Parlamentskorrespondenz Nr. 578 vom 06.08.2001

THEOPHIL HANSEN, ANTIKE UND ZEITGESCHICHTE IM PARLAMENT

Wien (PK) - Rund 50.000 Besucher gehen jährlich durch das Österreichische Parlament. Viele von ihnen wollen den Ort kennen lernen, an dem viele Gesetze "gemacht" werden, die ihr tägliches Leben mehr oder weniger bestimmen. Andere sind fasziniert vom Bauwerk Theophil Hansens, das der Ringstraße und der Stadt seinen unverkennbaren Stempel aufdrückt. Hansen, 1813 in Kopenhagen geboren und 1891 in Wien gestorben, hat von 1838 bis 1846 in Griechenland gearbeitet und gelebt und dort seine Vorstellungen von der klassischen Antike gewonnen. Den Ort der Gesetzgebung sah Hansen nicht wie jeden anderen: "Wo die Satzungen beraten und beschlossen werden, welche das Wohl des Landes bezwecken, da muss man auch den Ort in Ehren und heilig halten." Mit dem Parlamentsgebäude - das er selbst als sein Lebenswerk sah - verfolgte er ein umfassendes Konzept, in dem jedes Detail seinen Platz und seine Bedeutung hatte.

"Die Hellenen waren das erste Volk", gibt Hansen selbst Einblick in sein Konzept, "welches die Freiheit und Gesetzmäßigkeit über alles liebte, und ihr Stil ist auch derjenige, welcher neben der größten Strenge und Gesetzmäßigkeit zugleich die größte Freiheit in der Entwicklung zulässt. So wie Schiller und Goethe die ersten deutschen Dichter sind, wiewohl sie aus dem Born ewiger Schönheit der klassischen Literatur geschöpft haben, ebenso gut kann man die ewig geltenden und unübertroffenen Formen griechischer Kunst zum Vorbild nehmen, um Neues zu schaffen, ohne dadurch einfach ins Kopieren zu verfallen."

Ein antikisierendes Konzept hatte Hansen von Anfang an verfolgt, als noch für das Abgeordnetenhaus und für das Herrenhaus zwei getrennte Bauten überlegt wurden. Das Abgeordnetenhaus sollte - der Forderung nach "Großartigkeit, Würde und Einfachheit"  folgend - im Stil der römischen Renaissance errichtet werden, das Herrenhaus im griechischen Stil, um so "hervorragende Großartigkeit, Würde und Adel" auszudrücken.

Gegen das Konzept Hansens gab es in der vom Reichsrat eingesetzten Kommission allerdings auch Widerstand. Alfred Ritter von Arneth, Mitglied der Kommission, schlug vor, nachdem in den Wandgemälden des Abgeordnetenhauses und des Herrenhauses bereits antike Persönlichkeiten abgebildet waren, 18 Statuen von Persönlichkeiten mit Österreichbezug aus dem Mittelalter und aus der Neuzeit aufzustellen. Acht Statuen sah dieser Vorschlag für das - kleinere - Herrenhaus vor: Rudolf von Habsburg, Karl VI., Maximilian I., Ferdinand I., König Johann Sobieski, Maria Theresia, Joseph II. und Franz II. Zehn Persönlichkeiten waren für das Abgeordnetenhaus vorgesehen, darunter der Geschichtsschreiber Bischof Otto von Freising und Prinz Eugen. Durchgesetzt hat sich Hansen, Herrenhaus wie Abgeordnetenhaus wurden mit antikem Personal geschmückt, mit Griechen das erste, mit Römern das zweite. Die "Herren" sollten sich der Philosophie und dem Grundsätzlichen widmen, die Abgeordneten dem Politisch-Praktischen. Die Statuen von Österreichern wollte Hansen in der Säulenhalle positionieren, die ja auch als Thronsaal dienen sollte. Aber weder wurden dort Statuen aufgestellt, noch wurde je eine Thronrede dort gehalten.

Nicht durchgedrungen ist der große Architekt mit seinen Plänen, die Fassade farbig zu gestalten und die acht Quadrigen auf dem Dach zu vergolden. Einer Anekdote zu Folge habe der Kaiser dem Architekten erklärt, der Ring sei ja schon so prachtvoll, "woll'n wir ihn doch net auch noch vergolden" - "Sparpakete" sind also nicht eine Erfindung der jüngsten Zeit!

Antike Bezüge gibt es vor dem, auf dem und im Parlamentsgebäude sonder Zahl. Eine ganze Reihe wichtiger Persönlichkeiten kommt oder kam mehrfach vor im Hansenschen Kosmos der Antike, aber nicht jeden kriegt man ohne weiteres zu sehen. Der durchschnittliche Besucher des Parlaments hat etwa nicht die Gelegenheit, dem Perikles auf dem Dach des Parlaments "in Augenhöhe" gegenüber zu treten. Die Perikles-Statue im früheren Sitzungssaal des Herrenhauses ging im Krieg mit diesem Saal zu Grunde. Lediglich das Gemälde von Eisenmenger an der Stirnseite des ehemaligen Sitzungssaales des Abgeordnetenhauses ist für den Besucher "zugänglich". Aber wie viele Besucher wissen mit dem Namen Perikles sehr viel anzufangen? Und gar Numa Pompilius! Cincinnatus, Menenius Agrippa, Polybios usw. In Hansens Konzept standen die Persönlichkeiten der Antike, die er an den verschiedensten Orten platzierte, für die Ideen, die sie vertraten bzw. mit denen spätere Zeiten sie identifizierten. Unter ihnen sind vermutlich doch einige, die auch Besuchern des Parlaments am Beginn des 3. Jahrtausends noch etwas zu "sagen" haben. Und dann sind da auch noch die Persönlichkeiten der jüngeren Geschichte, von Koloman Wallisch bis zu den Nationalratspräsidenten der II. Republik.

Die Parlamentskorrespondenz lädt ihre Leser ein, bei einer virtuellen Führung durch das Haus diese Persönlichkeiten kennen zu lernen. Jede Woche wird eine Persönlichkeit oder eine Gruppe vorgestellt, und begonnen wird heute - Ladies first! - mit einer allseits bekannten Dame: mit der Göttin Pallas Athene, die den Brunnen vor dem Parlament ziert. Jeden Montag folgt eine weitere Figur oder eine Figurengruppe - und angesichts des reichen Angebots wird der Weg über viele Montage führen.

Herzlich willkommen bei dieser Spezialführung durch das österreichische Parlament!

(Schluss)