Parlamentskorrespondenz Nr. 681 vom 23.10.1998
GÜNSTIGE ENTWICKLUNG DER TOURISMUSBRANCHE IM JAHR 1997
Wien (PK) ‑ Wirtschaftsminister Dr. Farnleitner hat dem Nationalrat mit dem BERICHT ÜBER DIE LAGE DER TOURISMUS‑ UND FREIZEITWIRTSCHAFT 1997 eine positive Bilanz über die Entwicklung der Tourismusbranche im vergangenen Jahr vorgelegt. Nach den mit Beginn der neunziger Jahre einsetzenden Schwierigkeiten sind die Umsätze der Branche 1996 nicht mehr zurückgegangen und haben sich in der zweiten Hälfte 1997 deutlich belebt. Die Tourismuseinnahmen stiegen im Vorjahr um 2,25 % auf 183 Mrd. S. Überdies dokumentiert der Bericht die bemerkenswerte Tatsache, dass die Umsatzzuwächse trotz stark sinkender Nächtigungen erzielt wurden, womit Strukturverbesserungen deutlich werden. Die heimischen Betriebe profitierten von steigender Kurzreiseintensität, dem allgemeinen Trend in Richtung einer nachfragestärkeren zweiten Sommerhälfte und vom guten Wetter in den Monaten August bis Oktober. Vor allem bei den Inländern selbst ist das Urlaubsland Österreich wieder gefragt. Waren die Reiseverkehrsausgaben der Österreicher im Jahr 1996 noch mit minus 0,75 % rückläufig, stiegen sie 1997 um 3,75 % an. Die Auslandsreisetätigkeit schwächte sich gegenüber 1996 ab, das Ausgabenwachstum für Auslandsreisen überstieg mit 5,5 % jenes für den Binnenreiseverkehr nur mehr wenig. "Die österreichische Tourismus‑ und Freizeitwirtschaft ist besser für die globale Konkurrenz gerüstet als in den Jahren davor", heisst im Tourismusbericht 1997.
Dem detaillierten Zahlenmaterial des Berichts ist zu entnehmen, dass die gesamten Aufwendungen für Tourismus und Freizeit im Jahr 1997 um 2,5 % auf 424,4 Mrd. S anstiegen sind. Der Wertschöpfungsanteil des gesamten Sektors betrug 13 % am BIP. 35,6 % der Gesamtausgaben entfielen auf ausländische Gäste, den grösseren Anteil hatten mit 64,4 % aber nach wie vor die inländischen Österreichurlauber und Freizeitkonsumenten.
Die Reiseaufwendungen der In‑ und Ausländer betrugen 1997 183,8 Mrd. S, das sind 43,3 % der Gesamtaufwendungen. Der Wertschöpfungsanteil der Tourismuswirtschaft am BIP beträgt somit rund 6 %. Auf die einzelnen Bundesländer verteilen sich die Reiseaufwendungen wie folgt: Tirol (38,2 %), Salzburg (18,4 %), Wien (12,1 %), Kärnten (11,2 %), Vorarlberg (6,6 %), Steiermark (5,5 %), Oberösterreich (3,8 %), Niederösterreich (2,9 %) und Burgenland (1,2 %).
DATEN ZUR SAISONALEN UND REGIONALEN TOURISMUSENTWICKLUNG
Die Wintersaison 1996/97
In der Wintersaison 1996/97 stagnierten die Tourismusumsätze bei rund 91 Mrd. S, nachdem im Jahr davor noch ein Rückgang von 1 % zu verzeichnen war. Real gingen die Einnahmen um 2 % zurück (1995/96: ‑2,75 %), wobei die Entwicklung im Binnenreiseverkehr (‑2,75 %) ungünstiger verlief als im internationalen Reiseverkehr (‑1,75 %). Die Aufwendungen der Österreicher für Auslandsreisen stiegen im Vergleich zum Vorjahr im Winterhalbjahr 1996/97 nominell um 3,75 % und real um 1 %. Die gesamten Nächtigungen nahmen um rund 3,5 % ab. Nominell wandten die Gäste pro Nächtigung um 3,5 % (real +1,5 %) mehr auf als im Jahr davor (1995/96: +0,75 %, real ‑1 %). Auf fast allen wichtigen Herkunftsmärkten mussten Einbussen in Kauf genommen werden. Ebenfalls rückläufig zeigten sich die Nächtigungszahlen der Schweizer und Japaner. Die Gäste aus Osteuropa (+16 %; Polen: +33,25 %, GUS: +22 %, Tschechien und Slowakei: +18 %, Rumänien: +5,25 %) sowie aus Italien (+2,75 %) bildeten mit Nächtigungszuwächsen eine Ausnahme. Auffallend ist die stark rückläufige Aufenthaltsdauer bei Inländern (‑4,25 %, Ausländer: ‑0,5 %). Die Nächtigungszahlen der Landeshauptstädte wiesen im Vorjahresvergleich insgesamt eine leichte Zunahme auf (+1,25 %), wobei Bregenz, Graz und Eisenstadt relativ kräftige Zuwächse erzielen konnten. Die Nächtigungen im übrigen Österreich gingen dagegen gegenüber demselben Vergleichszeitraum durchschnittlich um 3,75 % zurück.
Die Befragung der Österreich‑Gäste fiel im Winter weniger günstig aus als im Sommer. Positiv wurden die Freundlichkeit des Personals in der Gastronomie, die Servicequalität in der Unterkunft und die Schipisten beurteilt. Enttäuscht wurden die Gäste durch die Öffnungszeiten der Geschäfte und das Unterhaltungsangebot. Weiters kritisierten die Urlauber das Preis‑Leistungs‑Verhältnis bei Getränken, Speisen, Schipässen und Liftkarten.
Die Sommersaison 1997
Erstmalig seit 1992 konnte in der Sommersaison ein deutlicher Umsatzzuwachs registriert werden: So stiegen die Tourismusumsätze gegenüber dem Vergleichsniveau des Vorjahres um 4,5 % (real: +2,25 %) und erreichten eine Grössenordnung von 90,8 Mrd. S. Bei den Nächtigungen war jedoch ein Rückgang von 3 % zu verzeichnen. Die Entspannung der Situation ist an einer deutlich optimistischeren Grundhaltung der befragten Unternehmer abzulesen. Im Vergleich zu 1990 schätzten sie sowohl auf Basis der Umsätze als auch bezüglich der Nächtigungsentwicklung die Sommersaison 1997 günstiger ein als noch ein Jahr zuvor. Die Umsätze stiegen mit der Betriebsgrösse und zunehmender Qualitätsstufe.
Die Ausgaben der Österreicher für Auslandsreisen wuchsen mit +6,5 % stärker als die Einnahmen aus dem internationalen Reiseverkehr (+4,75 %), so dass die saisonale Reiseverkehrsbilanz mit 1,2 Mrd. S leicht ins Minus rutschte, nachdem in der Sommersaison 1996 noch ausgeglichen bilanziert wurde. In der Wintersaison 1996/97 betrug der Überschuss 19,9 Mrd. S.
Die Ausgaben der Inländer für Österreich‑Aufenthalte nahmen mit +4,5 % etwa im gleichen Ausmass zu wie die Einnahmen aus dem internationalen Reiseverkehr. Während der Einnahmenzuwachs im Ausländer‑Reiseverkehr bei stark rückläufigen Nächtigungen (‑4,5 %; Ankünfte: ‑2,5 %) erwirtschaftet wurde, stiegen die Übernachtungen im Binnenreiseverkehr (+0,75 %) leicht an. Die Nächtigungssteigerung im Binnenreiseverkehr war ähnlich wie in der Wintersaison 1996/97 von einem kräftigen Rückgang der Aufenthaltsdauer (‑3,75 %) bei steigenden Gästezahlen (+4,75 %) begleitet, wobei die relativ kräftige Nachfragedynamik in der 4‑ und 5‑Stern‑Hotellerie (Nächtigungen: +4,25 %, Ankünfte: +6 %) ein deutliches Signal in bezug auf die Bedeutung des Inlandsmarktes für den Qualitätstourismus im Kurzurlaubssegment setzte.
Bei einer Aufgliederung nach wichtigen Herkunftsmärkten konnten bei den Gästen aus Großbritannien (+11,25 %), Spanien (+8 %), Japan (+6,5 %) und Italien (+3,25 %) Zuwächse erzielt werden. Von den osteuropäischen Ländern stiegen die Nächtigungszahlen von Gästen aus der GUS, aus Polen, Tschechien und der Slowakei kräftig, jene von Schweden und US‑Amerikanern stagnierten. Stark rückläufig war die Zahl der Nächtigungen der Gäste aus Belgien, Deutschland und Frankreich. Insgesamt sanken die Nächtigungszahlen der ausländischen Gäste um 4,5 %, jene der Österreicher verzeichneten einen leichten Zuwachs. Im Städtetourismus gab es für Linz, Eisenstadt und Graz deutliche Zuwächse, die Übernachtungen in Bregenz und Innsbruck blieben gleich. Insgesamt sank die Zahl der Nächtigungen im Städtetourismus um 1,25 %, wobei Wien, Salzburg und Klagenfurt überdurchschnittliche Rückgänge hinnehmen mussten. Damit schnitt der Städtetourismus besser ab als die übrigen Tourismusregionen.
Die Einschätzung des Sommerangebotes durch die Gäste lieferte für die Sommer(haupt)saison 1997 folgende Ergebnisse: Bei den Angebotselementen Landschafts‑ und Ortsbild, Sauberkeit, Freundlichkeit von Bevölkerung und Personal in der Gastronomie und Qualität der Wanderwege konnten die Urlaubserwartungen am häufigsten übertroffen werden. Enttäuschungen häuften sich beim Schlechtwetterangebot, bei den Öffnungszeiten der Geschäfte sowie beim Unterhaltungsangebot. Kritik wurde vor allem am Preis‑Leistungs‑Verhältnis von Getränken, Speisen und kulturellen Angeboten geübt.
Das Winterhalbjahr 1997/98
Nach den bei Abschluss des Lageberichtes vorliegenden Daten rechnen die Experten für die Wintersaison 1997/98 mit einem Anstieg der Tourismusumsätze um gut 3 % auf 93,6 Mrd. S. Das Wachstum der Nächtigungsnachfrage wird von den inländischen Gäste getragen, wogegen die Nachfrage der Ausländer nur leicht ansteigt. Auffallend ist die Diskrepanz zwischen den relativ kräftig steigenden Gästezahlen und den nur schwach wachsenden Übernachtungen ‑ die Aufenthaltsdauer nimmt deutlich ab, insbesondere bei ausländischen Gästen.
In der Nächtigungsbilanz nach Herkunftsländern konnten bei Gästen aus Italien, Grossbritannien, den USA, aus Schweden, den Niederlanden und Osteuropa deutliche Zuwächse erzielt werden, die Nachfrage aus Belgien, Frankreich, der Schweiz und aus Deutschland war rückläufig. Nach Unterkunftsarten betrachtet, entwickelt sich die Nachfrage in der gehobenen Hotellerie günstiger als in Quartieren mit geringem Qualitätsstandard. Die Nachfragedynamik in der gehobenen Hotellerie wurde von den Inländern dominiert. Die Bundesländer Wien, Tirol, Steiermark und Kärnten erzielten bei den Nächtigungen Zuwächse. Nieder‑ und Oberösterreich, Salzburg und Vorarlberg konnten die Vorjahreszahlen halten.
DIE WIRTSCHAFTLICHE LAGE DER HOTELLERIE
Die dynamische Investitionstätigkeit der Tourismuswirtschaft im letzten Jahrzehnt hat zu einer im wesentlichen konkurrenzfähigen Ausstattung geführt, gleichzeitig aber das Verschuldungsproblem stark wachsen lassen, da nicht in ausreichendem Ausmass Eigenkapital gebildet werden konnte. Durch eine rückläufige Investitionstätigkeit hat sich die Verschuldungsquote 1996 zwar etwas verflacht, bleibt angesichts steigenden Konkurrenzdrucks, der die Betriebe zu kontinuierlichen Anpassungen zwingt, aber besorgniserregend hoch. Verbessert hat sich infolge steigender Umsätze und Preiserhöhungen die Ertragskraft der gehobenen Hotellerie, was sich auch positiv auf deren Bonität auswirkt. Durch die neuen TOP‑Tourismus‑Richtlinien zur Förderung eigenkapitalfinanzierter Investitionen und die Bevorzugung von Beteiligungskapital bei Investitionen und Restrukturierungen erwarten die Experten des Wirtschaftsressorts mittelfristig Verbesserungen in der finanziellen Situation der Betriebe.
Die krisenhafte Entwicklung der Tourismusbranche hatte die Insolvenzen zwischen 1992 und 1996 von 3.658 auf die bisherige Rekordmarke von 5.698 steigen lassen. Seither registriert der Bericht einen Rückgang auf etwas mehr als 5.000. Der Anteil der Beherbergungs‑ und Gaststättenbetriebe an den Gesamtinsolvenzen sank von 15 % auf 14 %. Hinsichtlich ihrer Insolvenzquote (0,89 % gegenüber 1,8 %) als auch ihres Anteils an den Insolvenzpassiva (6 % bei einem Insolvenzanteil von 14 %) liegen die insgesamt 270.000 Beherbergungs‑ und Gaststättenbetriebe nunmehr besser als der gesamtwirtschaftliche Durchschnitt.
TOURISMUSPOLITISCHE PROJEKTE DES WIRTSCHAFTSMINISTERS
Neue Akzente will Minister Farnleitner bei der Förderung der Betriebe setzen. Dazu zählen eine Ansparprämie von bis zu 5 % unter der Voraussetzung, dass ein Bundesland dieselbe Förderung und die Wirtschaftskammer 80 % der vom Bund geleisteten Prämie gewährt. Besonders innovative Tourismusinvestitionen sollen künftig auch im Rahmen der TOP‑Restrukturierungsaktion unterstützt werden. Mit dem "Tourismuscheck", einem Einmalzuschuss in der Höhe von maximal 75.000 S sollen touristische Marktoffensiven unterstützt werden, etwa Vertriebs‑ und Verkaufsreisen, elektronische Reservierungs‑ und Buchungsmöglichkeiten sowie Auftritte im Internet.
Um die als problematisch angesehene Konzentration des österreichischen Tourismus auf wenige Herkunftsmärkte ‑ 80 % der Gäste kommen aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden ‑ zu überwinden, bemüht sich die Österreich Werbung derzeit um neue Zielgruppen in Zentral‑ und Osteuropa. Abgestimmt mit den Bundesländern sollen die Werbeschwerpunkte "Familiensommer" und "Winter" umgesetzt, die Reisebüros geschult und die Marketingaktivitäten in den Zielländern koordiniert werden. Weitere Schwerpunktmärkte bilden Südostasien, wo neue Repräsentanzen (Thailand und China) errichtet werden sollen. Auf dem Inlandsmarkt und in der Europäischen Union wird Österreich als familienfreundliches Wanderparadies mit den Hauptinhalten "Natur/Berg", "Kultur" und "Gastlichkeit" präsentiert und als Urlaubsalternative zu den Sonne/Sand/Meer‑Destinationen angeboten (III‑140. d.B.). (Schluss)