Parlamentskorrespondenz Nr. 583 vom 13.08.2001

VON DER BEZÄHMUNG DER LEIDENSCHAFTEN

Wien (PK) - An den unteren Enden der Auffahrtsrampe zum Parlament stehen, auf vier hohen Granitpostamenten, die Standbilder von Rossebändigern. Die Bronzegüsse werden als Symbol der Bezähmung der Leidenschaften gedeutet - an dieser Stelle ein unübersehbarer Appell an die Parlamentarier, im Hohen Haus ihre politischen Leidenschaften zu mäßigen.

"Rossebändiger" sind uralte Figuren. In der Ilias (2. Gesang, 23. Vers) nennt Homer Agamemmnon so, den Anführerer des griechischen Heeres, in der Odyssee erhält der greise Nestor diese Bezeichnung (3. Gesang, 397. Vers). Kastor (der mit seinem Bruder Polydeukes, dem Faustkämpfer, das "Dioskurenpaar" bildet) war ein viel gerühmter Rossebändiger. In der darstellenden Kunst finden sich zahllose Figuren von Rossebändigern, besonders aus der Barockzeit.

Hippologen haben kritisch angemerkt, dass in der vor dem Parlament dargestellten Art die Bändigung eines im Aufbäumen begriffenen Pferds nie und nimmer gelingen könne. Dies nicht wegen der nicht vorhandenen Zügel - die von der Vorstellungskraft des Betrachters unschwer supponiert werden können. Aber die rechte Faust des Bändigers scheint eher nach vorn unten statt in Richtung der breiten Brust des Rosses zu ziehen. Und wie die Linke die Zügel straffe, sei als Methode der Zähmung völlig ungeeignet. Der forsche, furchtlose Blick des jungen Mannes scheine daher eher seiner Ahnungslosigkeit als hippologischer Kompetenz geschuldet. Doch vielleicht ist das Ross gar nicht so wild und ungestüm, sondern bloß, als ein typisches Fluchttier, vor dem unmotiviert zwischen ihm und seinem Bändiger hervorflatternden Tuch unklarer Herkunft und Bestimmung erschrocken?

Als die Rossebändiger in der Kunstgießerei Josef Lax gegossen und 1899 - nach Hansens Tod - aufgestellt wurden, waren Pferde und Pferdefuhrwerke im Straßenbild Wiens selbstverständlich. Man könnte also davon ausgehen, dass der Schöpfer der Figuren mit Pferden und ihrer "Bezähmung" vertraut war. Sollte er am Ende andeuten haben wollen, dass die zur Verfügung stehenden Mittel für die Bezähmung der politischen Leidenschaften unzureichend sind? Aber vielleicht steckt keinerlei andeutende Absicht dahinter - was in der Stadt Sigmund Freuds wohl noch mehr Charme hätte. (Schluss)