA, das weltliche und geistliche Oberhaupt der Tibeter im Exil, am Mittwoch das Parlament und wurde vom Zweiten Präsidenten des Nationalrates, Dr. Heinrich NEISSER, willkommen geheissen und zu einem Gedankenaustausch mit den Abgeordneten Dr. PETROVIC (G), Mag. POSCH (SP), Dr. SCHMIDT (L) sowie Dr. SPINDELEGGER (VP) gebeten.
Präsident Neisser würdigte das geistliche und weltliche Oberhaupt Tibets als "Vorbild für Generationen in der gesamten westlichen Welt". Die Bemühungen des Dalai Lama, mit friedlichen Mitteln für Freiheit und Menschenrechte in seiner Heimat einzutreten, haben dazu geführt, dass er heute weltweit als Mann des Friedens geschätzt werde, betonte Neisser in seinen Begrüssungsworten. Die Freiheit der Person, der Religion sowie der geistigen und kulturellen Selbstbestimmung eines Volkes gehören zu den zentralen Elementen einer modernen Menschenrechtspolitik.
Sich für diese fundamentalen Rechte weltweit einzusetzen, ohne
Rücksicht auf politisches oder ökonomisches Nützlichkeitsdenken zu nehmen, werde ein "ständiger moralischer Imperativ" für seine
Tätigkeit als frei gewählter Parlamentarier bleiben, fuhr Neisser fort. Es bleibe ein wesentliches Anliegen, die Funktion der internationalen Rechtsordnung als ein System von
Konfliktlösungsmechanismen zum Tragen zu bringen, im Sinne des allen Völkern zustehenden Rechts des "pursuit of happyness", sagte Präsident Neisser.
Der Dalai Lama dankte für die Sympathie, die ihm heute wie bei seinen früheren Besuchen in Österreich entgegengebracht werde, und zeigte sich erfreut über das wachsende Interesse der österreichischen Parlamentarier für Tibet, in dem auch die Besorgnis der österreichischen Bevölkerung wegen der Situation in seiner Heimat zum Ausdruck komme. Politische Unterstützung, etwa von seiten des Europäischen Parlaments, hielt er ebenso für wichtig wie Kontakte mit chinesischen Intellektuellen. Als sein Ziel nannte es der Dalai Lama, das Misstrauen der chinesischen Führung abzubauen und mit ihr in Verhandlungen einzutreten. Dabei gehe es ihm nicht, wie oft behauptet, um die Unabhängigkeit, vielmehr um die Autonomie Tibets, eine Autonomie, die notwendig sei, um das kulturelle Erbe seines Volkes zu erhalten. Den Kampf um diese Autonomie führen die Tibeter ausschliesslich mit gewaltfreien Mitteln, betonte der Dalai Lama und sprach die Hoffnung aus, dass dies so bleibe.
Für den Fall seiner Rückkehr nach Tibet beanspruche er keinerlei Privilegien und politische Positionen, hielt der Dalai Lama fest, er werde sich für die Abhaltung allgemeiner Wahlen und die Errichtung einer Regierung auf demokratischer Grundlage einsetzen. Seinen nächsten Besuch in Österreich möchte er bereits in Begleitung chinesischer Diplomaten absolvieren, sagte der Dalai Lama abschliessend. (Schluss)