Parlamentskorrespondenz Nr. 584 vom 20.08.2001

GESCHICHTSSCHREIBUNG ALS WARNENDER ZEIGEFINGER

Wien (PK) – Symbolisieren die Rossebändiger an den unteren Enden der Auffahrtsrampe des Parlamentsgebäudes die für ein friedliches Miteinander und gedeihliches Funktionieren staatlicher Institutionen notwendige Unterdrückung der Leidenschaften, so sollen die antiken Historiker, die den oberen Teil der Rampe zieren, auf die Verantwortung der PolitikerInnen vor der Geschichte hinweisen, den Abgeordneten ins Gedächtnis rufen, dass sie vor dem Urteil der kommenden Generationen werden bestehen müssen. Wer weiß, wie wichtig die Darstellung und Analyse der historischen Ereignisse für das Bewusstsein ist – oder sein sollte – der würde vielleicht heute auch die Verantwortung der Geschichtswissenschaft für eben diese Bewusstseinsbildung durch eine möglichst objektive und unverfälschte Beurteilung der historischen Entwicklung symbolisch ansprechen. Aber das ist zugegebener Maßen eher ein Gestaltungsthema für Universitätsbauten oder andere wissenschaftliche Institutionen.

Theophil Hansen wählte je vier griechische und römische Persönlichkeiten aus: Von der Ringstraße aus links gesehen, also auf der Seite des Herrenhaustraktes, sitzen die griechischen Geschichtsschreiber Thukydides, Polybios, Xenophon und Herodot, auf der rechten Seite, jener des Abgeordnetenhaustraktes, die römischen Historiker Julius Caesar, Tacitus, Livius und Sallust. Die Statuen wurden ebenfalls aus Laaser Marmor gemeißelt und sind in Blickrichtung zu den die Rampe Hinaufgehenden platziert.  

EIN SCHÜLER DES SOKRATES MACHT UND SCHREIBT GESCHICHTE: XENOPHON (430-355 v.Chr.)

Xenophon wurde im Jahre 430 v.Chr. in Athen geboren. Schon früh schloß er sich Sokrates an, zu dessen prominenten Schülern er alsbald gehören sollte. Im letzten Jahrzehnt des 5. vorchristlichen Jahrhunderts beteiligte er sich als Soldat am Peloponnesischen Krieg. Nach dessen Ende durch die Niederlage der Athener nahm Xenophon im Jahre 401 v.Chr. die Einladung seines Freundes Proxenos aus Böotien an, sich dem Heerzug von Kyros dem Jüngeren, eines persischen Thronprätendenten, der gegen seinen Bruder Artaxerxes II. um die Herrschaft rang, anzuschließen, jedoch bekleidete er vorerst keinen militärischen Rang. Erst nach dem Tod des Proxenos übernahm er die Befehlsgewalt über die griechischen Söldner und geleitete nach der verheerenden Niederlage des Kyros diese quer durch das Feindesland sicher zurück an den Hellespont, wo er die Überlebenden im Frühjahr 399 v.Chr. den Spartanern übergab.

Fünf Jahre später beteiligte er sich an der Seite der Spartaner an der Schlacht von Koroneia gegen die Thebaner, die mit Athen verbündet waren, weshalb ihn seine Heimatstadt des Verrats anklagte und ihn zu Verbannung und Vermögensentzug verurteilte. Xenophon ging daraufhin in die Landschaft Elis, um schließlich ein Landgut in der Nähe Olympias zu erwerben, welches er bis 371 v.Chr. bewirtschaften sollte.

Nach der Schlacht bei Leuktra wurde jedoch sein Besitz von den Eleiern beschlagnahmt, woraufhin er sich nach Korinth begab, wo er mit dem Abfassen seiner Schriften begann. Wiewohl die Athener später das Urteil gegen Xenophon aufhoben, kehrte er nicht mehr in seine Geburtsstadt zurück, sondern starb 355 v.Chr. in Korinth. Seine Statue auf der Rampe des Parlaments ist aus Laaser Marmor und wurde Hugo Härdtl geschaffen.

DAS WERK

Wiewohl Xenophon heute primär als Historiker ein Begriff ist, zählte der Gryllide zu den bedeutendsten Schriftstellern seiner Zeit. Sein Werk ist ebenso umfangreich wie mannigfaltig, und es gibt kaum ein antikes Thema, dessen er sich nicht angenommen hat. Xenophon machte sich nicht nur um die Geschichtswissenschaft, sondern auch um die Pädagogik verdient und entwickelte die griechische Belletristik als Romancier entscheidend weiter. Schließlich war er auch in der Tradition von Sokrates und Platon ein bedeutender Philosoph seiner Tage, der sich am Ende seines Lebens auch mit ökonomischen Fragen befasste.

Sein Hauptwerk ist gleichwohl die "Anabasis" (Kyrou Anabasis, "Zug des Kyros"), geschrieben in sieben Büchern in den 60er Jahren des 4. vorchristlichen Jahrhunderts. Darin schildert Xenophon zum einen den Feldzug des Kyros gegen seinen Bruder, zum anderen - und dieser Teil nimmt eigentlich den zentralen Raum des Werkes ein - den Rückzug der geschlagenen Armee an die Agais, die sogenannte "Katabasis" ("Abstieg" vom Gebirge im Gegensatz zur "Anabasis", dem Aufstieg ins Gebirge, wo die entscheidenden Schlachten dieses Bürgerkrieges geschlagen wurden).

Xenophons Schilderung ist dabei ebenso lebendig wie zeitnah, was die Vermutung nahelegt, daß Xenophon bei der Abfassung dieses Buches auf Aufzeichnungen zurückgreifen konnte, die er während des Feldzuges gemacht hatte. Bedeutend - und dies hebt Xenophon gegenüber Thukydides hervor - ist dabei seine "populäre" Darstellung der Ereignisse, die er durch formelle Einführungen und Charakterisierungen der handelnden Personen und durch zahlreiche direkte Reden fast schon in den Bereich der Belletristik rückt. Da Xenophon zumindest für den Teil der "Katabasis" selbst eine zentrale Rolle spielte, hat das Werk bis zu einem gewissen Grad auch Rechtfertigungscharakter. Xenophon spricht dabei von sich selbst in der dritten Person, worin ihm rund 300 Jahre später Cäser mit seinem "De Bello Gallico" (ebenfalls eine Rechtfertigungsschrift) folgen sollte.

Xenophons zweites bedeutendes Geschichtswerk ist die "Hellenika" ("Griechische" - ergänze "Geschichte"), in der er das grundlegende Werk des Thukydides für die Zeit von 411 v.Chr. bis zur Schlacht bei Mantineia (362 v.Chr.) fortschrieb. Dieses Buch dürfte nicht viel später als die darin geschilderte Schlacht bei Mantineia fertiggestellt worden sein und glänzt dabei ebenfalls durch eine überaus "journalistische" Aufbereitung der laufenden Ereignisse. Gleichzeitig aber gebricht es dem Werk zwangsläufig an eingehenderen Analysen, sondern beschränkt sich auf die chronologische Wiedergabe der einzelnen "Nachrichten".

Nicht minder aktiv war Xenophon auf philosophischem Gebiet. So schrieb er wie auch Platon eine "Apologie des Sokrates" ("Sokratous Apologia"), die aber im Gegensatz zu jener Platons das Verhalten des Sokrates in den einzelnen Phasen des Prozesses durchleuchtet. Im Gegensatz zu Platon war aber Xenophon nicht Augenzeuge dieser Begebenheiten, weshalb er in seiner Schrift überwiegend auf das Zitieren anderer Quellen angewiesen ist.

Auch die anderen philosophischen Schriften kreisen um die Person des Sokrates, der Xenophon zeitlebends Vorbild blieb. In seinem "Symposion" ("Gastmahl") beschreibt Xenophon den Auftritt seines Lehrers bei einer Gesellschaft des Kallias, wo Sokrates sich über die irdische und die himmlische Liebe äußert. Auch hier drängt sich der Vergleich zu Platon auf, in dessen "Symposion" eine über weite Strecken ähnliche Rede allerdings dem Pausanias zugeschrieben wird.

Schließlich erinnert sich Xenophon in "Apomnemoneumata Sokratous" ("Erinnerungen an Sokrates") an seine eigene "Schulzeit" bei Sokrates und geht dabei insbesondere auf die sokratische Morallehre ein. Ein eigener Abschnitt behandelt pädagogische Probleme, die in einem weiteren Werk, der "Kyropädie" ("Kyrou Paideia", "Erziehung des Kyros"), zentralen Stellenwert einnehmen. Darin beschreibt Xenophon seine Vorstellungen einer optimalen Erziehung und streicht jene des Kyros des Älteren als jenes Ideal heraus, dem die verantwortungsbewußten Erzieher folgen sollten.

Mit der "Kyropädie" betrat Xenophon insoferne Neuland, als er seine Ansichten in einen "Erziehungsroman" verpackte, die anzustrebenden Anschauungen und allfällige Einwände dagegen von einzelnen Protagonisten vorgebracht werden, wobei im Hintergrund die Lebensgeschichte des Kyros dargelegt wird. Die "Kyropädie" war nicht nur im klassischen Rom ein Standardwerk, welches Scipio sein Lieblingsbuch nannte und das von Cicero ins Lateinische übersetzt wurde, es zählte auch in der Aufklärung zu den am häufigsten zitierten und herangezogenen Büchern. Voltaire greift in seinem "Candide" ebenso darauf zurück wie Rousseau und Wieland.

Besonderes Augenmerk schenkte Xenophon aber auch dem Reitsport. Sein "Peri Hippikes" ("Über die Reitkunst") ist eine auch heute noch brauchbare Anleitung zum Erlernen des Reitens und der richtigen Behandlung von Pferden und gibt erstaunlich aktuelle praktische Hinweise über Ankauf und Schulung von Pferden. Amüsant lesen sich die Bemerkungen über die fachgerechte Ausrüstung des Reiters, die auch heute noch in vielen Bereichen ihre Berechtigung haben. In "Hipparchikos" ("Die Wissenschaft der Reiterführung") entwickelte Xenophon die in "Peri Hippikes" angestellten Überlegungen für den militärischen Bereich weiter und schuf damit eine der ersten und lange Zeit wichtigsten theoretischen Abhandlungen über die Kavallerie.

Zuletzt befaßte sich Xenophon in seinen beiden Büchern "Oikonomikos" ("Wirtschaftslehre") und "Poroi" ("Abgaben") mit der ökonomischen und finanziellen Situation der griechischen Staaten, wo er sich - auch dies erstaunlich aktuell - für ein transparentes Finanzwesen aussprach und die Wirtschaft - wobei in diesem Buch abermals Sokrates als sein Protagonist auftritt - in den Dienst des Menschen gestellt wissen will.

In all diesen Werken entwickelte Xenophon die griechische Literatur durch zahlreiche Modernisierungen entscheidend weiter. Die immer wieder vorkommenden Konstruktions- und Zeitwechsel entsprachen der Volkssprache und kamen der Leserschaft daher sehr entgegen. Nicht zuletzt ob dieser Lebendigkeit seiner Sprache erfreute sich Xenophon in der ganzen Antike großer Beliebtheit und würde, nach heutigen Maßstäben, wohl als "Bestsellerautor" gelten müssen, dessen Werke ebenso spannend und unterhaltsam wie lehrreich sind.

(Schluss)