Parlamentskorrespondenz Nr. 14 vom 14.01.2002
POSEIDON: ERINNERUNG AN ÖSTERREICHS VERGANGENHEIT ALS SEEMACHT
Wien (PK) - Als Theophil Hansen Anfang der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts sein Konzept für das österreichische Parlament entwickelte, war Österreich noch eine Seemacht. Der griechische Meeresgott Poseidon, den die Römer unter dem Namen Neptun verehrten und der von der linken Seite des oberen Vestibüls, mit dem Dreizack bewehrt, auf die Besucher blickt, mag daher für das Österreich jener Tage eine gewisse Funktion gehabt haben. Seine "Zuständigkeit" erstreckte sich allerdings immer schon auf alle, nicht nur die salzigen, Gewässer - wenn auch zuzugeben ist, dass etwa im Falle der Traisen oder des Neusiedler Sees die Assoziation Poseidon nicht unbedingt nahe liegt. Die Figur im Oberen Vestibül wurde von Anton Schmidgruber geschaffen, nach einer Vorlage in der Wiener Akademie.
Ein mächtiger Gott war er immerhin, der (nach Hesiod ältere) Bruder des "Göttervaters" Zeus und des Hades. Mit ersterem, der seinen Standplatz vis a vis auf der rechten Seite des oberen Vestibüls gefunden hat, und dem Gott der Unterwelt hatte er durch das Los die Herrschaftsbereiche aufgeteilt: Zeus sollte als erster der Götter gelten, Poseidon das Wasser regieren und Hades das Totenreich - wenig verwunderlich, dass Hansen für letzteren keinen Platz im Parlament vorgesehen hat.
Man kennt Poseidon als einen oft gewalttätigen Gott, als "Erd-Erschütterer", der Erdbeben verursacht und sich in Meeresstürmen austobt. Der Zug zur Gewalt liegt wohl in der Familie: Sein Vater Kronos verschlang ihn, aus Furcht vor einem heranwachsenden Rivalen, wie seine Geschwister (außer Zeus) gleich nach der Geburt. Metis, die erste von Zeus begehrte und verfolgte Frau, gab Kronos ein Brechmittel ein, worauf der die verschlungenen Kinder erbrach. Nach einer anderen - nicht minder gewalttätigen - Version warf Kronos den Poseidon gleich nach seiner Geburt ins Meer, womit seine spätere Zuständigkeit gewisser Maßen vorweg genommen wurde.
Mit der "ersten Frau des Parlaments", Pallas Athene (siehe PK 579 vom 6. August 2001), der auf recht ungewöhnliche Weise zur Welt gekommenen Tochter des Zeus und der Metis, lag er häufig im Streit, in vielen Konflikten standen die beiden zumeist auf verschiedenen Seiten. Homer hat Szenen dieser Auseinandersetzungen in seiner Ilias und in der Odyssee ausführlich besungen. Die Troer hasste er (sodass er in deren Konflikt mit den Griechen ausnahmsweise wie Athene auf der Seite der Argiver war), weil er unter des Priamos, des Königs von Troia, Vater Laomedon die Mauer der Stadt errichtet hatte, dann aber um den Lohn dafür geprellt worden war.
Empfindlich reagierte Poseidon auch auf einen anderen Betrug an ihm. Minos, der legendäre König von Kreta, hatte sein königliches Recht damit begründet, dass alle seine Gebete erhört würden. Zum Beweis bat er den Meeresgott um einen Opferstier, und Poseidon schickte ihm tatsächlich ein passendes Tier aus dem Meer. Der Stier gefiel dem Minos so sehr, dass er es nicht übers Herz brachte, ihn zu opfern. Der darob ergrimmte Poseidon rächte sich folgenschwer. Er ließ die Gattin des Minos, Pasiphae, leidenschaftlich für den Stier entbrennen. Daedalos, zu jener Zeit in des Minos Diensten, half mit seinen ingeniösen Fähigkeiten, und in der Folge gebar die Königin den stierköpfigen Minotaurus. Für den erfand Daedalos das Labyrinth, wo der Minotauros dann von der Hand des Theseus (übrigens eines Sohns des Poseidon), unter Beihilfe der Ariadne und ihres sprichwörtlichen Fadens, sein Ende fand.
Als die Griechen Troia erobert hatten, schändete der kleine Aias die Seherin Kassandra im Tempel der Athene. Die Griechen, die von der Göttin stets unterstützt worden waren, sahen von einer Bestrafung ab - allein Odysseus war für die Steinigung des Aias eingetreten. Poseidon startete eine Strafexpedition für die beleidigte Göttin und schickte einen Meeressturm. Aias rettete sich aus der Brandung an einen Felsen - und schmähte die Götter, indem er seine Rettung der eigenen Kraft zuschrieb. Poseidon belehrte ihn eines Schlechteren und zertrümmerte eigenhändig den rettenden Felsen.
Den Zorn des Poseidon erregte Odysseus dann dadurch, dass er den Kyklopen Polyphem blendete - der war nämlich auch ein Sohn des Meeresgottes. Odysseus fand, wenn auch nach zehnjähriger Irrfahrt und Verlust all seiner Gefährten, den Weg zurück nach Ithaka und zu seiner Penelope. Die Phäaken aber, die ihn nach Hause brachten, bestrafte Poseidon hart. Ihr Schiff wurde bei der Rückkehr nach Scheria von Poseidon versteinert, ihren Hafen schloss er durch ein mächtiges Gebirge vom Meer ab. Und letzteres haben die Österreicher, die man gelegentlich als "Phäaken am Donaustrand" bezeichnet hat, mit den Bewohnern der Insel Scheria gemeinsam. (Schluss)