Parlamentskorrespondenz Nr. 695 vom 22.10.2001
EIN GALLIER MACHT IN ROM KARRIERE
Wien (PK) - Publius Cornelius Tacitus wurde um das Jahr 55 n.Chr. mutmaßlich als Sohn eines römischen Beamten in Gallien geboren, wo er auch aufwuchs. Zur Ausbildung nach Rom gekommen, heiratete er 77 die Tochter des Feldherrn Gnaeus Julius Agricola, wodurch er in die erste römische Gesellschaft aufstieg. Noch unter Kaiser Vespasian erhielt er daraufhin das Militärtribunat, unter Kaiser Titus diente er um das Jahr 80 als Quästor, ehe er unter Kaiser Domitian zunächst Volkstribun und im Jahre 88 Praetor war. Nach einem Zwischenspiel in den Provinzen, wo er als Statthalter wirkte, kehrte er 93 nach Rom zurück und wurde schließlich unter Kaiser Nerva im Jahre 97 Konsul, womit er den Höhepunkt seiner politischen Karriere erreicht hatte. Unter Kaiser Trajan wirkte er noch einige Zeit als Prokonsul in Asien, ehe mit dem Abfassen seiner historischen Schriften begann. Aus dieser Tätigkeit wurde er im 65. Lebensjahr durch den Tod gerissen. Tacitus Statue stammt von Karl Sterrer und ist – wie die Standbilder der anderen Historiker – aus Laaser Marmor.
DAS WERK
Naheliegender Weise war das erste Werk, das Tacitus verfaßte, die Biographie seines Schwiegervaters Agricola. Dieses Buch entstand im Jahr 98 und behandelt die wesentlichen Stationen des Feldherrn, so u.a. seine Feldzüge in Britannien und seinen Kampf gegen die "Pikten" in Schottland. Schon hier zeigt sich Tacitus Talent, Geschichte als zutiefst politische Frage zu begreifen, wie dies etwa in der Rede des schottischen Widersachers Agricolas, Calgacus, zum Ausdruck kommt, der, erstaunlich modern, Rom als imperialistische Macht brandmarkt, die ihren Einfluß überall geltend machen will, wogegen sich das Volk der "Pikten" wehren müsse. Tacitus berührt in diesem Werk bereits aber auch ethnologische und geographische Belange, geht er doch ausführlich auf den Lebensraum, die Sitten und die Gebräuche der jeweiligen Völkerschaften ein, was ihn, auch durch seine anderen Bücher, zu einer der essentiellsten Quellen über die Geschichte der Germanen und Kelten macht, zumal diese selbst damals noch keine schriftlichen Zeugnisse ablegten.
Sein Verständnis für andere Völker stellte Tacitus auch in seiner "Germania" unter Beweis, die er in den Jahren 98/99, also nur kurz nach dem "Agricola", schrieb. Mit diesem Werk lieferte er eine ethnographische Darstellung der Geschichte und der Kultur der germanischen Stämme ab, deren Qualität noch bis in das vorangegangene Jahrhundert keinen wissenschaftlichen Vergleich zu scheuen brauchte.
Ab dem Jahr 104 schrieb Tacitus an seinem Hauptwerk, den "Historiae", welche die römische Geschichte vom Zeitpunkt des Vierkaiserjahres 68/69, als hintereinander Galba, Otho, Vitellius und schließlich Vespasian regierten bis zu Tacitus eigener Gegenwart hätte darlegen sollen. Diese Darstellung hätte, so geht aus anderen Quellen hervor, 14 Bände umfassen sollen, überliefert ist freilich nur der Beginn dieser Arbeit. In seinen letzten Lebensjahren arbeitete Tacitus an seinen "Annales", die quasi die Vorgeschichte zu seinen "Historiae" beinhalten. Dieses Alterswerk beginnt mit dem Tod des Augustus und behandelt in der Folge die geschichtlichen Entwicklungen bis zum Sturz des Kaisers Nero im Jahre 68, womit der Beginn der "Historiae", deren erste Kapitel die Machtübernahme Galbas beschreiben, erreicht war.
Gemein ist allen vier Werken der außergewöhnliche Stil des Autors und sein erstaunliches psychologisches Einfühlungsvermögen in die einzelnen Kontrahenten. Rede und Gegenrede erzeugen außerordentliche Lebendigkeit des Textes und lassen Tacitus Historiographie und Belletristik miteinander vereinen. Als Quelle hat Tacitus noch lange nicht ausgedient, als Historiker bietet er auch der heutigen Leserschaft noch Kurzweil und höhere Erkenntnis.
(Schluss)