Parlamentskorrespondenz Nr. 540 vom 08.07.2002

DER "HOMER DER PHILOSOPHIE"

Wien (PK) - Als Politiker mehrfach gescheitert, beschäftigt er die Philosophen - und nicht nur diese - bis auf den heutigen Tag: Platon.

Bald nach dem Tod des Perikles (429) wurde Platon 428 oder 427 v.Chr. in Athen als Sohn des Ariston und der Periktione geboren - vornehme Eltern, denn der Vater leitete sich vom Meeresgott Poseidon her, und die Mutter zählte den großen Solon zu ihren Vorvätern. Nach dem Tod des Ariston heiratete Periktione den Pyrilampes, einen der führenden Parteigänger des Perikles. Eine politische Karriere lag nahe - in den Zeiten des gewaltigen Umbruchs im und nach dem Peloponnesischen Krieg eine besondere Herausforderung für ehrgeizige junge Männer wie Alkibiades und Platon. Zur Vorbereitung auf eine politische Karriere übte man sich im Argumentieren, man diskutierte mit Sophisten, man stritt sich mit Sokrates.

Nach seinem eigenen Zeugnis wandte sich Platon angewidert von der Athener Politik ab: Die 30 Tyrannen trieben es denn gar zu schlimm, als sie selbst Sokrates, den Platon als "den gerechtesten unter seinen Zeitgenossen" erachtet, für ihre Ziele einspannen wollten. Nach dem Sturz der 30 überlegte Platon ein politisches Comeback - um sich enttäuscht neuerlich von der Politik abzuwenden. Das Todesurteil für Sokrates im Jahr 399 und die Hinrichtung des verehrten Lehrers dürften Platons Abneigung gegen die Politik nicht gerade zerstreut haben. Aber einmal vom politischen Virus infiziert, wollte Platon sich nicht auf die bloße - philosophische oder politische - Theorie zurückziehen. In Athen zwei Mal ausgestiegen, wandte sich Plato, inzwischen 40 Jahre alt, seinen Landsleuten in der Kolonie Sizilien zu.

Damit aber geriet er vom Regen in die Traufe. In Syrakus regierte Dionysios I. - der wurde später, in Platons Werk über den Staat (Politeia) - zum Modellfall des Tyrannen. Seine Beratertätigkeit am Hof des Tyrannen beendete der Philosoph durch Flucht nach Aigina. Diese Insel lag gerade im Krieg mit Athen, und beinah wäre Platon als Kriegsgefangener in die Sklaverei verkauft worden, hätte ihn nicht ein Bekannter freigekauft.

Nach Athen zurückgekehrt, wandte sich Platon nicht nur der akademischen Tätigkeit zu, sondern begründete diese: Im Hain des Heros Akademos richtete er im Jahr 387 seine Schule ein, die als "Akademie" Weltruf durch neun Jahrhunderte erlangte, bis zu ihrer Auflösung durch Justinian 529 n.Chr. - just in dem Jahr, in dem die abendländische Geschichte durch Benedikts Gründung des Klosters Monte Cassino eine neue Richtung einschlagen sollte. Die Akademie beeinflusste - neben der Stoa und Epikur - die gesamte antike Philosophie, darüber hinaus aber bis auf den heutigen Tag die christliche Philosophie und Theologie, so dass von manchen Kritikern christliche Lehren - etwa die Vorstellung von einem Leib-Seele-Dualismus - als "Platonismus für das Volk" gesehen werden. Besonderen Einfluss erlangten Platons Gedanken in der Staatslehre.

Aber Platon war von der Politik noch immer nicht geheilt. In Syrakus hatte er Dion kennen gelernt, den jungen, von der Philosophie begeisterten Schwager des Dionysios. Durchaus möglich, dass Platons Liebe zu Dion eine wesentliche Triebfeder für sein politisches Engagement in Syrakus war. Nach dem Tod des Tyrannen im Jahr 367 bewog ihn Dion, erneut nach Syrakus zu kommen. 366 kam Platon in Sizilien an, verlockt von der Vorstellung, mit Dionysios II. und Dion eine Herrschaft nach philosophischen Einsichten zu etablieren. Doch weder Dion noch Platon hatten mit den Intrigen bei Hof gerechnet. Dion wurde verbannt, und Platon musste froh sein, 365 die Erlaubnis zur Heimkehr nach Athen zu erhalten, ergänzt durch die Auflage, wieder nach Syrakus zu kommen. Und Platon reiste 361 ein drittes Mal nach Syrakus, diesmal in der Hoffnung, dem Dion helfen zu können. Aber obwohl Platon auf einem Schiff des Dionysios nach Syrakus kam, wurde ihm kein besonders ehrenvoller Empfang bereitet. Statt bei Hof wurde er außerhalb der Burg bei den Söldnern einquartiert, und es bedurfte der Intervention des pythagoräischen Philosophen-Kollegen Archytas, damit Platon im Jahr 360, mit bereits über 65 Jahren endgültig von der praktischen Politik geheilt, nach Athen heimkehren konnte.

Dion setzte indessen auf militärische Gewalt zur Durchsetzung eines Staatswesens nach philosophischen Grundsätzen - eine Vorgangsweise, die Platon missbilligte. 357 putschte Dion in Syrakus - unterstützt von einigen Schülern der Akademie - und vertrieb Dionysios. Nach vier Jahren Herrschaft fiel Dion selbst einer Verschwörung zum Opfer, und Platon konnte nichts mehr für seinen Freund tun, als Grabsprüche zu dichten. In seinen letzten Lebensjahren schrieb er an seinem letzten großen staatsphilosophischen Werk, den Nomoi (Gesetze), das unvollendet geblieben ist. Sein Sekretär gab das Werk nach Platons Tod (der ihn 348 oder 347 ereilte, - nach Diogenos Laertios bei einer Hochzeitstafel) heraus.

Das umfangreiche Werk, das Platon hinterlassen hat und das überwiegend (und sogar ergänzt durch ihm zugeschriebene Werke) erhalten geblieben und auf uns gekommen ist, ist weder ein geschlossenes System noch eine philosophische Schule. Aber seit Platon haben die Philosophen - und nicht nur sie - nicht aufgehört, an seine Überlegungen anzuknüpfen, sich mit seinen Fragestellungen zu beschäftigen und sich seinen Aporien zu stellen. "Die philosophische Tradition Europas", hat daher A.N. Whitehead 1929 festgestellt, "besteht aus einer Folge von Fußnoten zu Platon."

Er fragt nach dem Wahren, Guten und Schönen, er sucht nach Gerechtigkeit sowohl im Blick auf den einzelnen wie im sozialen und staatlichen Zusammenhang. Er beschäftigt sich mit dem, was den Menschen zum Menschen macht: mit Leib und Seele, mit der Unsterblichkeit der Seele, mit der rechten Einstellung zum Tod, mit der Frage nach Gott. Dabei ist er oft widersprüchlich und befolgt eigene Lehren nicht: In "seinem" Staat duldet er keine Dichter; er verwirft daher Mythen - und dichtet ständig selbst Mythen: Das berühmte Höhlengleichnis, das Sonnengleichnis, die Bilder vom Gericht über die Seele nach dem Tod, den Mythos über den Untergang von Atlantis. Er hält die schriftliche Fixierung philosophischer Gedanken für eine Gefährdung des Philosophierens - und hinterlässt doch selbst ein umfangreiches philosophisches Werk.

Seine Ideenlehre beschäftigt Generationen von Philosophen (und Theologen) - ohne dass er sie je selbst als "Lehre" formuliert hätte und ohne dass er selbst je eindeutig festgehalten hätte, was das denn eigentlich sei: eine "Idee". Wie bei vielen seiner Ideen macht Platon auch bei der Ideenlehre verschiedene Anläufe, er umkreist sein Thema, oft redet er in der Sprache des Mythos und nicht der Definition. Das gilt auch für seine Staatstheorien, die er in der Politeia und in den Nomoi entwickelt. In einer - heute wohl als gewagt zu bezeichenden - Analogie zieht er einen Schluss von den von ihm diagnostizierten drei Anteilen der Seele - dem vernunftmäßigen, dem begehrlichen und dem muthaften - auf die im Staat zu bewältigenden Aufgaben durch dazu befugte Gruppen.

Auf diesem Weg kommt der Philosoph zu einer ebenso berühmten wie umstrittenen Schlussfolgerung: "Wenn nicht", schreibt Platon in der "Politeia", "entweder die Philosophen Könige werden in den Staaten, oder die jetzt so genannten Könige und Gewalthaber wahrhaft und gründlich philosophieren, und also dieses beides zusammenfällt, die Staatsgewalt und die Philosophie,... eher gibt es keine Erholung von dem Übel für die Staaten..." Immanuel Kant hat darauf, in seiner Schrift "Zum ewigen Frieden", lapidar geantwortet: "Dass Könige philosophieren oder Philosophen Könige würden, ist nicht zu erwarten, aber auch nicht zu wünschen, weil der Besitz der Gewalt das freie Urteil der Vernunft unvermeidlich verdirbt."

Wie Marx kein Marxist war und Freud kein Freudianer, war Platon kein Platoniker. Während sein bedeutendster Schüler, Aristoteles, sich kritisch von ihm absetzte und eine eigene Schule begründete (und, nota bene, politisch in der Erziehung Alexanders des Großen selbst nicht viel erfolgreicher sein sollte als Platon), versuchten seine Nachfolger in der Leitung der Akademie, System in Platons Lehren zu bringen, mit wechselnden Schwerpunktsetzungen. Außerhalb der Akademie heftig kritisiert, entwickelte sich erst ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. eine größere Wertschätzung, bis hin zu Cicero, der Platon als den "Göttlichen" und als "Homer der Philosophie" pries - eine Zuordnung, über die der Homer-Verächter Platon sich wohl wenig geschmeichelt gefühlt hätte. In der Spätantike im Neuplatonismus zu neuer Blüte gelangt, trat er im Mittelalter hinter Aristoteles zurück. Im Humanismus gelangte er zu neuer Wertschätzung, doch die Aufklärung wandte sich wieder anderen Ideen zu, ohne dass Platon aus dem Diskurs verschwand - auch nicht aus dem politischen.

Mit der österreichischen Demokratie ist Platon über den Schöpfer der Bundesverfassung verbunden: Hans Kelsen hat sich Zeit seines Lebens intensiv mit Platons Werk beschäftigt.

Dieses Opus umfasst neben den weithin bekannten Dialogen (wie dem "Symposion", das gern verharmlosend mit "Das Gastmahl" betitelt wird statt zutreffend mit "Das Trinkgelage" und in dem es um die "Liebe" geht) und der Verteidigungsrede des Sokrates zwei politisch-theoretische Schriften, ebenfalls in Gesprächsform: Politeia (Der Staat) und Nomoi (Gesetze). Wichtige Hinweise zu seinem Leben sind seinen Briefen zu entnehmen, vor allem dem 7. Brief, der sich wie ein Memoirenband liest - der allerdings vielfach nicht Platon selbst, sondern einem seiner Schüler zugeschrieben wird.

Platons "Held" ist Sokrates, ihm legt er viele seiner eigenen Überlegungen in den Mund. So hat er ganz wesentlich unser Bild von Sokrates bestimmt. Es darf aber bezweifelt werden, dass Platon den "wahren" Sokrates dargestellt hat. Sokrates selbst soll - berichtet Diogenes Laertios - einmal ausgerufen haben: "Beim Herakles, wieviel hat der Junge bloß über mich zusammen gelogen!"

Das Fries von Eisenmenger im Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses zeigt Platon, wie er, auf dem Schoß eine Buchrolle, inmitten seiner Schüler die Gesetze lehrt. Eine Platon-Statue von Josef Lax auf der Herrenhaus-Seite des Parlamentsdachs hat ihren Original-Kopf verloren: Durch schädliche Umwelteinflüsse erodierte die Statue so sehr, dass Platons Kopf abbrach, in einen Innenhof stürzte und zerschellte. Der "neuplatonische" Kopf stammt von Prof. Hammer. (Schluss)