Parlamentskorrespondenz Nr. 380 vom 27.05.2002

EINMAL VOM MYTHOS ZUM LOGOS - UND ZURÜCK

Wien (PK) - An der Stirnseite des historischen Sitzungssaales - des Abgeordnetenhauses - zieht sich über den Nischen mit den Statuen aus der römischen Geschichte ein von August Eisenmenger gestalteter, in 15 Einzelfelder gegliederter Fries hin. Auf Goldgrund sind Szenen aus der griechischen und aus der römischen Antike abgebildet. Während Hansen im Reichsratssitzungssaal den Abgeordneten die Statuen römischer Praktiker von Numa Pompilius bis Konstantin vor Augen stellt, figurierten im Herrenhaus, das im Krieg zerstört wurde, die griechischen Denker. Im Eisenmenger-Fries wird diese Zuordnung - Abgeordnetenhaus/Römer und Herrenhaus/Griechen - allerdings nicht durchgehalten. Wohl finden sich mit Menenius Agrippa, Brutus, Decius Mus und Gaius Gracchus vier Römer, das Übergewicht aber haben die Griechen. Beginnend im ersten Feld mit dem Kampf der Kentauren mit den Lapithen, beschreiten Hansen und Eisenmenger einen Weg vom Mythos zum Logos über Sokrates und Platon und zurück - Solon ist zwar ein Name für eine Figur aus der griechischen Geschichte, doch ranken sich um den frühen Gesetzgeber Athens zahlreiche Mythen.

Der Fries umfasst folgende Darstellungen: 1. Kampf der Kentauren und Lapithen, 2. Minos richtet nach eigenem Ermessen, 3. Einsetzung der Volksvertretung in Sparta, 4. Brutus verurteilt seine Söhne, 5. Menenius Agrippa versöhnt die Stände, 6. Sophokles im Wettstreit mit Aischylos, 7. Sokrates auf dem Markt von Athen, 8. Anordnung der Prachtbauten durch Perikles, 9. Herodot in Olympia, 10. Plato lehrt die Gesetze, 11. Demostehenes spricht zum Volk, 12. Decius Mus weiht sich dem Tod, 13. Gaius Gracchus auf der Rednertribüne, 14. Solon lässt die Athener auf die Gesetze schwören und 15. der Friede.

DER KAMPF DER KENTAUREN MIT DEN LAPITHEN

Mit Geschichte hat diese Geschichte nichts zu tun, sie ist purer Mythos - im Gegensatz zu einigen weiteren Darstellungen des Frieses. Die Kentauren, halb Mensch halb Pferd, sind prominente Wesen aus der griechischen Mythologie. Auch wenn man die Kentauren eindeutig dem Mythos zuordnet - könnten diese Fabelwesen nicht doch auch eine reale Grundlage haben? Man vermag sich wohl kaum vor zu stellen, wie die ersten Menschen auf dem Rücken von Pferden auf die anderen - die vielleicht beim frühen Licht des Tages von Reitern überfallen wurden - gewirkt haben mögen. Vielleicht wie Fabelwesen, halb Tier halb Mensch, deren Geschichte sich von Generation zu Generation vererbte.

Der hervorragendste Vertreter dieses sonst recht wilden Stammes war Chiron, der Lehrer des Heilgottes Asklepios sowie des Herakles. Die Kentauren lebten auf dem Berg Pelion in Thessalien, in Nachbarschaft zum kultivierten Volk der Lapithen, mit denen sie ständig im Streit um das Land lagen.

Peirithoos, der König der Lapithen, lud die benachbarten Kentauren - als Zeichen seines guten Willens oder als ironische Anspielung? - zu seiner Hochzeit mit der Pferdebezwingerin Hippodameia. Die Kentauren kamen auch, und sie sprachen eifrig dem Wein zu - um sich schließlich an die Frauen der Lapithen heranzumachen. Einer soll sogar versucht haben, die Braut zu entführen. Im daraus entstandenen Kampf wurden viele Kentauren erschlagen, die Unterlegenen mussten Thessalien verlassen. Sie sollen sich auf dem Peloponnes angesiedelt haben.

Dort traf sie Herakles auf seiner Suche nach dem Erymanthischen Eber, und wieder spielte der Wein eine verhängnisvolle Rolle. Der Kentaur Pholos, der Herakles bewirtete, öffnete eine Amphore alten Weins. Vom süßen Duft angelockt, kamen zahlreiche Pferdefüßige herbei. In dem Handgemenge wehrte Herakles sich mit Pfeilen, die mit dem Gift der Hydra präpariert waren. Pholos starb, weil ihm ein Pfeil auf den Fuß fiel, und auch Chiron ritzte sich an einem Pfeil auf.

Einer der Kentauren, Nessos, nahm später Rache an Herakles. Von diesem dabei erwischt, wie er Herakles Frau Deianeira vergewaltigen wollte, erschoss ihn der Held mit einem Pfeil. Der sterbende Kentaur heuchelte Reue und riet Deianeira, Blut aus seiner Wunde aufzubewahren. Wenn des Herakles Liebe zu ihr erkalten sollte, brauche sie nur ein Hemd in dieses Blut zu tauchen und es dann dem Herakles zum Tragen geben; dies würde ihn neu entflammen. Als Herakles viele Jahre später ein so behandeltes Hemd anzog, starb er im brennenden "Nessos-Hemd" eines grässlichen Todes.

MINOS - DER SOHN DES ZEUS UND DER EUROPA

Im nächsten Feld stellt Eisenmenger Minos dar, wie er nach eigenem Ermessen richtet. Auch hier ist das Raunen des Mythos stärker als der Logos der Geschichtsschreibung. Man weiß nicht einmal, ob "Minos" ein Individualname oder ein Titel - ähnlich "Pharao" und "Cäsar" - ist. Immerhin war er namengebend für eine ferne, dunkle Kultur, deren imposante Fragmente man in den Ruinen von Knossos, Phaistos und an anderen Orten auf Kreta bestaunen kann.

Am Strand von Sidon, sagt der Mythos, soll Zeus, in Gestalt eines schönen Stiers, die phönizische Prinzessin Europa, Tochter des Königs Agenor und seiner Frau Telephassa, durch sein friedliches Verhalten dazu verführt haben, sich auf ihn zu setzen, um dann mit ihr durch das Meer nach Kreta zu gelangen. In einer wunderschönen Bucht - bei dem heutigen Ort Matala - soll er mit ihr an Land gegangen sein - in der gleichen Bucht, die später die Araber bei der Eroberung Kretas als Landeplatz benutzten. Frucht der Verbindung des Göttervaters mit der Prinzessin sei dann Minos gewesen, der seine Brüder Rhadamanthys und Sarpedon zum Verlassen Kretas zwang und König der Insel wurde.

Die kretische Seemacht beherrschte das östliche Mittelmeer und unterwarf sich weite Teile Griechenlands - wohl der Hintergrund für die Theseus-Sage. Nach dem Mythos übte Minos Rache an den Athenern, weil diese seinen Sohn Androgeos umgebracht hatten. Eine andere Version nennt den marathonischen Stier als "Täter". Zwar habe Minos Athen nicht erobern können; die auf sein Gebet hin in Athen ausgebrochene Pest habe den athenischen König Aigeus aber veranlasst, sich an das Delphische Orakel zu wenden. Um darauf hin Athen von der Pest zu erlösen, habe sich die Stadt verpflichtet, jährlich sieben junge Männer und sieben junge Frauen zu stellen.

Die jungen Leute waren für den Minotauros bestimmt - das Fabelwesen aus der Verbindung der Gattin des Minos, Pasiphae, mit jenem Stier, den Poseidon dem Minos als Opfertier sandte, der aber Minos so gefiel, dass er ihn nicht opferte. Zur Strafe entbrannte Pasiphae leidenschaftlich für den Stier und gebar das Mischwesen mit Menschenkörper und Stierkopf (siehe PK Nr. 14 vom 14. Jänner 2002). Theseus gelang es, mit Hilfe der Minos-Tochter Ariadne und ihrem berühmt gewordenen Faden, den Minotauros in dem von Daidalos erbauten Labyrinth zu töten und Athen von seinen Tributverpflichtungen zu befreien.

Die Idee mit dem Faden wird dem Daidalos zugeschrieben, den Minos dann zur Strafe in das Labyrinth einschließen ließ. Daidalos und sein Sohn Ikaros entkamen mittels Flügeln aus Federn und Wachs dem Labyrinth; dabei stieg Ikaros allerdings zu hoch, sodass die Sonne das Wachs erweichte und Ikaros ins Meer stürzte, das seither das "Ikarische" genannt wird.

Minos verfolge Daidalos, und der König fand mit einer List den Ingenieur tatsächlich. Den Herrschern, die er im Verdacht hatte, den Daidalos zu verstecken, übergab er eine Spiralmuschel mit der Bitte, einen Faden hindurch zu ziehen. König Kokalos auf Sizilien löste die Aufgabe - und Minos wusste, dass Daidalos nicht weit sein konnte. Er verlangte die Auslieferung des Mannes. Kokalos ging darauf zum Schein ein; er bat Minos ins Bad, wo er von Daidalos mit kochendem Wasser zu Tode gebracht wurde.

Als König von Kreta hatte Minos engen Kontakt mit seinem Vater Zeus. Alle neun Jahre empfing der oberste der Götter seinen Sohn auf dem Ida-Gebirge und gab ihm, analog Jahwe dem Mose, Gesetze für die Menschen. Nach seinem Tod nun wurde Minos, zusammen mit seinem Bruder Rhadamanthys, Richter im Totenreich. Der Mythos schweigt, wie das Urteil des Totenrichters Minos über den später ankommenden Daidalos ausgefallen sein mag. (Schluss)