Parlamentskorrespondenz Nr. 595 vom 10.09.2001

THEOPHIL HANSEN, DER ARCHITEKT DES PARLAMENTS

Wien (PK) - Unmittelbar vor der Rampe mit den römischen Historikern befindet sich eine Büste von Theophil Hansen, jenes Mannes, der für den Bau und die Gestaltung des Parlaments verantwortlich zeichnete. Es ist dies eine offene Hommage an den Architekten, dessen Entwürfe sich schliesslich durchgesetzt hatten. Im Abgeordnetenhaussitzungssaal gibt es in einem der Gemälde noch eine versteckte Würdigung des Meisters, trägt doch der Phidias unverkennbar Hansens Gesichtszüge.

Theophil Edvard Hansen wurde am 13. Juli 1813 in Kopenhagen geboren und nach dem frühen Tod seines Vaters von seinem älteren Bruder Christian erzogen. Er besuchte die Königliche Bauakademie in Kopenhagen und ging 1838 mit einem dänischen Reisestipendium für acht Jahre nach Athen, wo er den griechischen Baustil eingehend studierte und sich auch mit byzantinischen Kunstformen befasste.

Als sich die Situation in Griechenland änderte und Hansen für sich dort keine Entwicklungsperspektiven mehr sah, ging er nach Wien, wo er zunächst Assistent des Architekten Förster war, ehe er 1852 sein eigenes Büro eröffnete. Sein erster grosser Auftrag war der Bau des Arsenals, 1858 erbaute er die protestantische Kirche auf dem Matzleinsdorfer Friedhof, auf dem zahlreiche prominente Deutsche und Engländer, aber auch der berüchtigte Otto Weininger begraben liegen. Die Kirche ist im byzantinischen Stil errichtet, integriert aber auch Elemente anderer Baustile.

In weiterer Folge zeichnete Hansen für die griechische Kirche auf dem Fleischmarkt und das protestantische Gotteshaus in Gumpendorf verantwortlich, wobei er sich bei diesen Bauten über die Neorenaissance immer mehr dem hellenistischen Stil annäherte, oder, wie Hansen selbst es ausdrückte: "Die Hellenen waren das erste Volk, welches die Freiheit und Gesetzmäßigkeit über alles liebte, und ihr Stil ist auch derjenige, welcher neben der grössten Strenge und Gesetzmäßigkeit zugleich die grösste Freiheit in der Entwicklung zulässt."

Im Zuge der Errichtung der Ringstrasse kam Hansens Büro ebenfalls mehrfach zum Zug. So erbaute er einige Privathäuser, allen voran den "Heinrichshof", der im Zweiten Weltkrieg vollkommen zerstört werden sollte.

Seine Reputation ging nun bereits weit über Österreich hinaus. Er erhielt für den Bau des Arsenals den kaiserlichen Orden der Eisernen Krone, und auch das heimatliche Dänemark würdigte ihn mit dem Danebrog-Orden. Weitere Orden und Auszeichnungen erhielt er aus Griechenland, Frankreich und Grossbritannien.

1868 erreichte Hansen der Ruf an die Akademie der Bildenden Künste, für die er seitdem als Professor wirkte. 1883 wurde Hansen die Ehrenbürgerwürde der Stadt Wien übertragen. Zu diesem Zeitpunkt war der Bau des Parlaments de facto abgeschlossen. Mit dem Gebäude des Wiener Musikvereins setzte sich der Däne ein weiteres Denkmal. Allgemein war der "Wiener Stil" vom Werk Hansens nicht mehr zu trennen, und fraglos zählt Hansen neben Friedrich Schmidt zu den bedeutendsten Architekten seiner Zeit.

Als sein Hauptwerk sah Hansen selbst das Wiener Parlamentsgebäude an, welches in den Jahren 1874 bis 1883 errichtet wurde. Die Vorgeschichte des Baus reicht bis in Jahr 1859 zurück, als erstmals die Bebauung des Glacis in Aussicht genommen wurde. Als sich der Reichsrat dann 1861 als Zweikammerparlament mit Abgeordnetenhaus und Herrenhaus konstituiert hatte, war lange Zeit die Idee vorherrschend, den "beiden Häusern" auch tatsächlich zwei Häuser zu errichten. Erst Kostengründe liessen es geboten erscheinen, die beiden Kammern unter einem Dach zu vereinen.

Im November 1869 wurde Hansen beauftragt, Pläne für ein vereinigtes Reichsratsgebäude anzufertigen. Hansen kam diesem Auftrag nach und legte im Mai 1871 eine entsprechende Planung vor. Das Gebäude sollte aus zwei Flügeln bestehen, die exakt deckungsgleich waren, sodass beide Kammern über den genau gleichen Raum verfügen würden. Die Mittelachse des Gebäudes würde der neutrale Grund sein, auf dem sich die Vertreter der beiden Häuser treffen konnten, ohne sich jeweils in den Bereich des anderen parlamentarischen Gremiums begeben zu müssen. In der Säulenhalle, so stellte sich Hansen vor, sollte der Kaiser - nach britischem Vorbild - alljährlich die Parlamentssession mit einer feierlichen Rede eröffnen. Dazu freilich kam es nie, da Franz Joseph bis zuletzt gegenüber dem demokratischen Gedanken vollkommen immun blieb.

War im Juni 1874 der Spatenstich erfolgt, so konnte Ende August 1879 die Gleichenfeier ausgerichtet werden. Ab 1882 mehrten sich die Stimmen, man solle den Bau endlich seiner Bestimmung übergeben, doch war die Ausgestaltung des Gebäudes immer noch nicht abgeschlossen. Obwohl Hansen der Ansicht war, das Bauwerk müsse weiter bearbeitet werden, erteilten die zuständigen Stellen im Oktober 1883 die Benutzungsbewilligung, und bereits am 4. Dezember 1883 fand die erste Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses (das Herrenhaus sollte erst im Dezember 1884 folgen) im neu errichteten Parlament statt. Dennoch sollten noch bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs immer wieder weitere Baumassnahmen - vor allem hinsichtlich der künstlerischen Ausgestaltung - vorgenommen werden.

Im Alter wurde Hansen auch in Griechenland gewürdigt. Er konnte sich mit Athen versöhnen und baute dort die Nationalbibliothek, deren Ähnlichkeit mit dem Parlament in Wien unverkennbar ist.

Am 17. Februar 1891 starb Hansen in Wien. Der Trauerzug passierte noch einmal alle wichtigen Stationen seines Lebens, umrundete das Parlament und führte u.a. an der Akademie der Bildenden Künste, am Heinrichshof und am Musikverein vorbei. Hansen liegt in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben.

(Schluss)