Parlamentskorrespondenz Nr. 623 vom 24.09.2001
AUSTRIA KOMMT DOCH NOCH ZU IHRER HULDIGUNG
Wien (PK) - Bevor man über den Haupteingang das Innere des Parlamentsgebäudes betritt, sollte man seinen Blick hinauf auf das Glasmosaikfries lenken, das nach den Entwürfen von Eduard Lebiedzki gestaltet wurde. Im Mittelpunkt der Darstellung steht die blumenumkränzte Allegorie der Austria mit dem kaiserlichen Wappen zu Füßen.
Der personifizierten Austria werden wir abermals auf dem Fries von Alois Hans Schram im Atrium begegnen. Offensichtlich wurde es nicht mehr als so provokant empfunden, die thronende Austria in diesem Umfeld zu versinnbildlichen. Als Statue vor dem Parlamentsgebäude musste sie ja Pallas Athene, der Göttin der Weisheit, letztendlich den Platz überlassen.
Als zentrales Thema für den Fries wurde die Huldigung der Austria durch die im Reichsrat vertretenen Kronländer gewählt, die in Frauengestalten Austria ihre jeweiligen Wappen darbringen. An den Seitenwänden zeigt das Friesband in vier Gruppen die verschiedenen Stände, nämlich Handel, Verkehr, Ackerbau und Viehzucht. Das Mosaik endet mit Darstellungen auf der Ringstraßenfront, die das Motiv der Gewaltentrennung vom Athenebrunnen wieder aufgreifen und somit harmonisch ergänzen. Auf der rechten Seite erkennt man Justitia, neben ihr den Träger des Richtschwertes und einen Jüngling mit dem Gerichtskreuz. Die linke Vorderseite wird von einer Frauengestalt beherrscht, die das Buch des geschriebenen Rechts in den Händen hält, während der Fackelträger der Wissenschaft vor ihr kniet und ihr der Kranz des Friedens dargebracht wird.
Theophil Hansen hatte zunächst vorgesehen, den Fries in Stuccolustro- oder Freskentechnik ausführen zu lassen. Schließlich kam man überein, ein Glasmosaikfries auf Goldgrund anzubringen und beauftragte die Tiroler Glasmalerei-Anstalt in Innsbruck mit der Ausführung. Die Entwürfe stammen von Eduard Lebiedzki, der auch für die Schaffung des Frieses in der Säulenhalle verantwortlich zeichnete. Lebiedzki konnte das Werk im Jahr 1900 fertig stellen, die Anbringung des Mosaiks über dem Zentralportikus wurde 1902 abgeschlossen.
Peter David Halatsch nennt Eduard Lebiedzki als "legitimen Vorreiter des Wiener Jugendstils", Günther Schefbeck bezeichnet ihn als "einen Wegbereiter des Jugendstils", dessen Werke im Parlament als wesentlicher Bestandteil der Wiener Ringstraße gelten. (Peter David Halatsch: Eduard Lebiedzki – Der verschollene Maler des Wiener Parlaments und Günther Schefbeck: Theophil Hansen, das Wiener Parlamentsgebäude und der Lebiedzki-Fries, Parlamentsbibliothek). Im Jahr 1894 erhielt er unter anderem auf der III. Internationalen Kunstausstellung die "Kleine Goldene Staatsmedaille".
Lebiedzki war besonders bemüht, die Richtigkeit der Anatomie auch in der bekleideten Figurendarstellung sichtbar zu machen. Zu diesem Zweck machte er zahlreiche Studien. Seine Figuren wirken zart und feingliedrig, sie sind sehr graziös und beweglich und in diesem Sinne kann er tatsächlich als ein Vorläufer des Jugendstils gesehen werden. Er hatte als Genre- und Portraitmaler begonnen und etablierte sich später als Historienkünstler, wobei er das Glanzvolle und Wuchtige der Historienmalerei überwunden hat. Er liebte es auch, die unterschiedlichsten künstlerischen Techniken anzuwenden und mit Materialien und Techniken zu experimentieren.
Lebiedzki wurde am 9. November 1862 in Bodenbach im damaligen K.&K. Böhmen geboren. Von 1876 bis 1884 studierte er in der Meisterschule des deutschen Malers Christian Griepenkerl an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und wurde 1888 als ordentliches Mitglied im "Bund bildender Künstler" im Wiener Künstlerhaus aufgenommen. Lebiedzki schien für den noch zu vollendenden Bilderschmuck des Hauses insofern besonders geeignet, als er auch den Fries in der von Theophil Hansen erbauten Athener Universität geschaffen hatte. Lebiedzki starb am 21. November 1915 mit 53 Jahren in Wien.
Da Lebiedzki mosaischen Glaubens war – er konvertierte aber zum Christentum – gaben die Nazis alle seine freigeschaffenen Werke, derer sie habhaft wurden, der Vernichtung preis. Davon verschont blieben die Friese an der Außenseite und im Inneren des Parlaments, da es sonst "in der Wiener Bevölkerung einen Aufstand gegeben" hätte (Peter David Halatsch). (Schluss)