Parlamentskorrespondenz Nr. 569 vom 28.08.1998
WALDBERICHT 1996: WALDFLÄCHEN IN ÖSTERREICH HABEN WEITER ZUGENOMMEN
Wien (PK) – Die Waldflächen und Holzvorräte haben auch im Jahr 1996 weiter zugenommen. Allerdings gefährden Stammschädigungen, Verbissschäden und permanente Luftverunreinigungen die Stabilität des Waldes. Dies sind die wichtigsten Ergebnisse des Waldberichtes 1996, der nunmehr von Land- und Forstwirtschaftsminister Molterer dem Nationalrat vorgelegt wurde. Trotz verbesserter Wechselkursrelationen und der verstärkten Nachfrage nach Holzprodukten im Ausland hat sich die Ertragslage der österreichischen Forstwirtschaft gegenüber 1995 nicht verbessert, sinkende Holzpreise und die rückläufige Bautätigkeit in Österreich lassen ausserdem erwarten, dass die wirtschaftliche Situation in den nächsten Jahren schlechter wird.
Warum der Waldbericht 1996 erst jetzt vorliegt, begründet der Landwirtschaftsminister damit, dass die Ergebnisse der Waldinventur 1992-1996 in den Bericht eingearbeitet wurden, um dem Parlament möglichst aktuelle Daten zu bieten. Diese lagen jedoch erst im Dezember 1997 vor. Zudem haben die intensiven Vorbereitungen sowohl für den österreichischen EU-Vorsitz als auch für die in Lissabon stattfindende 3. Ministerkonferenz zum Schutz der Wälder Anfang Juni 1998 einen enormen Arbeitseinsatz erfordert. Ab dem Berichtsjahr 1997 ist geplant, den jährlichen Bericht des Ministers an den Nationalrat gemäss Forstgesetz vom Waldbericht zu trennen und letzteren im zweijährigen Rhythmus als separate, zweisprachige Publikation weiterzuführen.
Die Ergebnisse der österreichischen Waldinventur, das umfangreichste Monitoringsystem im österreichischen Wald, zeigen sehr klar, dass aus quantitativer Sicht keinerlei Zweifel am Prinzip der Nachhaltigkeit der Nutzung der österreichischen Wälder bestehen. Es wird deutlich weniger geschlägert als zuwächst. So hat die Waldfläche in den vergangenen Jahren durchschnittlich um 7.700 ha pro Jahr zugenommen. Mit jährlich rund 19,5 Mill. Vorratsfestmeter Holz werden lediglich 71 % des Zuwachses und nur 2 % des stehenden Holzvorrates genutzt, wobei mehr als zwei Drittel der Nutzungen auf Verjüngungs- und Pflegehiebe, Räumungen sowie kleinflächige Nutzungen entfallen und nur 28 % auf Kahlschläge.
Die Gesamtwaldfläche betrug 1996 3,92 Mill. Hektar, 46,8 % des Bundesgebietes sind mit Wald bedeckt. Damit ist Österreich nach Slowenien das am dichtesten bewaldete Land Mitteleuropas. 19,3 % des österreichischen Waldes sind Schutzwälder, also Waldflächen, für die wegen ihrer ökologischen Empfindsamkeit besondere Schutzbestimmungen gelten, der Anteil des Wirtschaftswaldes beläuft sich auf 75,7 %.
Seit den siebziger Jahren laufend erhöht wurde der Anteil der Laub- und Mischwälder, er beträgt laut Waldinventur derzeit 35 %. Damit zeitigt das Bemühen der österreichischen Forstpolitik, eine Kurskorrektur in Richtung eines möglichst naturnahen Waldaufbaus einzuleiten, erste Erfolge. Durch gezielte Beratungs- und Fördermassnahmen soll versucht werden, Fehler der Vergangenheit rückgängig zu machen, als aus wirtschaftlichen Gründen auch in tiefen Lagen vor allem Fichten und Kiefern forciert wurden, was Bodenverschlechterungen, vermehrtes Schädlingsauftreten sowie grössere Sturm- und Schneeschäden zur Folge hatte.
"FALSCHVERSTANDENE BAMBIMENTALITÄT" GEFÄHRDET WALDBESTAND
Nach wie vor grösstes Problem für den Wald ist der in weiten Bereichen zu hohe Wildbestand, auch wenn die Verbisssituation in beinahe allen Bundesländern eine leicht abnehmende Tendenz des extremen Verbisses zeigt. Der österreichischen Waldinventur zufolge sind aber immer noch 85 % der Waldflächen mit Verjüngung verbissen, bei 8 % aller Stämme treten Schälschäden auf. Vor allem Tannen und Buchen leiden unter dem Wildverbiss, die Erziehung naturnaher Mischbestände ist daher, so der Bericht, ohne begleitende jagdliche Massnahmen zur Verminderung des selektiven Verbisses vielfach aussichtslos. Wie aus den zusammengefassten Meldungen der Bezirksforstinspektionen hervorgeht, ist nur auf 33 % der österreichischen Waldgebiete ein Gleichgewicht zwischen Wald und Wild bzw. Weidevieh gegeben, auf 19 % der Waldgebiete ist die Waldverjüngung ohne Schutzmassnahmen gegen Verbiss praktisch unmöglich.
Überpopulation, entstanden durch falsch verstandene Hege und nicht angepasste Jagdmethodik, sind aber nicht die einzige Ursache für die teilweise massiven Wildschäden. Sie werden vielfach auch durch die zunehmende Inanspruchnahme der Natur durch den Menschen ausgelöst; Tourismus, Besiedelung und Verkehr engen den Lebensraum des Wildes immer stärker ein und führen zu "Wildballungszentren". Daher sind neben erhöhten Abschüssen auch eine Reihe anderer jagdlicher, forstlicher und raumplanerischer Massnahmen wie z.B. Wildruhezonen oder Lenkung des Tourismus in Erholungszentren erforderlich. Auch müssen dem Bericht zufolge die Bemühungen zur Trennung von Wald und Weide mit Nachdruck fortgesetzt werden, immerhin gehen österreichweit 11 % der Verbissschäden auf Weidevieh zurück, wobei die Bundesländer Tirol und Salzburg am meisten betroffen sind.
Aber nicht nur Wild und Weidevieh, auch die Luftverunreinigungen machen dem Wald zu schaffen. Zahlreiche Untersuchungen belegen den Einfluss zum Teil sehr weiträumig verfrachteter Luftschadstoffe als massgebliche Faktoren für die Schwächung der Wälder, wobei als wesentliche Schadstoffe Schwefeloxid, Stickoxide und Ammoniak erkannt wurden. Darüber hinaus schädigt das bodennahe Ozon die physiologischen Aktivitäten von Pflanzen. 1996 wurden in Österreich bei insgesamt 34,3 % der untersuchten Bäume Kronenverlichtungen festgestellt, 0,7 % der Probebäume waren dabei stark verlichtet (Nadel- bzw. Blattverluste von mehr als 60 %), 7,2 % mittel verlichtet (Nadel- bzw. Blattverluste von 26 bis 60 %) und 26,4 % leicht verlichtet. Der Kronenzustand der Wälder wird jährlich vom österreichischen Waldschaden-Beobachtungssystem (WBS) erhoben, dieses führt auch wissenschaftliche Untersuchungen durch.
Im Jahr 1996 setzte sich darüber hinaus die Beeinträchtigung des Waldes durch Borkenkäfer, welche bereits in den Vorjahren grosse Schäden verursachten, fort. Obwohl die Witterungsverhältnisse für Borkenkäfer nicht aussergewöhnlich gut waren, konnten die Borkenkäfer-Schadholzmengen in den einzelnen Bundesländern nicht entscheidend reduziert werden und betrugen insgesamt rund 2,2 Mill. Festmeter. Als Hauptproblemgebiete gelten dabei nach wie vor die sekundären Nadelholzbestände in Ost- und Südösterreich. Überdurchschnittlich hoch waren 1996 aufgrund der ungünstigen Witterung von November 1995 bis Jänner 1996 ausserdem die Bruchschäden; infolge Rauhreifs, Schnees und Eises wurden 1,9 Mill. Festmeter Schadholz gemeldet.
ZUSTAND DER SCHUTZWÄLDER HÖCHST UNBEFRIEDIGEND
Höchst unbefriedigend ist dem Bericht zufolge auch der Zustand der Schutzwälder, knapp ein Drittel von ihnen wird als instabil bewertet. Die Ursachen für die Beeinträchtigung sind dabei vielfältig. Eine nachhaltige Waldwirtschaft ist in vielen Extremlagen nicht mehr kostendeckend, regelmässige Verjüngungseingriffe unterbleiben, die Waldbestände überaltern. Viele Wälder sind der jahrelangen Überbeanspruchung durch Luftverschmutzung, Wildverbiss, Waldweide und vieles mehr nicht mehr gewachsen. Zwar konnte durch intensive Schutzwaldpflege seit den sechziger Jahren der Anteil der schutztechnisch günstigen Lärchen und Zirben zu Lasten der Fichten vergrössert werden, gerade die tiefwurzelnde Tanne ist aber, wie oben bereits erwähnt, besonders vom Wildverbiss betroffen und droht aus dem Waldbild weitgehend zu verschwinden.
Gestiegen ist 1996 die Anzahl der Forstgesetzübertretungen, wobei dafür in erster Linie die Zunahme der Verfahren wegen unterlassener Forstschädlingsbekämpfung verantwortlich ist. Aufgrund der von den Organen des Forstaufsichtsdienstes gemeldeten flächenhaften Gefährdungen durch Verbiss wurden von den Jagdbehörden in 72 Fällen Massnahmen zur Abstellung angeordnet.
ERTRAGSLAGE DER FORSTWIRTSCHAFT IST TROTZ RATIONALISIERUNG KRITISCH
Trotz intensiver Rationalisierungsmassnahmen wird die Ertragslage der österreichischen Forstwirtschaft im Bericht als kritisch qualifiziert. Zwar hat es 1996 bedingt durch zunehmende Nachfrage und verbesserte Wechselkursrelationen eine leichte Erholung des Holzmarktes gegeben, dem stehen aber sinkende Beschäftigungszahlen und erhöhte Kosten gegenüber. Dringend erforderliche Investitionen müssen, so der Bericht, infolge der hohen Fixkostenabdeckung hintangestellt werden.
Die Holznutzung lag 1996 mit einer Einschlagsmenge von 15 Mill. Festmeter um 9 % über dem Vorjahreswert, die Steigerung ist aber ausschliesslich auf die vermehrte Schadholzaufarbeitung zurückzuführen. Die reguläre Nutzung (Gesamteinschlag ohne Schadholz) blieb nicht zuletzt wegen des rückläufigen Holzpreisniveaus mit
8,77 Mill. fm deutlich unter dem Vorjahreswert (9,69 Mill. fm).
14 % des Gesamtrohertrags, das sind 1,8 Mrd. S, wurden in den Wald investiert, wobei die Investitionen vor allem Waldbau, Forstschutz und Erschliessung betrafen. 328 Mill. S wurden für die Stabilisierung von Schutzwäldern ausgegeben. Von verschiedenen Stellen gefördert wurden u.a. die Aufforstung in Hochlagen und in Schutzwäldern, Massnahmen zur Föderung der Erholungswirkung des Waldes, Strukturverbesserungen, die Sanierung geschädigter Wälder, die Weiterbildung der in der Forstwirtschaft tätigen Personen sowie Vermarktungsaktivitäten für Holz und Holzprodukte, wobei die EU
54 Mill. S, der Bund 193 Mill. S sowie Länder, Gemeinden und Kammern 78 Mill. S zur Verfügung stellten.
Die österreichische Forstwirtschaft beschäftigte 1996 (Stand 1. Juli) 5.669 Forstarbeiter, das sind um 200 weniger als 1995.
KEINE GENERELLE FREIGABE ALLER FORSTSTRASSEN FÜR MOUNTAINBIKER
Erschlossen ist der Ertragswald im übrigen von rund 108.000 km Waldstrassen sowie knapp 147.000 km unbefestigten Rückewegen, die hauptsächlich der Holzbringung mit Fuhrwerken oder Traktoren dienen. In diesem Zusammenhang spricht sich der vorliegende Bericht gegen eine generelle Freigabe aller Forststrassen für das Radfahren aus. Vielmehr sollte es "um die möglichst rasche Entwicklung eines ausreichenden Angebotes von Forststrassen und Wegen gehen, die dem Mountainbiking zur Verfügung gestellt werden können, wobei die Freigabe auf regional abgeschlossenen, privatrechtlichen Verträgen aufbaut", heisst es.
NEUE RECHTSGRUNDLAGEN FÜR ÖSTERREICHISCHE BUNDESFORSTE
Für die Österreichische Bundesforste AG, der grösste forstwirtschaftliche Betrieb des Landes, gelten seit 1.1.1997 neue Rechtsgrundlagen. Mit dem Bundesforstegesetz 1996 wurden die Bundesforste aus der Bundesverwaltung ausgegliedert und in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Alleinaktionär ist der Bund, der in der Hauptversammlung durch den Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft vertreten ist. Als Leitziele gelten die Erhaltung und Verbesserung der Waldsubstanz, naturnahe Waldwirtschaft, die schrittweise Anhebung des Ergebnisses der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit auf das Niveau international vergleichbarer Unternehmen trotz Absenkung des Hiebsatzes und die Sicherung der langfristigen Lebens- und Wertschöpfungsfähigkeit der ÖBf AG durch Produktivitätssteigerungen im Forstgeschäft und durch den Ausbau des Immobiliengeschäftes.
Auf internationaler Ebene für die österreichische Forstwirtschaft von Bedeutung sind die Forstpolitik der Europäischen Kommission - so sollen im Rahmen der Agenda 2000 auch die EU-Beihilfen für den Forstsektor neu geregelt werden -, die auf der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro angenommene Wald-Deklaration, die 1990 ins Leben gerufene Ministerkonferenz zum Schutz der Wälder in Europa sowie die Alpenkonvention und das damit in Zusammenhang stehende Bergwaldprotokoll. International koordinierte Schritte gegen die besorgniserregende Verschlechterung des weltweiten Waldzustandes - jährlich werden nach jüngsten Schätzungen der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) über 16 Mill. Hektar Wald zerstört - gestalten sich aber, wie der Bericht aufzeigt, schwierig. Immerhin ist in den meisten Forstgesetzen, vor allem in Mittel- und Nordeuropa, die Erhaltung des Waldes und das Prinzip der Nachhaltigkeit explizit verankert.
Der Österreichische Waldbericht enthält neben den angesprochenen Bereichen einen kurzen Überblick über die Wildbach- und Lawinenverbauung und die forstliche Raumplanung, Originalberichte der Bundesländer über die Dynamik der Wildschäden und über Massnahmen der Jagdbehörden sowie umfangreiches Tabellenmaterial. (Schluss)