Parlamentskorrespondenz Nr. 344 vom 13.05.2002
DER WENDEKAISER
Wien (PK) - Der letzte in der Reihe der zehn römischen Staatslenker ist Konstantin der Große (ca. 275 bis 337), jener Kaiser, mit dem der endgültige Durchbruch des Christentums als führende Religion im Römischen Reich verbunden ist. Diesem Umstand dürfte es wohl auch geschuldet sein, den Begründer von Konstantinopel überhaupt unter jenen historischen Persönlichkeiten vorzufinden, denn im Gegensatz zu den anderen neun Politikern hatte Konstantin mit dem alten "SPQR" (Senatus Populusque Romanus) wenig am Hut. Zwar kam er an einer Stelle seines Kampfes um die Macht im Reiche mit einem Verbündeten überein, 313 das Konsulat zu übernehmen, doch Parlamentarier war Konstantin in keinster Weise. Dementsprechend ist anzunehmen, dass Konstantin seinen Platz an der Stirnseite des Abgeordnetenhauses nur deshalb fand, um dem allerchristlichsten Herrscherhause der Habsburger eine christliche Identifikationsfigur zu bieten, spielte Konstantin doch vor allem im Früh- und Hochmittelalter eine zentrale Rolle für die Herleitung päpstlichen Herrschaftsanspruchs.
Die sogenannte "Konstantinische Schenkung", eine wohl unter Papst Paul I. entstandene Fälschung, die sich in den Pseudoisidorischen Dekretalien fand. Demnach hätte Konstantin gegenüber Papst Silvester I. das Supremat der Kirche von Rom anerkannt, dieser die Herrschaft über den Westen überlassen und sich genau deshalb selbst nach Byzanz zurückgezogen. Wenn auch diese "Schenkung" immer wieder angezweifelt (so von Kaiser Otto III.) oder als "dumme Tat" (Walther von der Vogelweide) verdammt wurde, gelang es doch erst Nikolaus von Kues und Lorenzo Valla dieses Dokument eindeutig als Fälschung zu entlarven. Dennoch blieb Konstantin für die Kirche eine Figur von enormer Bedeutung, und zwar nicht nur für die katholische, sondern auch für die orthodoxe, die Konstantin und seine Mutter heute noch als große Heilige verehrt. Der historische Konstantin war gleichwohl mehr Condottiere als Hierarch.
DIE HERRSCHAFT DER VIER
Die Institution eines römischen Kaisers war im 3. Jahrhundert u.Z. ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Vorbei war die Zeit, da - man denke an die Periode der Adoptivkaiser von Nerva (96-98), Trajan (98-117), Hadrian (117-136), Antoninus Pius (136-160) und Marc Aurel (160-180) - der Kaiser nicht nur eine unumschränkte Autorität genoss, sondern auch die nötige Gehirnmasse, von der Macht entsprechenden Gebrauch zu machen. Von einzelnen Lichtgestalten wie Gordian III. (238-244) oder Claudius Gothicus (268-270) abgesehen, waren die meisten Kaiser jenes Jahrhunderts zweifelhafte und vor allem angezweifelte Gestalten, die bei weitem nicht immer herrschen konnten und an den verschiedensten Ecken und Enden des Reiches ihre Herausforderer fanden, denen sie nicht selten unterlagen.
Es blieb somit das Verdienst des in Spalatum (Split) geborenen Diokletian (284-305), dem immensen Reich einen neuen Halt zu geben. Zu diesem Zweck erfand er die Tetrarchie, die Usurpatorentum und Machtkämpfe a priori unterbinden sollte. Dieses System sah zwei Hauptherrscher (Augusti) vor, die jeweils den Westen und Osten regieren und denen zwei Unterherrscher (Caesari) zur Seite stehen sollten, welche nach einem Ablauf von 10 Jahren den Augusti automatisch nachfolgen sollten, um ihrerseits neue Caesari zu ernennen, die dann nach weiteren 10 Jahren auf gleiche Weise nachrücken sollten. Jeder Staatslenker hätte demnach 20 Regierungsjahre absolviert, ehe er sich in den Ruhestand zurückzuziehen hatte. Doch was klug angedacht war, sollte nicht einmal den Erfinder überleben. Und daran war nicht zuletzt der "Held" dieser Geschichte maßgeblich beteiligt.
HERKUNFT UND JUGEND
Konstantin war wie der Erfinder der Tetrarchie "Jugoslawe". Stammte Diokletian aus Split, so wurde Konstantin im heutigen Nis geboren. Und zwar - soviel wissen wir immerhin - an einem 27. Februar. Unbekannt freilich blieb das Geburtsjahr, denn hier schwanken die Angaben zwischen 270 und 288 n.Chr.! Sicher wiederum ist, dass Konstantin der Sohn von Constantius war, der den Beinamen "Chlorus" (Der Gebleichte, Der Blasse) erhalten hatte und in der Tetrarchie des Diokletian, wie erwähnt, eine führende Rolle spielte. Konstantins Mutter Helena, eine Griechin aus Bithynien am Schwarzen Meer, war Magd von Beruf und daher für den "hohen Römer" keine standesgemäße Verbindung. Er betrachtete Helena demgemäß wohl lediglich als Mätresse und heiratete später Theodora, die Stieftochter von Diokletians Mitkaiser Maximianus, mit der er sechs weitere Kinder haben sollte.
Konstantin war ihm gleichwohl dennoch wichtig, denn er ließ ihn an den Hof bringen und ihm eine solide patrizische Erziehung angedeihen. Für eine äußerst frühe Trennung von seiner Mutter spricht auch, dass Konstantin nicht Griechisch sprach, sodass er später in der östlichen Reichshälfte oft und oft einen Dolmetscher brauchte. 296, so will es die Geschichte seines Hauptbiographen, des Kirchenhistorikers Eusebios von Caesarea, bestritt Konstantin seinen ersten Feldzug, denn just da will Euseb erstmals mit seinem späteren Mentor in Palästina zusammengetroffen sein. Wäre diese Information stichhaltig, so könnte davon ausgegangen werden, dass Konstantin weit eher Mitte der 70er Jahre als Mitte der 80er Jahre des 3. Jahrhunderts zur Welt kam. Lactantius weiß jedenfalls ergänzend zu berichten, dass Konstantin in jenen Jahren die Reiterei des Unterkaisers (Caesar) Galerius befehligte. Als dieser gemeinsam mit Constantius zum Augustus aufrückte, nachdem Diokletian und Maximianus 305 abdankten, reiste Konstantin quer durch das Reich ans andere Ende des Imperiums, um bei seinem Vater zu sein. Dieser führte in jenem Jahr einen Feldzug gegen die Skoten, von dem er Anfang 306 nach Eboracum (heute York) zurückkehrte. In dieser seiner Residenzstadt verstarb Constantius im darauffolgenden Sommer nach nur einem Jahr als weströmischer Herrscher.
POLITISCHE KRISE UND "OSZE"-KONFERENZ IM ANTIKEN ÖSTERREICH
Und nun, nur 21 Jahre nach der Erfindung der Tetrarchie, wurde diese erstmals in Frage gestellt. Denn die Truppen des Constantius waren nicht willens, dessen Caesar als neuen Augustus zu akzeptieren und riefen stattdessen seinen Sohn Konstantin zum Kaiser aus. Dieser Schritt, so offenkundig gegen die geltenden Regeln unternommen, musste Rom an den Rand eines Bürgerkrieges führen. Denn besagter Caesar sah sich selbst als legitimen Nachfolger, und so marschierten bald abermals Römer gegen Römer. Konstantin versuchte sich politisch abzusichern, indem er die Tochter Maximians, Fausta, heiratete, wiewohl er aus einer anderen Verbindung schon einen Sohn, Crispus, hatte. Unterstützt wurde er nun nicht nur vom pensionierten Augustus, sondern auch von dessen Sohn und nunmehrigen Schwager Konstantins, Maxentius. Maximian widerrief seine Abdankung und ernannte sich abermals zum Augustus - was die Lage noch verworrener machte.
Als Vermittler bot sich nun der Erfinder des neuen Systems an, und 308 kamen die verschiedenen Fraktionen vor den Toren Wiens im pannonischen Carnuntum zu einer Art OSZE-Konferenz der damaligen Zeit zusammen, um die politischen Konflikte auch politisch zu lösen. Zwar gelang es Diokletian, seinen Mitkaiser zur neuerlichen Demission zu bewegen, doch wirklich gelöst wurde auch schon damals nichts, denn dessen Rückzug hatte nur das Auftreten eines weiteren Prätendenten zur Folge.
Entspannung war erst in Sicht, als 310/11 einige der Keyplayer das Zeitliche segneten. Doch zu jenem Zeitpunkt waren aus den einstigen Verbündeten Konstantin und Maxentius erbitterte Gegner geworden. Konstantin, dessen Selbstbewusstsein nach erfolgreichen Feldzügen gegen die Germanen gewachsen war, marschierte nun auf Rom, die endgültige Entscheidung zu erzwingen.
IN HOC SIGNO
Als Konstantin nun vor den Toren Roms der Armee des Maxentius gegenüberstand, soll er, der Legende nach, einen Traum gehabt haben, wonach er, wenn er das Symbol der Christenheit auf die Schilde seiner Soldaten male, den Sieg davontragen werde ("In hoc signo vinces"). Dieser "Vision" verdanken die christlichen Kirchen übrigens heute noch ihr "IHS" als zentrales Glaubenssymbol. Und dies, obwohl es seine Zeit brauchte, bis die Legende zu dieser Formel heruntergebrochen wurde. Denn die erste Quelle für diese göttliche Mitteilung liefert uns (einmal mehr) Euseb. Und der schrieb auf Griechisch. Demnach heißt es bei ihm, die himmlische Verkündigung habe "touto nika" gelautet. Damit freilich hätte Konstantin ja wenig angefangen, da er, wie erwähnt, des Griechischen nicht mächtig war. Anderen Quellen zufolge habe Konstantin nicht ein helles Kreuz gesehen, sondern die Anweisung erhalten, das Christusmonogramm "Chi Rho" aufpinseln zu lassen. Diese von Lactantius kolportierte Version stammt bereits aus dem Jahr 318 und ist mithin rund 15 Jahre früher entstanden als jene des Eusebios. "Stille Post" ist mithin keine Erfindung unserer Tage.
Die Wahrheit war wohl ohnehin ungleich prosaischer. In jener Zeit waren die Christen schon weit entfernt von dem kleinen Katakomben-Grüppchen des 1. Jahrhunderts. Aus der Mini-Sekte war eine ansehnliche Mittelpartei geworden, die ihre Anhänger überall - und daher auch im Heer des Maxentius - gefunden hatte. Und die meisten Christen waren auch mit weit weniger Skrupeln behaftet als ihre Vorväter 200 Jahre zuvor. Nur mit einem taten sie sich wohl tatsächlich noch schwer: die eigenen Leute zu töten. Und als nun die Christen des Maxentius am Tag der Schlacht an der Milvischen Brücke die Schilde ihrer Gegner mit dem lateinischen Kreuz versehen sahen, da mag es ihren Kampfeswillen tatsächlich dergestalt beeinflusst haben, dass Konstantins Truppen den Sieg davontrugen. Maxentius nahm jedenfalls ein unfreiwilliges und vor allem letales Bad im Tiber, und Konstantin war nunmehr unumschränkter Herrscher des weströmischen Teils.
Wenn uns auch Euseb glauben machen will, dass Konstantin damals schon zum Christentum konvertierte, so wird die Wahrheit wohl weit eher dergestalt sein, dass Konstantin als nüchterner Machtpolitiker erkannte, dass das Christentum eine politische Waffe sein konnte, derer man sich beizeiten gut bedienen konnte. Dementsprechend gerierte er sich als Schirmherr der Christen, ohne deswegen den alten römischen Göttern vorschnell abzuschwören. Ein paar windige Propagandatricks - so etwa die "Auffindung" des Kreuzes Christi durch seine Mutter Helena - sorgten dafür, dass Konstantin als ein von Gott Auserwählter erschien, dessen Wort für die Gläubigen entsprechendes Gewicht haben müsse.
SCHIEDSRICHTER UND THEOLOGISCHE LETZTINSTANZ
Konstantin war sich dessen bewusst, dass die Christen letztlich die einzige religiöse Gruppierung waren, die in allen Teilen des Reiches über fanatische Anhängerschaft verfügte. Insofern begann er, das Christentum für seine Zwecke zu instrumentalisieren, als er aus Erfahrung das Staatskirchentum, die enge Verschränkung von Politik und Religion als maßgebliches Mittel zur Ruhigstellung von Volkes Unduldsamkeit, zu schätzen wusste. Er ließ also flugs ein paar eindrucksvolle Kirchen bauen und gefiel sich zunehmend in der Rolle eines theologischen Schiedsrichters. In jenen Tagen war die Kirche nämlich zunehmend damit beschäftigt, auf theologischem Gebiet jene Selbstzerfleischung an den Tag zu legen, welcher die Römer in militärischen Belangen frönten. Was kümmerten die Kirchenväter des 3. Jahrhunderts noch die Heiden, viel größeren Kummer bereiteten vermeintliche Herätiker, Ketzer und Apostaten.
Einer davon war der Bischof Arius, welcher davon überzeugt war, dass Jesus Christus Gott nur ähnlich, nicht aber gleich gewesen sei, da er, im Gegensatz zu Gott, ja einen Anfang - in Form seiner Geburt - gehabt habe. Dieser Streit zwischen der Mehrheit und den sogenannten Arianern drehte sich um ein einziges Bibelwort, im konkreten um einen einzigen Buchstaben, der eben "gleich" (homousios) von "ähnlich" (homoiusios) in dieser Frage schied. Ein "i", um genau zu sein, griechisch "Iota" geheißen, weshalb auch heute noch Hardliner nicht willens sind, "auch nur ein Iota nachzugeben". Der Konflikt, ob Arius sich nun im Abseits befände oder nicht, schwelte jedenfalls hartnäckig, sodass die Kirche, von Konstantin schon recht nachhaltig entmündigt, schließlich dessen Idee eines Konzils zur Klärung von derlei theologischer Spitzfindigkeit, beipflichtete.
EINE STADT FÜR EIN KAISERREICH
Dieses Konzil in Nicäa konnte Konstantin umso leichter ausrichten lassen, als er seit 324 endgültig allmächtiger Kaiser des gesamtrömischen Imperiums war. Sein letzter verbliebener Rivale, Ostroms Lenker Licinius, war - durch fremde Hilfe - verwichen, und ein weiterer Gegner nicht mehr in Sicht. Das Jahr 325 wurde darob zu Konstantins persönlichem Triumph. Bei besagtem Konzil erinnerte er die Hierarchie nachhaltig daran, "was des Kaisers ist", und im Reich zelebrierte er ausgiebig sein 20jähriges Amtsjubiläum.
Dass er dabei just in Rom auf wenig Gegenliebe stieß - das Volk jubelte ganz und gar nicht, an diversen Säulen fanden sich gar Schmähschriften, die Vorläufer der berühmten Pasquinati, wider den Imperator -, man ihn dort sogar verdächtigte, am Tod seiner Frau Fausta und seines Sohnes Crispus nicht so völlig unschuldig gewesen zu sein, veranlassten ihn, sich an den Ufern des Hellespont nach einer neuen Residenz umzusehen. Das beschauliche Fischerdorf Byzantion sollte ihm zum neuen Rom werden - 1200 Jahre später hatte Zar Iwan IV. (bei uns bekannt als der "Schreckliche") die Vision, aus Moskau das "dritte Rom" zu machen -, und so wurden aus allen Ecken und Enden des Reiches Bauarbeiter, Handwerker und Künstler herbeigeholt, an jener Meerenge eine Stadt zu errichten, die den Namen ihres Erbauers tragen sollte: Konstantinopel. Nach nur vier Jahren war es soweit: die neue Metropole wurde 330 eingeweiht, der Kaiser hatte seine neue Residenz - und musste sich nicht länger ob römischer Unverfrorenheit grämen.
Noch einmal, anlässlich seines 30. Thronjubiläums anno 335, konnte er sich gebührend feiern lassen - diesmal von einer handverlesenen Schar von Claqueuren, den Bürgern von Konstantinopel nämlich -, ehe sein Leben allmählich in die Zielgerade einbog. Und nun erst wurde der Herrscher wirklich christlich. Er begann, sich um sein Seelenheil zu sorgen und erwog, glaubt man christlichen Quellen, eine Taufe im Jordan. Doch dazu kam es nicht mehr. Eine Schnelltaufe am Totenbett musste im Mai 337 genug sein, damit sich der Kaiser den himmlischen Heerscharen anschließen konnte. Für die Dualität seiner Epoche mag es jedoch signifikant sein, dass er, wiewohl getaufter Christ, von der alten römischen Staatsreligion pflichtgemäß zum "Divus" vergöttlicht wurde, womit er sich der Segnungen beider Konfessionen sicher sein konnte.
Sein Sohn Constantius II. ließ Konstantin in einer byzantinischen Basilika begraben - allerdings nach heidnischer Tradition in einem Sarkophag. Dieser stand, umrahmt von zwölf leeren Kenotaphen für die Apostel, in der Mitte des Raumes, wohl auch dies ein sinnfälliger Ausdruck konstantinischer Ambivalenz. Frommere Gemüter mögen sich gehütet haben, derart die Assoziation zu Christus Jesus zu evozieren. Doch Konstantin war ja eben auch irgendwie ein Gott, ein Kollege quasi.
Nach Konstantins Tod brachen die alten Konflikte wieder auf, das Reich erlebte abermals Teilungen und Machtkämpfe. Nach einem 50jährigen Intermezzo befand sich das Imperium Romanum wieder im präediokletianischen Zustand. Doch während das Weströmische Reich in den Stürmen der Völkerwanderung versank, blieb Konstantins Stadt bis 1453 der Wahrer antiker Tradition. Und dank Eusebs "Public Relations" erscheint Konstantin bis in unsere Zeit als der große Förderer des Christentums, dank dessen Wirken aus der verfolgten Sekte die allumfassende Weltkirche werden konnte. Und es ist wohl nicht zuletzt diese Sichtweise, die Konstantin ein Standbild im Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses einbrachte. (Schluss)