Parlamentskorrespondenz Nr. 591 vom 03.09.2001

DER VIELGEREISTE "VATER DER GESCHICHTSSCHREIBUNG"

Wien (PK) - Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen, sagt der Volksmund. Herodot machte viele und ausgedehnte Reisen - und er hatte viel zu erzählen. Er tat das so gekonnt, dass er von Cicero als "Vater der Geschichtsschreibung" bezeichnet wurde. Man könnte ihm auch als Erfinder des Infotainment, der modernen Mischform aus Information und Unterhaltung, einen Platz in der Geschichte und der Geschichtsschreibung zuweisen. Denn was immer ihm auf seinen Reisen zugetragen wurde, hat er gekonnt weiter erzählt - ohne darüber zu entscheiden, ob's für wahr zu halten wäre oder nicht.

Ungewiss ist, wann er geboren wurde, wahrscheinlich kurz vor dem Jahr 480 v.Chr., sicher ist, wo: in Halikarnass, an der Südwestküste der heutigen Türkei, rund 70 km südlich vom geistigen Zentralort jenes Gebiets, von Milet. Ein Onkel väterlicherseits - Panyasis - war politisch engagiert: Seiner Beteiligung an einem Putschversuch gegen den lokalen Tyrannen Lygdamos ist es zuzuschreiben, dass Herodots Familie auf die Insel Samos flüchten musste. Nach endlich erfolgter Entmachtung des Tyrannen kehrte die Familie nach Halikarnass zurück.

Herodot hatte damals wohl bereits eine gediegene Ausbildung hinter sich. Ihre Qualität dürfte zum Teil dem politischen Onkel zu danken sein; der war nämlich auch ein Eposdichter von Rang, der das homerische Epos pflegte und neu belebte, etwa mit einem 9.000 Verse umfassenden Epos über die Taten des Herakles. Noch mehr als das Werk des Onkels dürfte ihn das eines Vorläufers in der Historiographie geprägt haben: Die "Periegese" des Hekataios von Milet könnte den Grund für seine ausgedehnten geographischen und ethnographischen Interessen gelegt haben.

Um die Mitte des 4. Jahrhunderts hat er wohl, über ein Jahrzehnt verteilt, seine großen Reisen unternommen, die ihn in die ganze damals bekannte Welt - und ein wenig darüber hinaus - geführt haben. Kleinasien und Vorderasien bis nach Babylon und Susa durchreiste er ein Jahrhundert vor Alexander, in Ägypten kam er auf der Suche nach den Quellen des Nil bis nach Elephantine, er durchzog den Nordosten des afrikanischen Kontinents, er drang vor bis an die Nordküste des Schwarzen Meeres, vermutlich bis zum Don und an die Donau, und nach Thrakien. Makedonien und Griechenland müssen nicht eigens erwähnt werden, dazu kommen Sizilien und Süditalien, das zu Zeiten "Groß-Griechenland" genannt wurde. Auf seinen Reisen hat er befragt, wer immer ihm untergekommen ist, zum Teil mit Hilfe von Dolmetschern, ohne Scheu vor Barbaren und Verbannten. Schreibtafel und Griffel dürfte er stets parat gehalten haben, um sich Notizen zu machen.

Um 444 in Athen angekommen, machte er mit seinen Vorlesungen Furore beim Athener Publikum - die Bedrohung durch die Perser war noch sehr präsent in ganz Griechenland. Er wurde gefeiert, geehrt - und blieb doch nicht in Athen, sondern schloss sich einer Gruppe von Auswanderern an, die es in die griechische Kolonie in Thurioi in Unteritalien zog. Möglich, dass ihm, der so viel von der Welt gesehen hatte, das Weltmachtgehaben Athens unter Perikles nicht behagte. In Thurioi dürfte er die restlichen Jahre seines Lebens, von Reisen innerhalb Italiens abgesehen, vor allem schreibend zugebracht haben.

Mit seinem großen Geschichtswerk wollte Herodot Ereignisse und die Taten der Menschen der Vergangenheit - Griechen wie Barbaren - davor bewahren, in Vergessenheit zu geraten. Ganz besonders geht es ihm um die Erklärung der Ursachen des persisch-griechischen Konflikts. Die Art seiner Darstellung kann man als Entfaltung eines ganzen Panoramas und als grandiose Komposition sehen: Bei jeder sich bietenden Gelegenheit flicht Herodot Exkursionen ein, er erzählt Anekdoten, oft bis zu Novellen ausgebaut - eine frühe Form von Infotainment. Dabei ist es ihm eher um den intendierten Sinn und um Geschichtsdeutung zu tun als um historische "Wahrheit" - wie bei der berühmten Geschichte der Begegnung des Solon mit dem lydischen König Kroisos, bei dem die beiden sich über das Thema "Glück" unterhalten, bis hin zur wundersamen Errettung des Kroisos vom Scheiterhaufen.

In dieser gleichermaßen informativen wie unterhaltsamen Erzählung wird Herodots prinzipielle Geschichtsauffassung deutlich. Die menschliche Geschichte wird von den Göttern bestimmt und gelenkt, der "Neid der Götter" greift in die Geschichte der Menschen ein. Thukydides, sein großer Nachfolger in der griechischen Historiographie, hat Herodots "theologische" Geschichtsdeutung kritisiert und überwunden.

Die Statue des Herodot befindet sich auf der linken Seite der Rampe des Parlaments, in der Gesellschaft von Polybios, Xenophon und Thukydides. Sie ist – wie die anderen – aus Laaser Marmor und stammt von Karl Schwerzek. (Schluss)