Parlamentskorrespondenz Nr. 248 vom 08.04.2002

FISCHER FÜR ABHALTUNG EINES SCHÜLERPARLAMENTS

Wien (PK) – Ein engagiertes Gespräch entwickelte sich heute zwischen rund 90 SchülervertreterInnen aus ganz Österreich und Nationalratspräsident Heinz Fischer im Parlament anlässlich ihres Wien-Aufenthaltes. Im Anschluss daran hatten die SchülerInnen auch Gelegenheit, ihre Anliegen mit den bildungspolitischen Sprechern der vier Parlamentsparteien zu diskutieren.

Präsident Fischer begrüßte die Gäste herzlichst und "outete" sich gleich zu Beginn als Anhänger eines Schülerparlaments. Er hoffe, so Fischer, auf die Zustimmung aller vier Fraktionen, um möglichst bald wieder ein Schülerparlament einberufen zu können, denn Demokratie sei etwas ganz Sensibles und Wichtiges. Dazu müsse jeder seinen Beitrag leisten; Mehrheitsentscheidungen zu akzeptieren müsse aber auch geübt werden, und dazu eigne sich ein Schülerparlament sehr gut. Zu einer Demokratie gehöre der Wechsel, sagte Fischer, und er bekenne sich dazu, dass sich bestimmte gesellschaftliche Konzepte auf Grund von Wahlen auch immer wieder ablösen.

Im Mittelpunkt des Gesprächs mit dem Nationalratspräsidenten standen aktuelle bildungspolitische Fragen. Fischer appellierte an die SchülerInnen, die Möglichkeiten, im Ausland zu studieren, auch wahrzunehmen, da internationale Erfahrungen nicht nur in fachlicher, sondern auch in menschlicher Hinsicht außerordentlich wertvoll seien. Auf die Frage, ob er für oder gegen den konfessionellen Religionsunterricht sei, antwortete er mit einer historischen Replik und warnte vor einem Kulturkampf um den Religionsunterricht. Was die Frage der Abschaffung von Noten betreffe, so gebe es viele Für und Wider, er würde sich dabei auf die Expertise von nationalen und internationalen Fachleuten verlassen.

Ein Schüler plädierte für das Recht auf Arbeitsniederlegung auch während des Unterrichts, worauf Fischer auf den Unterschied zwischen dem gesetzlichen Status von SchülerInnen und ArbeitnehmerInnen hinwies und seine Zweifel hinsichtlich einer Parallelität anmerkte. Außerdem hätten sowohl SchülerInnen als auch StudentInnen demokratische Rechte, so der Präsident.

Mit einem "gemischten Urteil" äußerte sich Fischer zur geplanten Universitätsreform. Er erinnerte an das große Ziel der Mitbestimmung, die in den siebziger Jahren durch das UOG erreicht wurde und bedauerte, dass man diese nun "mit großer Radikalität" zurückdrängen wolle. Die Zusammensetzung des Universitätsrates berge die Gefahr eines zu großen Regierungseinflusses in sich, als dies für eine autonome und pluralistische Universitätsorganisation nützlich sei. Die Universitäten und ihre Organisation müssten sich aber auch an gesellschaftliche Entwicklungen anpassen, wobei die Universitäten der Gesellschaft nicht die Schleppe nachtragen dürften, sondern mit einer Fackel vorangehen müssten, zitierte Fischer einen Philosophen. Dezidiert sprach er sich gegen eine Einteilung in wirtschaftlich und kommerziell nutzbare Fächer und "Orchideenfächer" aus. 

Die SchülerInnen waren aber auch an der bildungspolitischen Diskussion zur Schul- und Studienzeit Fischers interessiert. Der Präsident schilderte darauf hin sehr persönlich seine Aktivitäten als Schüler- und Studentenvertreter, als es vor allem darum ging, die sozialen Barrieren im Bildungsbereich abzubauen. Als sein größtes Erfolgserlebnis bezeichnete er es, mitgeholfen zu haben, dass die Studienbeihilfe unter bestimmten Voraussetzungen gesetzlich als Rechtsanspruch normiert wurde. 

SCHULSPRECHER IM GESPRÄCH MIT ABGEORDNETEN

Im Anschluss an das Gespräch mit dem Nationalratspräsidenten trafen die SchulsprecherInnen mit den Bildungssprechern der vier Parlamentsparteien zu einer Diskussion zusammen, die  Bundesschulsprecher Jakob Huber mit einer Fragerunde an die Abgeordneten einleitete.

Nach den Vorstellungen der SPÖ zu der in Diskussion stehenden Oberstufenreform gefragt, führte Abgeordneter Dieter Antoni aus, dass die SPÖ für eine tiefgreifende Reform ab der 5. Schulstufe eintrete, die schrittweise zu einer Abschaffung der Jahrgangsklassen und zur Einführung eines Kurs- und Modulsystems ab der 7. Schulstufe führen soll. Abgehen will die SPÖ auch von den Einzelfächern. Sie will zu Fachbereichen (Sozial- und Geisteswissenschaften, Grund- und Integrativwissenschaften, Sprachen) übergehen und auch bei der Matura von den Einzelfachprüfungen wegkommen, sagte Antoni. Ziel der Oberstufenreform sei es, die Universitätsreife der Maturanten sicherzustellen. Für die Gesamtschule spreche laut Antoni einerseits die demokratiepolitische Forderung nach einer gemeinsamen Schule aller schulpflichtigen Kinder und andererseits die Ergebnisse der internationalen PISA-Studie.

F-Abgeordneter Gerhard Hetzl informierte die SchulsprecherInnen darüber, dass seine Partei derzeit ein neues Bildungskonzept ausarbeite, das in einigen Wochen veröffentlicht werden soll. Grundsätzlich wandte sich Hetzl gegen eine Verschmelzung von AHS und Hauptschule und erteilte der Gesamtschule eine klare Absage. Es entspreche nicht den aktuellen Vorstellungen der Freiheitlichen, die öffentliche Schule der Konkurrenz der Privatschulen auszusetzen, sagte Abgeordneter Hetzl den Schülervertretern auf eine diesbezügliche Frage.

Die Frage, was seiner Partei wichtiger sei, die Berufsausbildung oder der humanistische Geist, gab V-Abgeordnetem Werner Amon Gelegenheit, seine Präferenz für ein differenziertes Schulsystem darzustellen, das ein bestmögliches Angebot gewährleiste, indem es auf die unterschiedlichen Neigungen und die unterschiedliche Leistungsfähigkeit der einzelnen Schüler Rücksicht nehme. Daher sei die ÖVP gegen jede Vermischung von Schultypen und ordne die Aufgabe, die Studierfähigkeit zu vermitteln, der AHS zu, während es ihr in den berufsbildenden Schulen um berufliche Qualifikation gehe, wozu aber auch ein gewisses Maß an Allgemeinbildung gehöre. Laut PISA-Studie erzielten nur Gesamtschulen mit innerer Differenzierung gute Unterrichtsergebnisse. Dieser Anforderung entspreche die österreichische Hauptschule im ländlichen Raum, wo sie eine Gesamtschule für 70 % der Schüler darstelle.  

Die im internationalen Vergleich hohe Anzahl von Unterrichtsstunden verlangten neue Lernformen und eine neue Tagesgestaltung der Schüler, sagte der Bildungssprecher der Grünen, Dieter Brosz, und bekannte sich nachdrücklich zur Ganztagsschule, da sie neue Lernformen und eine schülergerechtere Abfolge von Lern- und Erholungsphasen sowie die Integration von Sport- und Musikeinheiten sowie des Förderunterrichts erlaube. Außerdem trat Brosz für eine seriöse Form der Gesamtschule mit Differenzierungen ein, da die PISA-Studie es Österreich ausdrücklich nahe lege, die frühe Selektion der Schüler in AHS und Hauptschule, die vielfach der sozialen Herkunft der Schüler entspreche, zu überwinden.

Im weiteren Verlauf der Diskussion brachten mehrere Schülervertreter die im Vorjahr beschlossenen Verhaltensvereinbarungen aufs Tapet und drängten auf eine Änderung des Gesetzes, um sicherzustellen, dass Verhaltensvereinbarungen künftig nur mit der Zustimmung der Schülervertreter in Kraft gesetzt werden können.

Zustimmung von Seiten der Bildungssprecher erlangten die Schülervertreter mit ihrer Feststellung, dass die finanzielle Autonomie der Schulen und ihre Möglichkeit, Sponsorgelder zu bekommen, zu Verzerrungen zwischen den einzelnen Schultypen führen könne. Denn es sei für eine HTL leichter, Geld von Seiten der Wirtschaft aufzutreiben, als für eine KindergärtnerInnenschule. Bildung sei eine staatliche Aufgabe, bekräftigten alle Abgeordneten daraufhin und erklärten, dass niemand an eine Privatisierung des Schulsystems denke. Abgeordneter Amon wollte aber nicht so weit gehen wie Abgeordneter Brosz, der für die Abschaffung privaten Sponsorings von Schulen eintrat, da er, Amon, den einzelnen Schulen nicht die Chance nehmen wollte, zusätzliches Geld zu bekommen. (Schluss)