Parlamentskorrespondenz Nr. 593 vom 05.08.2002

HERAKLES ÜBERNIMMT EINE TRAGENDE ROLLE

Wien (PK) - Wenden wir uns nun den sechs weiblichen und zwölf männlichen Stützfiguren zu, die an der Rückwand des Sitzungssaales auf ihren Köpfen das Gebälk der Logen für die Ehrengäste tragen. Die jeweils nackten Oberkörper ruhen nach dem Muster antiker Hermen auf Pfeilern. Die männlichen Figuren tragen Löwenfellkappen und Fellumhänge, deren Pfoten seitlich und vorne herabhängen. Diese Attribute sowie die kräftigen Oberkörper und muskulösen Arme weisen auf Herakles hin, den wichtigsten Helden der griechischen Mythologie. Die männlichen Statuen wurden nach dem Vorbild einer klassischen Heraklesherme aus der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts vor Christus gestaltet. Als Künstler scheinen in den Bauakten des Parlaments die Bildhauer Karl Becher, Alois Düll, Franz Koch, Hugo Härdtl, Josef A. Probst und Franz Mitterlechner auf. Die Figuren bestehen aus Laaser Marmor, der abgetönt wurde, da er Hansen zu weiß erschien.

WAS KARL RENNER UND HERAKLES GEMEINSAM HABEN

Herakles, den die Römer Hercules und die Etrusker Hercle nannten, war selbst den Germanen bekannt und wenn die Sprachwissenschaftler nicht irren, lebt der Ruhm des griechischen Helden in den deutschen Wörtern "Recke", "Kerl" und in "Karl", dem Vornamen des zweimaligen österreichischen Staatsgründers Renner, fort. Herakles Vater war Zeus, der sich dessen Mutter Alkmene, der Königin von Mykene, bei einem seiner vielen Seitensprünge genähert hatte. Zeus hatte seinem Sohn das Erstgeburtsrecht sichern wollen, scheiterte aber an den Intrigen seiner Gattin Hera, die sich für die Untreue ihres Mannes rächte, indem sie Eurystheus vor dessen Halbbruder Herakles zur Welt kommen ließ und ihm so die Herrschaft über die Peloponnes sicherte. Der Hass der Hera verfolgte Herakles sein Leben lang. Unterstützt von anderen Göttern, vor allem der Athene, der Beschützerin der Heroen, überwand Herakles aber alle Gegner und Widernisse, die Hera gegen ihn aufbot, und stieg zum alles überragenden Helden der Antike auf. Bereits als Kleinkind erwürgte er zwei Riesenschlangen, die ihn im Auftrag der Hera töten sollten. Als junger Mann erhielt Herakles zum Dank für die Rettung seiner Heimatstadt Theben Megara, die Tochter des Königs Kreon, zur Frau und zeugte mit ihr drei Kinder. Von Hera mit Wahnsinn geschlagen, tötete Herakles aber seine ganze Familie und machte sich im Auftrag des Orakels von Delphi zum Sklaven seines Bruders Eurystheus, um die Untat zu sühnen. Für ihn erledigte Herakles die berühmten zwölf "Arbeiten", die in zahlreichen Varianten zum Thema der Kunst- und Literaturgeschichte wurden - als Beispiele seien das Relief des Zeustempels in Olympia und die Tragödie des Euripides mit dem Titel "Herakles" genannt.

DIE ZWÖLF ABENTEUER DES HERAKLES

Im Auftrag des Eurystheus machte Herakles zunächst dem Nemeischen Löwen, einem als unverwundbar geltendem Untier, mit bloßen Händen den Garaus und kleidete sich fortan mit dessen Kopf als Kappe und dem Fell als Umhang. Dann tötete er die Hydra von Lerna, eine mehrköpfige Wasserschlange mit Hundekörper, und ihre Verbündete, eine Riesenkrabbe. Weil er beim Kampf gegen die immer wieder nachwachsenden Köpfe der Hydra die Hilfe des Iolaos in Anspruch genommen hatte, ließ Erystheus den Sieg des Herakles aber nicht gelten.

Mit einem Netz fing Herakles dann die Hirschkuh von Kerynaia und den Erymantheischen Eber, beides gefährliche Landplagen. Zur Reinigung der verschmutzten Ställe des Augias leitete der findige Herakles den Fluss Alpheios um, sah sich aber doppelt geprellt, denn weder erhielt er den von Augias versprochenen Lohn, noch wurde ihm die Arbeit von Eurystheus anerkannt, weil er sie als Lohnarbeit geleistet hatte. Nach der Befreiung der Peloponnes von den gefährlichen Vögeln von Stymphalos fing Herakles auf Kreta den wilden marathonischen Stier, der den Sohn des Minos, Androgeos, getötet hatte und schließlich von Theseus zur Strecke gebracht wurde.

Aus Thrakien holte Herakles die menschenfressenden Stuten des Diomedes nach Tyrins, ehe sie von Raubtieren an den Hängen des Olymp verschlungen wurden. Als neunte Aufgabe verlangte Eurysteus von Herakles, seiner Tochter Admetes den Gürtel der Königin Hippolyta zu bringen, die am Schwarzen Meer über die Amazonen herrschte. Nach abenteuerlicher Hin- und Rückfahrt, Kämpfen gegen Ungeheuer und gefährliche Intrigen tückischer Gastgeber gelang es Herakles und seinen Begleitern Theseus und Telamon, mit dem Gürtel zu Eurystheus zurückzukehren. Die zehnte Abenteuerfahrt führte Herakles in die Gewässer Spaniens, wo er die Herde des dreiköpfigen Ungeheuers Geryon von der Insel Erytheia entführte. Erst nach langer Reise und unzähligen Verwicklungen führte Herakles die Herde nach Tyrins heim, wo sie der Hera geopfert wurde. Als Ersatz für die beiden von Eurystheus nicht akzeptierten Aufgaben musste Herakles zwei weitere "Arbeiten" verrichten, um seine Bluttat zu sühnen.

Nach einer neuerlichen Reise in den Westen, wo Herakles die goldenen Äpfel aus dem Garten der Hesperiden holte, stieg Herakles mit dem Auftrag des Eurystheus in die Unterwelt, ihm den Höllenwachhund Kerberos herbei zu schaffen, eine Aufgabe, mit der Eurystheus seinen Halbbruder endgültig loszuwerden hoffte. Beim Kampf um den Eingang in die Unterwelt überwand Herakles Hades und erwirkte von dem Unterweltgott die Erlaubnis, den Höllenhund zu fangen. Auch in der Unterwelt bestritt Herakles viele Kämpfe und bestand viele Abenteuer, befreite etwa den Theseus, fing schließlich den Kerberos und kehrte mit dem Höllenhund auf dem Arm zu Eurystheus zurück, der sich aus Angst vor dem Untier in einer Vase versteckte. Da auch sonst niemand den grausigen Anblick des Höllenwächters ertragen konnte, musste Herakles den Hund wieder in die Unterwelt zurückbringen.

DER TOD DES HERAKLES

Herakles hatte im Laufe seines Lebens mehrfach die Unsterblichkeit errungen: Er war von den Göttinnen Hera und Athene gestillt worden, hatte die Götter in deren Kampf gegen die Giganten maßgeblich unterstützt und nicht zuletzt den Unterweltgott Hades besiegt - dennoch musste er sein Leben als Mensch fortsetzen und als solcher sterben. Sein Ende kam, als er nach einem siegreichen Krieg ein Gewand anlegen wollte, das seine Gemahlin Deianeira in das Blut des Kentauren Nessos getaucht hatte, von dem sie glaubte, es würde ihr die Liebe des Herakles erhalten. Das vergiftete Blut bereitete dem Helden so große Schmerzen, dass er sich auf dem Berg Oita in Thessalien selbst verbrannte. Nach seinem Tod als Mensch stieg Herakles als Gott zum Olymp auf, um fortan bei seinesgleichen zu wohnen.

HERAKLES UND ATLAS  

Es verwundert kaum, dass Theophil Hansen der großen mythologischen Gestalt des Herakles eine "tragende Rolle" in seinem architektonischen Gesamtkunstwerk zugedacht hat. Als Gebälkträger passt Herakles zwar nicht in die Traditionen der klassischen Architektur - diese Position war in der Antike stets dem Atlas reserviert, was manche Autoren veranlasst, die Herakleshermen des Parlaments als "Atlanten" zu bezeichnen - Hansen konnte sich aber auf eine Episode des Heraklesmythos stützen. Denn als der Held in seiner elften "Arbeit" die goldenen Äpfel aus dem Garten der Hesperiden bringen sollte, wandte sich der listige Herakles an deren Vater, den Titanen Atlas, der im fernen Westen das Himmelsgewölbe tragen musste. Herakles bot Atlas an, ihm die schwere Last eine Weile abzunehmen, wenn er ihm die Äpfel bringe. Atlas sagte zu, wollte seine Freiheit aber länger genießen und bot sich an, die Äpfel dem Eurystheus selbst zu bringen. Herakles überlistete Atlas aber mit der Bitte, den Himmel nur noch einmal kurz aufzunehmen, damit er sich den Kopf besser polstern könne. Als ihm Atlas diesen Gefallen tat, nahm Herakles die Äpfel an sich, entkam dem Titanen und kehrte nach Griechenland heim.

Diese mythische Begebenheit regte Theophil Hansen an, den höherrangigen Herakles an Stelle des Atlas als Gebälkträger für die Ehrenlogen der Sitzungssäle, darunter immerhin auch die des Kaisers, einzusetzen. Mit der Verwendung einer Hermenstatue als Stützfigur schuf Hansen einen neuen, gänzlich unantiken Typus von Gebäudeplastik, der sich in allen wesentlichen Merkmalen vom klassischen Atlantenschema unterscheidet. Der Kunsthistoriker Walter Rehucek hat darauf hingewiesen, dass männliche Gebälkträger in der klassischen Architektur nie als Vollplastiken gearbeitet waren, sondern immer mit dem dahinter befindlichen Mauer- bzw. Reliefgrund verbunden waren. Außerdem trugen sie das Gebälk nie nur mit dem Kopf und auch nie aufrecht stehend, sondern stützten es, meist deutlich gebeugt von der schweren Last, zusätzlich mit beiden Armen. Mit seinen Herakleshermen hat Theophil Hansen die Gestaltungsfreiheit erkennen lassen, die er als klassizistischer Architekt bei aller Detailtreue gegenüber der Antike beanspruchte.

DIE WEIBLICHEN STÜTZFIGUREN IM UND AM PARLAMENTSGEBÄUDE

Während die männlichen Hermen in ihrer Funktion als Stützfiguren Erfindungen Hansens sind, zeigen die weiblichen Hermenstatuen in Form und Funktion stärkere Übereinstimmungen mit antiken Bauplastiken. Haartracht und Gesichtszüge entsprechen klassischen Hermenbüsten des Gottes Apollo. Ihre übrige Gestaltung und insbesondere die Kapitelle entsprechen den "Koren", den Gebälkträgerinnen des Erechtheions auf der Akropolis, die Hansen auch in den beiden Korenhallen an den Außenseiten des Parlamentsgebäudes nachgebildet hat. Daher ist der oft verwendete Begriff "Karyatiden" unrichtig. Er geht auf den römischen Autor Vetruvius zurück, der ihn für weibliche Stützfiguren mit langen Gewändern eingeführt hat. Das Charakteristikum der Karyatiden ist es aber, dass sie ihre Last nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit einer Hand tragen. Denn ihr Ursprung liegt in einem Tanz, den Jungfrauen der peloponnesischen Stadt Karyai alljährlich für die Göttin Artemis aufführten, bei dem sie eine Hand erhoben hatten.

Die Gebälkträgerinnen in den Sitzungssälen des Abgeordnetenhauses und des Herrenhauses sowie an den beiden Außenseiten des Parlamentsgebäudes stehen aber in der Tradition der sechs Mädchen (Koren), die das Gebälk der sogenannten Korenhalle des Erechtheions auf der Athener Akropolis tragen. Vor allem die Kapitelle, gebildet aus Wulst, Perlen- und Eierstab, weisen auf das Vorbild der Korenhalle des Erechtheions hin. Die Bedeutung dieser Halle und der Mädchenfiguren ist umstritten.

Der Name des Erechtheions geht auf den mythischen ersten König von Athen, Erichthonios, zurück, den Sohn des Hephaistos und der Erdgöttin Gaia, der von der Göttin Athene aufgezogen wurde. Manche Deutungen verbinden die Koren mit den vier Töchtern des sagenhaften attischen Königs Kekrops: Aglauros, Herse, Erysichthon und Pandrosos, die verbotenerweise das Kästchen mit dem jungen Erichthonios geöffnet hatten, das ihnen Athene anvertraut hatte. Andere Deutungen sehen in den Koren Darstellungen von Arrhephoren, antiken Opferdienerinnen beim Heiligtum der Aphrodite. Walter Rehucek favorisiert die Interpretation der Koren als Horen, als Töchter des Zeus und der Themis, die im griechischen Totenkult als freundliche Begleiterinnen der Verstorbenen auf dem Weg zum Olymp fungierten. Ihre Gefährtinnen waren die Chariten, die für die Ernährung der Toten und für deren Weiterleben im Jenseits sorgten. Mit diesen Aufgaben empfahlen sich Horen und Chariten den antiken Künstlern als Stützfiguren und Himmelswächter. Beispiele bilden die drei Horen und die drei Chariten, die laut Pausanias die Lehne des Zeusthrones von Olympia schmückten, sowie die Horen- und Charitenpaare, die die Sitzfläche des Throns im Heroon (Kult- und Grabstätte eines Heroen) von Amyklai trugen und Hyakinthos in den Himmel geleiteten. Aussagekräftige Vergleichsbeispiele sind auch die weiblichen Stützfiguren, die als göttliche Wächter das Gebälk des Heroons von Limyra trugen. Rehucek versteht die sechs Koren des Erechtheions als drei Horen und drei Chariten, die den Baldachin über dem Heroon des Kekrops tragen, sie geleiteten den toten König ins Jenseits und wachten über den Kult zu seinen Ehren.

Die acht Frauenstatuen auf der Herrenhausseite stammen von Vinzenz Pilz, ihre Gegenstücke auf der Abgeordnetenhausseite von Johannes Benk. Als Material diente den beiden Künstlern Karstmarmor. (Schluss)