Parlamentskorrespondenz Nr. 286 vom 22.04.2002

VON DER LIEBE ZUM VATER UND VON DER LIEBE ZUM VATERLAND

Wien (PK) - Als Parlamentarier war Titus Manlius, dessen Standbild wir nun als nächstes begutachten können und das zwischen den bis auf den heutigen Tag anerkannten Größen Cicero und Augustus platziert wurde, eigentlich denkbar ungeeignet. Er hatte einen fatalen Nachteil für diese Profession: er stotterte. So sehr sogar, dass sich sein Vater, Lucius Manlius, seiner schämte und ihn fern von Rom auf seinem Landgut gleichsam vor der Öffentlichkeit versteckte.

Dieser Lucius nun war in Rom ein wichtiger Mann. Zur Zeit, da die Gallier für die ewige Stadt eine ernstzunehmende Bedrohung waren - sie hatten unter Brennus erst kurz zuvor die Stadt berannt und waren, so will es die Legende, nur durch die kapitolinischen Gänse, nicht erfolgreich gewesen -, war er zum Diktator ernannt worden. In dieser Funktion schuf er sich selbstredend nicht nur Freunde, und seine Gegner warteten auf den ersten günstigen Augenblick, mit Lucius abzurechnen.

Diese Gelegenheit bot sich, als sich die politische Lage durch eine Pestepidemie neuerlich dramatisch verschärfte. Lucius Manlius wollte gegen die Herniker, einen Stamm der Sabiner, rüsten und schreckte bei der Einberufung von Soldaten auch vor Gewaltmitteln nicht zurück. Er strafte zaudernde Soldaten mit der Rute, woraufhin sich das Volk gegen ihn empörte. Der Tribun Pomponius vertrat die Anklage. Und um Lucius in noch schlechterem Licht erscheinen zu lassen, kam er auf dessen Sohn zu sprechen, den er vor den Römern verborgen hielt.

Hart müsse dieser auf den Feldern schuften, während seinesgleichen üblicherweise gesellschaftlichen Umgang und ritterliche Spiele auf dem Marsfeld pflege. "Und welches Verbrechen hat der Sohn begangen", rief Pomponius dramatisch, "dass er so aufs Land verbannt? Ihm fehlt die fließende Rede, die geläufige Zunge. Muss Manlius als Vater, wenn er nur einen Funken Menschlichkeit besitzt, diesen Fehler nicht durch schonende Nachsicht zu mildern suchen, anstatt ihn durch Strafe und Misshandlung noch zu verstärken?"

Diese Worte verfehlten ihren Eindruck auf die Römer nicht, und Lucius Manlius war in der öffentlichen Meinung endgültig "unten durch". Doch die Ausführungen des Pomponius kamen selbst Titus auf dem Land zu Ohren. Und der empörte sich, so instrumentalisiert worden zu sein. Spornstreichs eilte er nach Rom, bewaffnete sich mit einem Dolch und verschaffte sich Zutritt in das Haus des Pomponius. Eine Unterredung unter vier Augen fordernd - und erhaltend, da Pomponius auf weiteres Material für seinen Prozess gegen Lucius hoffte -, packte er Pomponius und forderte ihn auf, sein Vorgehen gegen den Vater einzustellen: "Du hast dich zum Ankläger gegen meinen Vater aufgeworfen, ohne dass ich dich darum gebeten habe. Schwöre mir, dass du von deiner Anklage zurücktrittst und künftig keine Volksversammlung mehr in dieser Sache einberufen willst."

Da nützte dem Pomponius auch der Vorwurf der Nötigung durch den Sohn nichts mehr, seine Sache war verloren. "Muss man solch einen Jüngling nicht hochachten, der des Vaters Härte mit solchen Beweisen kindlicher Liebe vergilt", fragten da die Römer, und Titus stand über Nacht in höchstem Ansehen beim römischen Volke. Und da in jenen Tagen die Wahl der Kriegstribunen anstand, erhielt Titus Manlius den Posten, obwohl er sich zuvor weder im Kriege noch im Frieden ausgezeichnet hatte. Bald aber sollte sich zeigen, dass die rechte Wahl getroffen worden war.

DER KAMPF GEGEN DEN GIGANTEN

Denn die Gallier waren noch nicht willens, von Rom zu lassen. Abermals legten sie einen Belagerungsring um die Stadt und zeigten keinerlei Furcht vor den römischen Verteidigern. An den Ufern des Anio, eines Nebenflusses des Tiber, kamen die beiden Heere zu stehen. Zwischen ihnen lag eine Brücke, die keiner der Feldherrn zerstören wollte, um sich nicht dem Vorwurf der Feigheit auszusetzen.

Da trat eines Tages ein hünenhafter Gallier auf die Brücke und forderte den Feind mit lauten Worten heraus: "Wer der Tapferste unter euch ist, der mag sich mit mir zum Kampfe stellen. Der Ausgang soll dann entscheiden, welches der beiden Völker im Streite besser ist."

Titus Manlius befand sich zu diesem Zeitpunkt gerade mit seiner Truppe auf Wache und ließ die Herausforderung nicht ungehört verhallen. Sofort begab er sich zu seinem Feldherrn und bat ihn, den Waffengang für die römische Seite antreten zu dürfen: "Ich werde diesem Frechen zeigen, dass ich aus dem Stamm eines Mannes entsprossen bin, der einst eine ganze Schar Gallier den Tarpeijischen Felsen hinabgeschleudert hat."

Der römische Oberkommandierende gewährte Titus die Bitte, und gerüstet mit dem viereckigen Schild der Römer und dem Gladius, dem Kurzschwert, trat Titus dem Riesen entgegen. Dieser überschüttete seinen Gegner mit Schmähreden und zeigte ihm als Zeichen der Verachtung die Zunge. Titus aber würdigte ihn keiner Antwort und konzentrierte sich auf den Kampf. Geschickt wich er den ungelenken Hieben des Hünen aus und suchte nach der verwundbarsten Stelle des Galliers. Im rechten Moment tauchte Titus unter den Armen des Gegners durch und stieß ihm den Gladius zwischen den Gliedern des Brustpanzers in die Seite. Gefällt stürzte der Barbar zu Boden.

Während die Gallier erschreckt verstummten, hob im Lager der Römer gellender Jubel an. Nach dem Recht des Siegers nahm Titus dem Toten die Rüstung ab und hängte sich dessen gallische Halskette, die Torques genannt wurde, um. Seitdem war Titus Manlius allgemein "Torquator" genannt, weil er den Gallier überwunden hatte. Die Belagerer aber waren so bestürzt, dass sie ihre Lager abbrachen und nach Norden hin abzogen.

Titus Manlius Torquatus aber war von da ab einer der geachtetsten Römer und wurde selbst zum Konsul gewählt. Als solcher zeichnete er sich nochmals in den "Latinischen Kriegen" aus und blieb bis zuletzt einer der bestimmenden Politiker seiner Zeit.

DAS OPFER DES DECIUS MUS

In jenen Jahren nämlich empörten sich die Latiner wider die römische Patronanz und wollten ihre Souveränität notfalls mit Waffengewalt wieder herstellen. Lange wogte das Kriegsglück unentschlossen hin und her. Vor der Entscheidungsschlacht aber träumten die beiden römischen Konsuln Titus Manlius Torquatus und Decius Mus beide denselben Traum. Sie hörten eine Stimme, die sprach: "Von den beiden gegnerischen Heeren wird eines den Todesgöttern verfallen sein, von dem anderen Heere aber der Feldherr."

Mit großem Staunen erkannten die beiden am nächsten Morgen diese Parallele, und auch die Auguren bestätigten das im Traum Gesehene bei ihrer Opferschau. Manlius und Decius berieten sich und kamen überein, dass sich jener Konsul opfern müsse, dessen Heerteil zuerst ins Wanken gerate.

Decius befehligte den linken Flügel, und während Manlius mit den Seinen mutig vorwärts schritt, kam des Decius Schar alsbald ins Stocken. Schon waren die ersten Reihen gefällt, und der Haufe flutete zurück, weil dem Ansturm der Latiner nicht Einhalt geboten werden konnte. Da erkannte Decius seine Pflicht. Bereit, sich dem Wohle des Vaterlandes zu opfern, rief er nach den Priestern, auf dass diese die Gebete sprachen, die ihn, Decius, Plutos Schattenreich weihen sollten. Nachdem dies geschehen war, stieg Decius auf sein Pferd und sprengte mitten in die latinischen Reihen.

Bald sank er, durchbohrt von Dutzenden Pfeilen, entseelt zu Boden, doch zuvor hatte er im Heer der Latiner derartigen Schrecken verbreitet, dass die Römer die Schlacht noch gewinnen konnten. Angefeuert vom heldenhaften Opfertod ihres Konsuls, setzten die Römer unter Titus unerbittlich dem Gegner nach und errangen einen vollendeten Sieg, der die Vorherrschaft Roms über Italien endgültig festschrieb. (Schluss)