Parlamentskorrespondenz Nr. 685 vom 20.11.2000
NS-HERRSCHAFT IN ÖSTERREICH
Wien (PK) - Das düsterste Kapitel in der Geschichte Österreichs ist Gegenstand einer wissenschaftlichen Publikation, die heute im Parlament vorgestellt wurde. Nationalratspräsident Heinz Fischer präsentierte den Band "NS-Herrschaft in Österreich", der von den Universitätslehrern Emmerich Tálos, Ernst Hanisch, Wolfgang Neugebauer und Reinhard Sieder herausgegeben wurde. An der Veranstaltung nahm zahlreiches prominentes Publikum, darunter u.a. der Präsident des Verwaltungsgerichtshofes Clemens Jabloner, der Generaldirektor für die Öffentliche Sicherheit Erik Buxbaum, der ehemalige Finanzminister Rudolf Edlinger, die Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses Terezija Stoisits sowie zahlreiche Mandatare und Diplomaten, teil.
Heinz Fischer sagte in seiner Begrüssung, das vorliegende Buch sei eine umfassende wissenschaftliche Darstellung und Analyse der NS-Herrschaft in Österreich. Jüngste Debatten zeigten, dass es nach wie vor notwendig sei, die Diskussion über die NS-Vergangenheit zu führen, und je objektiver, ehrlicher und wissenschaftlicher dies erfolge, desto besser sei es für die Aufarbeitung dieser Zeit.
Die Publikation erscheine zu einem Zeitpunkt, da diskutiert werde, ob Österreich nun ein Opfer des Nationalsozialismus war oder nicht. Die Antwort ist, so Fischer, dass es sowohl Opfer wie auch Täter gegeben habe, dass Zehntausende weinten, aber auch Zehntausende jubelten. Das gelte aber nicht nur individuell, sondern auch für den Staat als solchen. Fischer wies auf den übermorgen zu präsentierenden Band der Ministerratsprotokolle des Jahres 1936 hin, in denen dieser Konflikt beredt zum Ausdruck komme.
Der Präsident verwies auf das breite Spektrum österreichischer Zeithistoriker, die in diesem Buch mit ihren Beiträgen versammelt seien und zeigte sich überzeugt davon, dass dieses Werk seine Aufgabe erfülle.
Emmerich Talos nannte den Untersuchungszeitraum des Werkes eingangs eine "Vergangenheit, die nicht vergehen will". Wenn auch manche vor einigen Jahren schon geglaubt hätten, das Thema wäre erschöpfend behandelt, so zeige sich immer wieder, dass eine weitere Forschungsarbeit bei weitem nicht gegenstandslos ist. Gerade in den 90er Jahren wurden viele wertvolle Arbeiten abgeliefert, wurden Kenntnisse vertieft und neue Schwerpunktthemata - etwa "Euthanasie", Zwangsarbeit und der Umgang mit dem Nationalsozialismus nach 1945 - erarbeitet, sodass dieses Werk nun eine neue Bilanz darstelle, in der die neuen Perspektiven aufgezeigt würden.
Tálos skizzierte den Aufbau des Buches und meinte, die Grundintention dabei sei es gewesen, wesentliche Aspekte zu beleuchten, Zusammenhänge sichtbar und dadurch ein Gesamtbild erkennbar zu machen. Und doch werde auch dieses Buch Anlass zu Folgeprojekten geben, weitere Forschungen seien erforderlich, wie sich auch durch Ereignisse in der Tagespolitik beweise. Das Buch liefere differenzierte Information und diene so einer fundierten Erörterung des Themas.
Ernst Hanisch befasste sich mit der Frage Opfer und Täter unter den Österreichern und stellte fest, die gegenwärtige Diskussion sei eine weitere in der Reihe zahlreicher Kontroversen von der Affäre Borodajkewicz bis zur Wehrmachtsausstellung vor einigen Jahren. Hanisch begrüsste die Kontroverse als Möglichkeit, auch dem Kontrahenten seinen Standpunkt zu vermitteln, weil Publikationen wie die vorliegende oft wichtige Zielgruppen gar nicht erst erreichten.
Das Buch stelle eine nüchterne Arbeit mit Verstand und Vernunft dar. Wesentliches sei durch diese Forschungen erreicht worden, die Arbeit am Thema sei damit aber noch nicht beendet.
Wolfgang Neugebauer gestand eingangs ein, noch vor 20 Jahren hätte er nicht gedacht, dass dieses Thema immer aktuell bleiben würde. Die Affäre Peter, die Affäre Reder, die Causa Waldheim, die Rolle des Landeshauptmanns von Kärnten im öffentlichen Diskurs, die Zwangsarbeiter-Debatte und zuletzt die Aussagen des Bundeskanzlers hätten aber immer wieder zu Kontroversen geführt, die offenbart hätten, dass die "NS-Vergangenheit uns nicht loslässt". Gerade darum sei eine fundierte Aufarbeitung nach wie vor notwendig.
Der Pluralismus und die Vielfalt der BeiträgerInnen und Beiträge verhindere eine eindimensionale Sicht und trage so zur Seriosität der Aussagen bei, unterstrich Neugebauer. In dem Band seien zudem neue Schwerpunkte gesetzt worden, so zu Fragen der Zwangsarbeit, zu den "Arisierungen", zur NS-Gesundheitspolitik. Überdies habe man mit der namentlichen Erfassung der österreichischen Holocaust-Opfer einen neuen Markstein gesetzt.
Neugebauer wies aber auch auf die Versäumnisse in der Zweiten Republik hin, etwa hinsichtlich der Entschädigung der Opfer und im Bereich der Justiz. Nach wie vor bleibe noch viel zu tun. Neugebauer: "Der beste Weg, mit den Lasten der Vergangenheit fertig zu werden, ist die rückhaltlose Darstellung der Wahrheit." Dazu wolle das vorliegende Buch seinen Beitrag leisten, schloss der Wissenschaftliche Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes.
"NS-Herrschaft in Österreich" basiert auf dem 1988 erschienenen Buch "NS-Herrschaft in Österreich 1938-1945", welches rasch zu einem Standardwerk zum Thema wurde, an dem sich alle späteren Publikationen messen mussten. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der seit damals immer wieder aktuellen historischen Debatte stiess das damalige Buch auf hohe Akzeptanz in der Fachwelt wie in der Öffentlichkeit und war demgemäss nur allzu rasch vergriffen. Die anhaltend grosse Nachfrage liess es sinnvoll erscheinen, den Band nun neu aufzulegen, wobei er aus gegebenem Anlass vollständig überarbeitet und themenspezifisch erweitert wurde. So sind von den nun im Buch enthaltenen 34 Beiträgen 13 neu verfasst und 18 weitere stark aktualisiert worden. Dadurch vergrösserte sich auch der Umfang von seinerzeit 632 auf nunmehr 959 Seiten.
ÖSTERREICH UNTER DEM HAKENKREUZ
Ziel des vorliegenden Handbuchs ist es, vor dem Hintergrund umfassender wissenschaftlicher Recherchen die Zeit der NS-Herrschaft in ihren Grundzügen sichtbar zu machen. Die einzelnen Aufsätze des Buches behandeln die Herrschaftsstrukturen des Nationalsozialismus, sozioökonomische Entwicklungen, die politische Determinierung von Arbeit, Bildung und Freizeit, die Informationspolitik des Dritten Reichs ebenso wie den Kunst- und Literaturbetrieb. Gleichfalls dargestellt werden die Repressionsformen der NS-Herrschaft: Ausgrenzung, Vertreibung, Vernichtung. Den Verbrechen der Wehrmacht wird ebenso Raum gewidmet wie dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Eigene Kapitel setzen sich mit der Entwicklung in den Bundesländern und der Situation der Minderheiten auseinander.
Die einzelnen Beiträge stammen von der Creme de la Creme der heimischen Historikerzunft. Neben den Herausgebern kommen u.a. Brigitte Bailer-Galanda (Mitglied der Historikerkommission), Florian Freund und Bertand Perz (beide Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes), Hans Safrian (Kommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg), Winfried R. Garscha (Österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz) sowie die Universitätslehrer Herbert Dachs, Hans Haas (beide Salzburg), Wolfgang Weber (Innsbruck), Brigitte Kepplinger (Linz), Klaus Amann, Valentin Sima (beide Klagenfurt), Fritz Hausjell, Gerhard Jagschitz, Peter Malina, Karl Stuhlpfarrer und Siegfried Mattl (sämtlich Wien) zu Wort.
Das Buch ist insgesamt auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau, ohne deshalb für den Laien in einer unverständlichen Sprache geschrieben zu sein. Das Werk gliedert sich in sechs Blöcke. Im ersten Teil wird die Herrschaftsorganisation und die sie hervorrufende Opposition behandelt, der zweite Teil befasst sich mit dem Nationalsozialismus in den Regionen (hier ist vielleicht in dem oberflächlichen Beitrag über Steiermark und Kärnten eine einzige kleine Schwachstelle in dem ansonsten überaus hervorragenden Werk zu erkennen), der dritte schliesslich mit der sozioökonomischen Entwicklung in den Jahren 1938 bis 1945. Ein vierter Teil handelt die Bereiche Bildung und Kultur ab, ein fünfter beleuchtet die Themenbereiche Zwangsarbeit, Vernichtung und Vertreibung und geht dabei auf das Schicksal der nationalen Minderheiten ebenso ein wie auf die Folgen von NS-"Euthanasie" und "Arisierung". Der abschliessende Teil widmet sich dem Umgang mit der NS-Herrschaft nach 1945, wo die "Entnazifizierung" ebenso angesprochen wird wie die sogenannte "Wiedergutmachung". Ein umfangreicher Anhang rundet den Band ab. Die mannigfachen Literaturangaben zu den einzelnen Beiträgen ermöglichen einen Einblick in den aktuellen Stand der einschlägigen wissenschaftlichen Forschung, Personen- und Sachregister erleichtern den Zugang zu einzelnen Aspekten des Untersuchungsgegenstandes.
Das Buch "NS-Herrschaft in Österreich" umfasst 959 Seiten, ist im Österreichischen Bundesverlag erschienen und im Buchhandel erhältlich. (Schluss)