Parlamentskorrespondenz Nr. 451 vom 17.06.2002

AISCHYLOS UND SOPHOKLES - STARAUTOREN DES ATHENER THEATERS

Wien (PK) - Aischylos und Sophokles, die Autoren der "Perser", der "Antigone" und des "Königs Ödipus", haben nicht nur im Burgtheater, sondern auch auf der anderen Seite der Wiener Ringstraße, im Parlamentsgebäude, ihren festen Platz gefunden. Die beiden griechischen Tragiker begegnen dem aufmerksamen Besucher des Hansenschen Prachtbaus an der Stirnseite des Reichsratssitzungssaales in einem Gemälde des August Eisenmenger. Es trägt den Titel "Sophokles im Wettkampf mit Aischylos" und zeigt die Preisverleihung im Athener Tragiker-Wettstreit zu Ehren des Gottes Dionysos im Jahr 468. Sophokles siegte damals bereits bei seinem ersten Antreten im Dichter-Wettstreit über seinen Lehrer Aischylos, der sich erstmals bei den Dionysien des Jahres 499 der Konkurrenz gestellt und im Jahr 484 seinen ersten Lorbeer davongetragen hatte.

AISCHYLOS - DER SCHÖPFER DER KLASSISCHEN TRAGÖDIE

Wenden wir uns zunächst dem Älteren der beiden Athener Dichter zu. Aischylos gilt als der Schöpfer der klassischen Tragödie. Er kam 525 oder 524 als Sohn einer alten Adelsfamilie in Eleusis zur Welt, erlebte in seiner Jugend das Ende der Tyrannis der Peisistratiden, als junger Erwachsener den Aufstand der kleinasiatischen Griechen gegen die Perser und kämpfte selbst in den siegreichen Schlachten bei Marathon, Salamis und Plataia mit.

Dem Theater begegnete Aischylos bei szenischen Darstellungen des Demeter-Persephone- Mythos anlässlich der Eleusinischen Mysterien, vor allem aber bei den Tragödienaufführungen, die den Höhepunkt der A thener Dionysien bildeten. Um 500 leitete Aischylos den Übergang von der archaischen zur klassischen Tragödie ein, indem er in den Wechselgesang mit dem Chor einen zweiten Schauspieler sowie Charaktermasken und Kostüme einführte und die Bühnenausstattung verbesserte. Er schuf die Form der Tetralogie, die drei Tragödien und ein Satyrspiel umfasste und es dem Dichter erlaubte, die Verkettung von Hybris (Übermut), Ate (Verblendung) und Dike (gerechte Strafe) über Generationen hinweg darzustellen.

Im Mittelpunkt der Handlung stand nach wie vor der aus Leidenschaft oder durch die Götter verblendete Mensch, der sich in Schuld verstrickt und so den eigenen Untergang heraufbeschwört. Ziel der Tragödie war es laut Aristoteles, das Publikum in Furcht und Schrecken zu versetzen und durch die emotionale Erschütterung zu läutern (Katharsis). Dass es dabei auch um Politik gehen konnte, zeigte Aischylos in seinen "Persern", mit denen er bei den Dionysien des Jahres 472 siegte. In diesem Drama verließ Aischylos den traditionellen Themenkreis der alten Mythen und wandte sich einem aktuellen Geschehen zu, dem Sieg der Athener über die Perser bei Salamis im Jahr 480. Dieser unerhörte militärische Erfolg hatte die bis dahin unbedeutende Stadt über Nacht zu einer Weltmacht aufsteigen lassen und bei manchem Bürger die Befürchtung ausgelöst, die Götter könnten dies als Hybris (Übermut) betrachten und Athen bestrafen. Mit den "Persern" befreite Aischylos seine Mitbürger von dieser Furcht: Er schilderte die Niederlage der Perser als Strafe der Götter. Als Repräsentant einer Landmacht habe der persische König Xerxes durch den Bau einer Brücke über den Hellespont, das Befahren der Ägäis mit Schiffen und durch seinen Flottenangriff auf die alte Seefahrerstadt Athen das ihm angestammte Element verlassen und so den Zorn des Meeresgottes Poseidon hervorgerufen. Mit ihrem Sieg bei Salamis über die Flotte der Perser haben die Athener nur ihrem Gott Poseidon Genugtuung verschafft. Fürchtet euch nicht, Ihr habt im Einklang mit dem göttlichen Willen gesiegt - so könnte man die Botschaft zusammenfassen, die Aischylos seinem Publikum mit den "Persern" auf den Weg gab.

Insgesamt hat Aischylos 90 Dramen geschrieben, in denen er alle großen Sagenkreise (Troia, Theben, Argos) und zahlreiche kleinere Mythen behandelt hat. Erhalten geblieben sind neben den "Persern" die Tragödien "Der gefesselte Prometheus" (475), "Die Schutzflehenden" (472), "Sieben gegen Theben" (467) und die "Die Orestie" (458) und die einzig erhaltene antike Trilogie, bestehend aus den Stücken "Agamemnon", "Die Grabesspenderinnen" und "Die Eumeniden".

SOPHOKLES - MIT ANTIGONE, ELEKTRA UND ÖDIPUS ERFOLGREICH BIS HEUTE

Sophokles (496 - 406 v. Chr.), der begabte Schüler des Aischylos, stammte aus einer reichen Athener Fabrikantenfamilie. Seine Künstlerkarriere startete er im Jahr 480 als Vorsänger beim Siegesgebet nach der Schlacht bei Salamis und errang 468 seinen ersten Sieg als Tragödiendichter bei den großen Dionysien. Sophokles erwarb sein großes Ansehen und seine Beliebtheit bei den Athenern aber nicht nur als Dichter und Musiker, sondern auch als Politiker. 443/442 verwaltete er als Hellenotamias (Schatzmeister) die Kasse des Attisch-Delischen Seebundes, wurde 441/39 gemeinsam mit Perikles zum Strategen (Feldherrn) im samischen Krieg gewählt, führte 428 das Athener Heer gegen die Anaier und bereicherte 420 das religiöse Leben Athens, indem er den Kult des Heilgottes Asklepios einführte.

Die Zahl der Sophokles zugeschriebenen Tragödien schwankt von Quelle zu Quelle. Die byzantinische Enzyklopädie Suda listete 123 Sophokles-Tragödien auf, von denen sieben ("Aias", "Die Trachinierinnen", "Antigone", "König Ödipus", "Elektra", "Philoktetes" und "Ödipus auf Kolonos") vollständig erhalten sind.Bei den Dionysien siegte Sophokles mindestens achtzehn mal, oft errang er den zweiten Platz. Der Dramatiker schuf nicht nur Tragödienklassiker, die auch heute noch gespielt werden, er entwickelte auch das Bühnenspiel weiter, indem e r die Zahl der Schauspieler von zwei auf drei und die der Chormitglieder von zwölf auf fünfzehn erhöhte. Trotz zahlreicher Berufungen an auswärtige Königshöfe verließ Sophokles niemals seine Heimatstadt Athen. Er starb unter ungeklärten Umständen um das Jahr 406 und wurde in der Familiengruft an der Straße nach Dekeleia bestattet.

Das Schicksal der tragischen Helden des Sophokles beginnt oft mit einem rätselhaften Orakelspruch, indem sie unwissend, irrtümlich oder verblendet Untaten begehen und die Erkenntnis ihres Verhängnisses mit dem eigenen Untergang bezahlen. Schon in Sophokles' Frühwerk, den "Trachinierinnen" geht es um die schuldlose Mörderin Deianeira, die ihren Gatten Herakles tötet, dadurch ein bislang missverstandenes Orakel erfüllt und durch ihre Tat zugleich die Wahrheit über den Irrtum enthüllt. Der Held Aias will aus Neid über den Ruhm des Odysseus die Fürsten der Achaier töten. Von Athene für seine Niedertracht mit Wahnsinn bestraft, kämpft Aias statt mit den Fürsten mit Herdentieren, verliert so seine Ehre und richtet sich selbst, nachdem er aus dem Wahnsinn erwacht und seine Schande erkennt.

In der 442 inszenierten "Antigone" zerbrechen die Titelheldin und ihr Bruder Kreon, der Herrscher Thebens, am tragisch dargestellten Widerspruch zwischen Menschlichkeit und Staatsraison. Kreon verbietet im Einklang mit den strengen Gesetzen der Stadt die Bestattung seines Bruders Polyneikes, weil dieser auf der Seite der Feinde Thebens im Zweikampf mit seinem Bruder Eteokles gefallen ist. Antigone ignoriert das Verbot des Bruders/Herrschers und bestattet den Leichnam Polyneikes. Kreon setzt die Staatsräson durch und bestraft Antigone, indem er sie in eine Felsenhöhle einmauern lässt. Von dem blinden Seher Teiresias überzeugt, einen Fehler begangen zu haben, will Kreon Antigone befreien, findet sie aber erhängt in ihrer Höhle. Auch Antigones Verlobter Haimon und Kreons Gattin Eurydike begehen daraufhin Selbstmord. Ohne im strengen Sinn schuldig geworden zu sein, bleibt Kreon einsam und gebrochen zurück.

Die berühmte Tragödie "König Ödipus", für die Sophokles zwischen 429 und 425 einen zweiten Preis erhielt, gehört zur Vorgeschichte der Antigone-Handlung. Im Mittelpunkt steht der Fluch, der das Atridengeschlecht und damit Ödipus ebenso wie Antigone und ihre Brüder Kreon, Eteokles und Polyneikes verfolgt. Ödipus ist der Sohn des thebanischen Königspaares Laios und Iokaste. Nachdem Laios den Sohn des Pelops entführt hatte, wurde er von diesem verflucht, durch die Hand seines eigenen Sohnes getötet zu werden. Um dem Fluch zu entgehen, ließ Laios seinen Sohn aussetzen. Der Knabe wurde aber gefunden und am Hof des kinderlosen Königs Polybos in Korinth aufgezogen. Als dem entsetzten Ödipus eines Tages in Delphi prophezeit wurde, er würde seinen Vater töten und seine Mutter ehelichen, kehrte er nicht nach Korinth zurück, sondern ging nach Theben. Auf dem Weg dorthin erschlug Ödipus mehrere Männer, unter ihnen seinen leiblichen Vater Laios, weil er sie irrtümlich für Straßenräuber hielt. Vor den Toren Thebens traf Ödipus auf die Sphinx und befreite die Stadt vor diesem Ungeheuer, indem er ihr Rätsel löste. Zum Dank machten die Thebaner Ödipus zum König und damit zum Ehemann seiner eigenen Mutter Iokaste.

Die hochdramatische Handlung der Tragödie des Sophokles setzt ein, als König Ödipus vom Orakel in Delphi nach der Ursache einer Seuche fragt, die die Stadt heimsucht. Ödipus erhält den Auftrag, den Mörder des Königs Laios zu suchen. Durch Befragen des Sehers Teiresias und seiner Frau Iokaste erkennt Ödipus, dass er seinen Vater getötet hat und zum Gatten seiner eigenen Mutter geworden ist. Iokaste erhängt sich, Ödipus blendet sich selbst und wird von seinen Söhnen Eteokles und Polyneikes aus Athen vertrieben.

Auf der Suche nach der Wahrheit entlarvt Ödipus seine Macht und sein Glück als Schein und führt so selbst seinen Untergang herbei. Die Konzentration der Darstellung und die Folgerichtigkeit der Handlung machten Sophokles "König Ödipus" zu der am meisten bewunderten griechischen Tragödie.

Sophokles war die gesamte griechische und römische Antike hindurch ein hochgeschätzter Autor, wurde in den Schulen gelesen, war Gegenstand der hellenistischen Philologie und lebt durch zahllose Übersetzungen, Nachdichtungen und Bühnebearbeitungen in der Weltliteratur bis heute fort.

Eine Skulptur des Sophokles schmückte bis zu dessen kriegsbedingter Zerstörung im Jahr 1945 auch den Herrenhaussitzungssaal. Das Standbild stammte von Hugo Härdtl und war nach dem Vorbild einer im Vatikan aufbewahrten antiken Sophokles-Statue gestaltet. (Schluss)