Parlamentskorrespondenz Nr. 592 vom 03.09.2001

ZWISCHEN DEM ENDE DES HELLENISMUS UND DEM AUFSTIEG ROMS

Wien (PK) - Über die frühen Jahre des Polybios ist wenig bekannt. Als gesichert gilt, dass er der Sohn eines führenden Repräsentanten des Bundes der griechischen Staaten zu Beginn des vorletzten vorchristlichen Jahrhunderts war. Zu jener Zeit war Rom bereits zur "Supermacht" aufgestiegen, welche die Auseinandersetzung mit Karthago, dem großen Rivalen, bereits zweimal siegreich beenden hatte können. Nun schickte Rom begehrliche Blicke auf die andere Seite der Adria, dazu umso mehr ermuntert, als die einzelnen griechischen Staaten untereinander pausenlos in Zwist und Hader lagen. Rom begann daher zunächst - u.a. durch Quintus Caecilius Metellus - auf dem griechischen Schauplatz insofern zu intervenieren, als man einzelne Protagonisten in ihrem Kampf gegen andere unterstützte. Als daraufhin verschiedene Herrscher sich auch gegen Rom wandten, schritt dieses selbst ein. So auch im Krieg gegen Perseus, bei dem die Römer in der Schlacht bei Pydna (168 v.Chr.) siegreich blieben. In der Folge dieses Konflikts beschlossen die Römer, 1000 Geiseln, vornehmlich nahe Verwandte der führenden Politiker, zu nehmen, die nach Rom gebracht wurden.

Darunter befand sich nun auch Polybios, der auf diese Weise in das Haus der Scipionen kam. Dort freundete er sich rasch mit Scipio Aemilianus an, den er in die weite Welt griechischen Geistes einwies. Gleichzeitig lernte Polybios das römische Staatswesen schätzen und wurde so alsbald zu einem Mittler zwischen den beiden Kulturen. Nicht umsonst wurde er nach der Auseinandersetzung zwischen Rom und Korinth (151 v.Chr.) quasi als "OSZE-Missionsmitglied" seiner Tage nach Griechenland entsandt, um dort für Frieden und Wiederaufbau zu sorgen.

Wenige Jahre später nahm er an der Seite Scipios am III. Punischen Krieg teil, der mit der endgültigen Vernichtung Karthagos endete. Bald darauf begann Polybios mit der Niederschrift seiner "Historiae", die den Aufstieg des Römischen Reiches zwischen 264 und 146 v.Chr. behandeln. Um das Jahr 120 v.Chr. starb Polybios in Rom. Seine Statue auf der Rampe des Parlaments stammt von Alois Düll.

DAS WERK

Die erhaltenen Teile der "Historiae" des Polybios bilden den größten Textcorpus der Epoche des Späthellenismus. Ursprünglich ein auf 40 Bände angelegtes nachgerade universalhistorisches Werk, blieb nur rund ein Drittel des Umfangs erhalten, wovon die ersten fünf Bücher komplett vorliegen, während spätere Bände zum Teil nur durch Exzerpte einzelner Epigonen auf uns kamen.

Polybios behandelt in seinem Werk die Zusammenführung der Mittelmeerwelt unter der Herrschaft Roms, dabei den Bogen vom Vorabend des ersten Punischen Krieges (264 v.Chr.) bis zur Zerstörung Karthagos (146 v.Chr.) spannend. Dieses Geschichtswerk ist mithin das umfangreichste und bedeutendste Zeugnis für die Geschichte des Hellenismus im 3. und 2. vorchristlichen Jahrhundert und zugleich die wohl nennenswerteste Quelle über das republikanische Rom jener Zeit.

Polybios beschränkt sich freilich nicht darauf, die historischen Fakten wiederzugeben, sondern geht auch auf die jeweiligen Handlungsmotive ein und liefert immer wieder theoretische Exkurse zu den einzelnen Problemstellungen der Epoche. Als bedeutsam gilt der dem Werk innewohnende staatspolitische Abriss sowie seine Methodik der Geschichtsschreibung. Schließlich ist Polybios´ Werk - wiewohl er den überwiegenden Teil seines Lebens in und für Rom verbrachte, schrieb er sein Werk auf Griechisch - auch für die Linguistik von zentraler Bedeutung, gilt es doch als "Leitfossil" für die damals angewandte Form der hellenistisch-griechischen Gemeinsprache "Koiné" (die "Allgemeine"). Generell gilt Polybios´ Werk als aus historischer, geschichtsphilosophischer und sprachlicher Hinsicht einzigartiges Dokument. (Schluss)