Parlamentskorrespondenz Nr. 231 vom 03.05.2000

HEINZ FISCHER UND WLADYSLAW BARTOSZEWSKI BEI MORGIGEM GEDENKTAG

Wien (PK) - "Im übrigen muss ich noch einmal feststellen: Ich möchte kein Jude in Deutschland sein." Mit diesen Worten Hermann Görings endet das "Faction-Drama" "Pogrom - Der Wirtschaftsthriller", das bei der diesjährigen Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im alten Abgeordnetenhaussitzungssaal des Parlaments aufgeführt wird. Der Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus wird heuer zum dritten Mal begangen. 1998 wurde aus diesem Anlass die Oper "Das Tagebuch der Anne Frank", 1999 die Kammeroper "Die weiße Rose" gegeben. Heuer steht ein Stück von Thomas Gratzer auf dem Programm.

"Pogrom" ist das dramatisierte Stenogramm einer "Großen Besprechung über die Judenfrage", zu der Reichsmarschall Hermann Göring am 12. November 1938 ins Reichsluftfahrtministerium geladen hatte. Teilnehmer dieser Besprechung, deren Protokoll erhalten blieb und beim Nürnberger Prozess als Beweisstück diente, waren neben Göring u.a. Propagandaminister Goebbels, der Chef der Sicherheitspolizei, Heydrich, Wirtschaftsminister Funk, Hans Fischböck, der in der von Hitler diktierten Kurzzeit-Regierung (12. bis 24. März 1938) unter Seyss-Inquart Handelsminister war, und der "Reichsbeauftragte Österreich", Bürckel. Der Inhalt der Besprechung weist bereits voraus auf die "Wannsee-Konferenz", in der die "Endlösung" zum Programm erhoben und die Shoah beschlossen wurde.

Anlass für die Besprechung vom 12. November 1938 im Reichsluftfahrtministerium war der große Pogrom gegen die jüdischen Mitbürger im Deutschen Reich in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, der unter der schönfärberischen Bezeichnung "Reichskristallnacht" in die Geschichte der Schande eingegangen ist. Es geht bei der Besprechung um die Folgen des Pogroms: Die geschädigten Deutschen jüdischen Glaubens waren bei deutschen Versicherungsgesellschaften versichert. Das Ergebnis der Besprechung, die weit über den Anlassfall hinaus weist, wird von Göring so zusammengefasst: "Der Arier kann keinen Schaden anmelden, weil er keinen hat. Der Jude muss seinen Schaden anmelden. Er kriegt die Versicherung, aber die wird beschlagnahmt."

Die Uraufführung des "Faction-Dramas" von Thomas Gratzer fand am 9. November vorigen Jahres in der Wiener Börse statt - ein beziehungsvoller Ort für einen "Wirtschaftsthriller". Mitwirkende der Aufführung unter der Regie von Thomas Gratzer sind Herbert Föttinger, Thomas Maurer, Andre Pohl, Georg Schuchter, Erwin Steinhauer, Oliver Stern und Heinz Weixelbraun.

Vor der szenischen Darstellung der Besprechung wird zunächst Nationalratspräsident Dr. Heinz FISCHER das Wort ergreifen. Nach ihm spricht Prof. Dr. Wladyslaw BARTOSZEWSKI   , der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses des Polnischen Senats. Bartoszewski war vom NS-Regime im KZ Auschwitz interniert und wurde später unter kommunistischer Herrschaft verfolgt, war nach dem Ende des Kommunismus Botschafter seines Landes in Österreich und 1995 polnischer Außenminister in der Regierung Oleksy. (Schluss)