Parlamentskorrespondenz Nr. 34 vom 26.01.1999
UNTERRICHTSAUSSCHUSS DISKUTIERT ÜBER FRAGEN DER LEHRLINGSAUSBILDUNG
Wien (PK) - Durch die Einführung neuer Lehrberufe konnten 1.781 neue Arbeitsplätze für Jugendliche geschaffen werden. Dies teilte Unterrichtsministerin Gehrer in der heutigen Sitzung des Unterrichtsausschusses den Abgeordneten mit. Besonders gut angenommen wurden die angebotenen Ausbildungsmöglichkeiten zum Bankkaufmann, zum EDV-Techniker und zum Verwaltungsassistenten. Mit insgesamt 19 neuen Lehrberufen und weiteren 25 reformierten Lehrberufen ist es Gehrer zufolge darüber hinaus gelungen, 1.000 Betriebe zusätzlich für die Lehrlingsausbildung zu gewinnen und so 5.000 neue Lehrplätze zu schaffen. Prinzipiell betonte die Ressorleiterin, die duale Ausbildung sei ein wichtiger Grund dafür, dass Österreich die zweitniedrigste Rate bei der Jugendarbeitslosigkeit innerhalb der EU habe, die Bundesregierung sei daher bestrebt, diese Form der Ausbildung weiter zu erhalten.
Grundlage für die Diskussion im Unterrichtsausschuss bildete ein Bericht der Unterrichtsministerin über den schulischen Teil der Berufsausbildung 1997. Daraus geht hervor, dass die Zunahme von Lehrstellen auch zu einer Entspannung der Situation an den Berufsschulen geführt hat und sich positiv auf die Sicherung der Lehrerbeschäftigung und die Nutzung der Werkstättenressourcen auswirkt. Generell ist in den vergangenen Jahren die Anzahl der Berufsschulklassen und damit auch der Berufsschullehrer allerdings permanent zurückgegangen. So gab es im Schuljahr 1996/97 an insgesamt 193 Berufsschulen nur mehr 5.350 Klassen, sieben Jahre zuvor waren es noch 201 Schulen bzw. 6.102 Klassen gewesen.
Eröffnet wurde die Diskussion durch Abgeordneten Dr. ANTONI (SP). Er vermisst im Bericht, wie er ausführte, sorgfältige Analysen und Beschreibungen der Situation am Lehrstellenmarkt und meinte, es müsste intensiver über das rückläufige Angebot von Lehrstellen durch die Wirtschaft diskutiert werden. Seiner Ansicht nach ist es zu einseitig, Nachtarbeitsverbote für Lehrlinge, erschwerte Kündigungsmöglichkeiten und die Höhe der Lehrlingsentschädigung für die Reduzierung des Lehrstellenangebots verantwortlich zu machen. Allgemein wies Antoni darauf hin, dass die Massnahmen der Regierung zur Erhöhung der Zahl der Lehrplätze erfolgreich gewesen seien.
Auch Abgeordnete TICHY-SCHREDER (VP) machte geltend, dass die Bundesregierung am Lehrstellensektor "einiges zustande gebracht hat". 1998 habe eine Trendumkehr erreicht und die Situation am Lehrstellenmarkt nicht zuletzt durch die Schaffung neuer Lehrberufe verbessert werden können, betonte sie.
Abgeordnete SCHAFFENRATH (L) urgierte Reformkonzepte in bezug auf den schulischen Teil der Lehrlingsausbildung. Sie gab zu bedenken, dass die Berufsschule seit Jahren konstant und unverändert sei, auch wenn es zum Teil neue Lehrpläne gebe. Nach Ansicht Schaffenraths ist das Bildungsangebot im dualen Bereich nicht ausreichend, sie spricht sich daher für eine Ausweitung der Berufsschulzeit aus. Um die Betriebe dafür zu gewinnen, müsste ihr zufolge jedoch die schulische Ausbildung von der betrieblichen Ausbildung sozial- und lohnrechtlich entkoppelt werden.
Abgeordneter Mag. SCHWEITZER (F) bezweifelte den nachhaltigen Erfolg der Massnahmen der Regierung im Lehrstellenbereich. Er glaubt, dass viele der neuen Lehrstellen nur geschaffen wurden, weil damit eine erhebliche finanzielle Unterstützung verbunden ist. In Oberösterreich würden bis zu 4.000 S monatlich an Betriebe bezahlt, um Schüler mit sogenannten Teillernschwächen unterzubringen.
Für eine umfassende Diskussion sorgte ein Vorschlag Schweitzers, die Polytechnische Schule durch ein Berufsfindungsjahr zu ersetzen und den positiven Abschluss dieses Jahres zur Voraussetzung für den Beginn einer Lehre zu machen. Gleichzeitig sollte dieses Berufsfindungsjahr das erste Berufsschuljahr ersetzen, der Lehrling im dritten Lehrjahr also gänzlich dem Betrieb zur Verfügung stehen. Durch ein solches Modell würde man, so Schweitzer, dem Problem entgegenwirken, dass viele Schüler die erste Klasse einer berufsbildenden mittleren oder höheren Schule anstatt die Polytechnische Schule besuchen. Ähnlich argumentierte auch Abgeordnete MADL (F), die von fehlgeleiteten Schulströmen sprach.
Von den anderen Fraktionen wurde dieser Vorschlag zurückgewiesen. So machten u. a. die Abgeordneten Dr. BRINEK (VP) und Dr. ANTONI (SP) darauf aufmerksam, dass dadurch die Durchlässigkeit des Bildungssystems verringert werde. Abgeordneter Dr. NIEDERWIESER (SP) unterstrich, die Umsetzung des Modelles würde keine einzige Lehrstelle schaffen, sein Fraktionskollege Abgeordneter Dr. RADA hielt fest, dass die reformierte Polytechnische Schule bereits das abdecke, was ein sogenanntes Berufsfindungsjahr leisten könnte. Abgeordnete SCHAFFENRATH (L) erklärte, sie unterstelle den Schulabbrechern von berufsbildenden mittleren und höheren Schulen nicht, diese wollten dort nur ihre Zeit absitzen, vielmehr würden sie sich deshalb für den Schulbesuch entscheiden, weil sie dort eine bessere Bildungschance erwarten.
Unterschiedliche Auffassungen zwischen SPÖ und ÖVP herrschten in der Frage der Schaffung neuer Lehrberufe. Während Abgeordneter AMON (VP) im Hinblick auf die positiven Erfahrungen mit neuen Lehrberufen bedauerte, dass eine Reihe weiterer neuer Berufsbilder derzeit "in der Pipeline steckt", gaben die Abgeordneten Dr. NIEDERWIESER und SCHWEMLEIN (beide SP) zu bedenken, dass die Tendenz mehr in Richtung Flächenberufe gehen sollte. So betonte Niederwieser, die Einrichtung vieler spezialisierter Lehrberufe könnte hinsichtlich der Berufsschulausbildung Probleme bringen. Abgeordneter Schwemlein sagte, es könne nicht "das Gelbe vom Ei sein", Berufe wie "Gemüsejätassistenten" zu schaffen, nur weil ein Betrieb dann zusage, Lehrlinge einzustellen.
Abgeordneter RIEPL (SP) stellte fest, dass Betriebe durch die Einführung eines Steuerfreibetrages für die Beschäftigung von Lehrlingen im ersten Lehrjahr jährlich rund 5.000 bis 7.000 Schilling netto lukrierten, das entspreche in etwa einer Lehrlingsentschädigung für einen Monat. Auf dem Umweg des Steuerfreibetrags bezahle der Staat also de facto die halbe Berufsschulzeit.
Abgeordneter Dipl.-Ing. SCHÖGGL (F) brachte die Klage vieler Betriebe über die schlechte Ausbildungsqualität der Jugendlichen zur Sprache. Darüber hinaus konstatierte er, dass die Situation am Lehrstellenmarkt nach wie vor nicht rosig sei, wie die aktuellsten Arbeitsmarktdaten vom Dezember 1998 zeigten.
Abgeordnete HORNGACHER (VP) regte an, die Probezeit für Lehrlinge auf zwei bis drei Monate auszudehnen, um den Betrieb eine bessere Möglichkeit zu geben festzustellen, ob ein Lehrling geeignet sei und genügend Interesse an der Ausbildung zeige.
Unterrichtsministerin GEHRER informierte die Abgeordneten, dass es durch die Einführung 19 neuer und die Reform weiterer 25 Lehrberufe gelungen sei, 1.000 neue Betriebe für die Lehrlingsausbildung zu gewinnen und so 5.000 neue Arbeitsplätze für Jugendliche zu schaffen. Allein 1.781 Lehrlinge würden in den neuen Lehrberufen ausgebildet, wobei die Lehrberufe Bankkaufmann, EDV-Techniker und Verwaltungsassistent besonders gut angenommen würden und auch für Schüler höherer Schulen interessant seien.
Prinzipiell erklärte Gehrer, dass sich die Massnahmen der Regierung am Lehrstellensektor positiv ausgewirkt hätten. So habe sich das Verhältnis zwischen offenen Lehrstellen und Lehrstellensuchenden eklatant verbessert, die Zahl der Lehrstellensuchenden sei halbiert worden. Besonders positiv in diesem Zusammenhang hob Gehrer den Lehrlingsfreibetrag für Betriebe hervor und betonte, durch diesen Schritt sei es erstmals gelungen, Ausbildungsmassnahmen steuerlich zu berücksichtigen. Ihr zufolge hat die Steuerreform-Gruppe ausserdem den Auftrag nachzudenken, ob weitere steuerliche Entlastungen für Lehrbetriebe möglich sind.
Entschieden sprach sich Gehrer dagegen aus, die schulische und die betriebliche Ausbildung von Lehrlingen "auseinanderzudividieren". Sie skizzierte, dass es hinsichtlich der Berufsschulzeit bereits sehr flexible Modelle gebe. So würde etwa die Berufsschulausbildung für Einzelhandelskaufleute in Tirol in tourismusschwachen Zeiten stattfinden. Darüber hinaus würden derzeit Modul-Lehrpläne erstellt, die es ermöglichen, in der Berufsschule verschiedene Lehrberufe zum Teil zusammenzufassen. Die Berufsschule sollte kein Hindernis bei der Schaffung neuer Lehrberufe sein, bekräftigte die Ressorleiterin.
Abgelehnt wird von der Unterrichtsministerin auch das von Abgeordnetem Schweitzer vorgeschlagene Berufsfindungsjahr. Sie erläuterte, dass lediglich 40,8 Prozent der Lehranfänger von der Polytechnischen Schule kommen, 18,5 Prozent beginnen nach Abschluss der Hauptschule eine Lehre, 1,1 Prozent kommen von der Sonderschule, 5,3 Prozent aus allgemein bildenden höheren Schulen, 9,8 Prozent aus berufsbildenden höheren Schulen und 14,6 Prozent aus berufsbildenden mittleren Schulen. Nach Auffassung von Gehrer ist ausserdem die Polytechnische Schule für die Berufsfindung sehr gut geeignet. Die durchgeführte Reform habe zu einem sehr positiven Ergebnis geführt.
Wie die beiden SP-Abgeordneten Niederwieser und Schwemlein wies Gehrer darüber hinaus Kritik zurück, wonach sich die Qualität der Lehranfänger in den letzten Jahren verschlechtert habe. Sie räumte zwar ein, dass es in einigen Fällen Defizite gebe, insgesamt sei das schulische Wissen der Lehrlinge aber gestiegen. Die Ministerin unterstrich in diesem Zusammenhang, dass heutzutage viele Schulabgänger eine Lehre anstrebten, die früher noch als Hilfsarbeiter oder angelernte Kräfte gearbeitet hätten. Im übrigen hält sie es für wichtig, beispielsweise auch Sonderschulabsolventen eine Chance zu geben.
Gut angenommen wird der Unterrichtsministerin zufolge das Angebot der Berufsreifeprüfung, derzeit gibt es rund 4.000 Interessenten. Die Steuerreform-Gruppe prüfe, ob eine Möglichkeit geschaffen werden könne, Aufwendungen für die Berufsreifeprüfung nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung als Werbungskosten geltend zu machen.
Der Bericht der Unterrichtsministerin über den schulischen Teil der Berufsausbildung 1997 wurde mit SP-VP-Mehrheit zur Kenntnis genommen. Im Anschluss an die Sitzung befasste sich der zur Frage der Lehrlingsausbildung eingerichtete Unterausschuss des Unterrichtsausschusses ebenfalls mit der Materie. Dort standen insgesamt sechs Entschliessungsanträge der Liberalen zur Diskussion. (Fortsetzung)