Parlamentskorrespondenz Nr. 33 vom 23.01.2001

DIE SERBEN IN WIEN

Wien (PK) - "Man kann Professor Medakovic zu diesem Buch nur gratulieren." Mit diesen Worten präsentierte Nationalratspräsident Dr. Heinz Fischer heute im Hohen Haus das richtungweisende Buch "Serben in Wien" aus der Feder von Professor Dr. Dejan Medakovic. An der Buchpräsentation nahm ebenso zahlreiches wie prominentes Publikum, darunter die jugoslawische Geschäftsträgerin in Wien sowie eine grosse Anzahl von Abgeordneten und WissenschaftlerInnen aller Sparten, teil.

In seiner Begrüssungsansprache ging Fischer weiters auf die lange Geschichte der Beziehungen zwischen Österreich und den Südslawen ein und meinte, die Person des Vuk Stefanovic Karadzic habe sich als Kristallisationsfigur für diese Beziehungen geeignet, habe er doch lange Jahre in Wien gelebt und gearbeitet. Deshalb sei auch der gleichnamige Verein gegründet worden und habe man Karadzic auch ein Denkmal in Wien gewidmet.

Nun, da ein neuer Abschnitt in der Geschichte zwischen den beiden Völkern begonnen habe, habe man sich des Vereins besonnen, um dieses Buch, welches bereits vor drei Jahren konzipiert worden sei, im Rahmen der heutigen Zusammenkunft zu präsentieren. Fischer verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, dass Österreich und Serbien so kooperieren mögen, wie es den vielen Berührungspunkten zwischen den beiden Nationen entspreche.

Vizekanzler a.D. Dr. Erhard Busek sagte, das Buch sei zum richtigen Zeitpunkt erschienen, was zeige, dass es Sinn mache, in der Geschichte eine gewisse Gelassenheit zu bewahren. In dem Buch würde den Spuren nachgegangen, die Serben in Wien hinterlassen hätten, wofür Vuk Karadzic ein Beispiel sei.

Es sei nachgerade eine nachbarschaftliche Verpflichtung, den Anderen in seinem Anderssein zu kennen und zu akzeptieren. Dazu leiste der Autor des vorliegenden Bandes seinen Beitrag. Das Buch sei wohl ein wesentlicher Baustein seines Lebenswerkes und rufe uns einiges in Erinnerung, wofür Medakovic zu danken sei.

Professor Stanislaus Hafner von der Universität Graz unterstrich, dass in diesem Werk, dessen Originalfassung vor zwei Jahren in Novi Sad erschienen sei, der Anteil des serbischen Volkes am österreichischen Kultur- und Geistesleben aufgezeigt werde. Inhalt und Form der Publikation seien zu würdigen, betonte Hafner, der sodann auf den bisherigen Lebensweg des Autors einging.

Der Autor Dejan Medakovic dankte zunächst dem Hausherrn für die Gelegenheit, sein Buch hier präsentieren zu können und bedankte sich weiters bei den Laudatoren Busek und Hafner sowie beim Verlag für die Publikation seines Werkes. Wien habe, so Medakovic, zwei Jahrhunderte lang das serbische Kultur- und Geistesleben durchdrungen, und dieser Einfluss sei noch bis zum Beginn des XX. Jahrhunderts spürbar gewesen. Wien war eine geistige Hauptstadt für das serbische Volk, wobei der diesbezügliche Einfluss den Serben nicht aufgezwungen, sondern von diesen selbst freiwillig angenommen worden war.

Der Autor ging sodann auf die geschichtliche Entwicklung der Monarchie einerseits und die der serbischen Nation andererseits ein, wobei er insbesondere auf die sogenannte Militärgrenze zu sprechen kam. Der Redner schloss dabei mit einer Würdigung der Stadt Wien.

DIE SERBEN IN WIEN - EINE SPURENSUCHE

Die Geschichte der Serben in Wien beginnt eigentlich mit der "Grossen Wanderung" anno 1690, als sich eine stattliche Anzahl serbischer Patrioten unter der Führung des Pecer Patriarchen Arsenije III. vor der türkischen Unterdrückung auf österreichisches Staatsgebiet retten konnte. Nicht wenige dieser Serben wurden in der Folge in der Krajina, der sogenannten Militärgrenze zwischen Österreich und dem Osmanischen Reich, als Wehrbauern angesiedelt, wo sie die Habsburger Monarchie wiederholt gegen Angriffe der Osmanen verteidigten und mithin eine militärische Tradition - man denke etwa an Feldmarschall Svetozar Borojevic - begründeten, die bis zum Ende der Doppelmonarchie währen sollte.

Parallel dazu liessen sich schon im 17. Jahrhundert Kaufleute aus Serbien in Wien nieder, am bedeutendsten wohl Johannes Deodate, der um 1670 das erste Kaffeehaus in Wien gründete. Aus jener Zeit datiert auch die enge Kooperation mit den in Wien lebenden Griechen, die 1787 in eine eigene orthodoxe Kirchengemeinde mündete, nachdem Kaiser Joseph II. das Toleranzpatent erlassen hatte. Sichtbarer Ausdruck dieser Union war die Hagia-Triada-Kirche am Wiener Fleischmarkt, wo sich heute noch das religiöse Zentrum der Griechisch-Orthodoxen befindet. Im Zuge der slawischen Renaissance in der Mitte des 19. Jahrhunderts wollten die Serben aber auch ihre eigene Kirche, zu der es bereits Pläne für ein Gebäude am Rudolfsplatz in der Innenstadt gab, ehe 1890 bis 1893 die Kirche des Heiligen Sava in der Veithgasse auf der Landstrasse errichtet werden konnte, deren feierlichen Einweihung im Beisein von Kaiser Franz Joseph und Regierungschef Windischgrätz vorgenommen wurde.

Früh schon war Wien auch ein kulturelles Zentrum der Serben. Bereits 1741 wurden die ersten Bücher in serbischer Sprache in Wien gedruckt. 1770 erhielten die Serben eine eigene Druckerei, in der bis zu ihrer Schliessung 1792 nicht weniger als 151 Werke hergestellt wurden. 1791 erschien darüberhinaus die erste serbische Tageszeitung, "Srpske Svakodnevne Novine", in Wien, die sich am Vorbild der "Wiener Zeitung" orientierte. Wenngleich dieses Periodikum 1794 sein Erscheinen einstellen musste, so gab es ab 1813 ein Nachfolgemedium, an dem u.a. auch Vuk Karadzic als Redakteur mitwirkte. Ab 1852 publizierte schliesslich Aleksandar Andric seinen "Svetovid", dessen Bedeutung im gesamten slawischen Raum gewürdigt wurde.

Vuk Karadzic war es auch, der in Wien Massgebliches für die kulturelle Weiterentwicklung der Südslawen leistete. Bereits 1818 hatte er ein erstes Wörterbuch der serbischen Sprache herausgegeben, und in den folgenden Jahrzehnten sollte er gemeinsam mit anderen bedeutenden Slawisten wie Jernej Kopitar oder Fran Miklosich an der Erarbeitung einer einheitlichen Schriftsprache arbeiten, ein Vorhaben, welches im März 1850 mit dem Beschluss des Wiener Sprachabkommens abgeschlossen werden konnte.

In jenen Jahren spielte die Druckerei des Wiener Mechitaristen-Klosters eine wichtige Rolle für das geistige Leben der Wiener Serben. Diese fruchtbare Zusammenarbeit führte u.a. zum Druck von Karadzics Übersetzung des Neuen Testaments sowie zur Publikation des Eckpfeilers der serbischen Literatur, des 1847 edierten "Gorski Vijenac" (Der Bergkranz) aus der Feder von Petar Njegos. Am Ende dieser äusserst produktiven Kooperation stand 1885 die Drucklegung von Kosta Mandrovics illustrierter Geschichte Serbiens.

Das serbische gesellschaftliche Leben in Wien fand seinen Ausdruck aber nicht nur durch Schriftsteller und andere Geistesgrössen. Gesellschaftliche Ereignisse waren etwa der Slawische Ball, Musik- und Rhetorikabende sowie glanzvolle Soireen. Zu den prominentesten Serben, die zumindestens zeitweise in Wien lebten, zählen u.a. die Fürsten Milos Obrenovic und Aleksandar Karadjordjevic, Fürst Danilo, die Dichter Lazar Kostic und Jovan Jovanovic Zmaj sowie der Komponist Petar Krstic.

1882 war auch eine eigene serbische Schule in Wien gegründet worden, die bald schon annähernd 500 Schüler ausbildete. Ein beliebter Zirkel für Gedankenaustausch und Diskussion traf sich regelmässig im Café Imperial am Ring, an dem zahlreiche bedeutende Vertreter der serbischen Gemeinde in Wien teilnahmen. Schliesslich organisierte sich zu Beginn des XX. Jahrhunderts auch die serbische Arbeiterschaft in Wien und gründete den Arbeiterverein "Sloga".

DIE SERBEN UND DAS HOHE HAUS

Bedeutend für das Hohe Haus am Ring waren übrigens zwei serbische Maler. Uros Predic malte zwischen 1883 und 1885 massgebliche Teile des Frieses im Herrenhaussitzungssaal, und Paja Jovanovic schuf jenes Porträt von Kaiser Franz Joseph, welches bis 1918 im Empfangssalon des Parlaments hing.

Wenn Predics Werk auch durch den Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, so ist dennoch bekannt, dass er u.a. 13 Bilder nach antiken Motiven malte, so etwa "Nestor vermittelt zwischen Achilles und Agamemnon", "Numa Pompilius", "Lykurg der Gesetzgeber", "König Eumenes vor dem römischen Senat", "Cicero und Catilina" sowie "Aristoteles am Hofe König Philipps" und "Konstantin schenkt den Christen die Freiheit". Predic schuf damit ein ausgesprochen gelehrtes Programm, welches die damalige Staatsstruktur der österreichischen Monarchie und ihre Ziele widerspiegelte.

Dejan Medakovic, 1922 geboren, ist Präsident der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste sowie Träger zahlreicher Orden, Auszeichnungen und Preise. In seinem Buch "Serben in Wien" beschreibt er Wirken und Werken der Serben in der Habsburgermetropole bis zum Untergang der Monarchie 1918, wobei er seinen Text mit einer Vielzahl an Dokumenten, Fotos und Reproduktionen belegt und illustriert. Das Buch zeugt von den kulturellen Errungenschaften der Serben in der Vergangenheit und weist zugleich auf den Beitrag hin, den die Serben zur Entwicklung der österreichischen Kulturgeschichte geleistet haben.

Medakovics "Serben in Wien" ist im Verlag Prometej in Novi Sad erschienen, umfasst 369 Seiten und ist zum Preis von 980 Schilling im Buchhandel erhältlich oder direkt beim Verlag (http://www.prometej.co.yu) bestellbar. (Schluss)