Parlamentskorrespondenz Nr. 674 vom 07.10.2002
ÖSTERREICHISCHE AVANTGARDEKUNST AUS DER SAMMLUNG OTTO MAUER
Wien (PK) - Der Präsident des Nationalrates Heinz Fischer lud heute Abend gemeinsam mit dem Erzbischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Wien zur Eröffnung der Ausstellung "Reflexionen - Otto Mauer" ein. Die Vernissage bietet einen interessanten Einblick in die Avantgardekunst Österreichs, die sich nach 1945 entwickelte. Gezeigt wird eine Auswahl von Werken der bekanntesten Künstler des Landes, u.a. von Arnulf Rainer, Josef Mikl, Markus Prachensky, Wolfgang Hollegha, Kiki Kogelnik, Friedensreich Hundertwasser, Ernst Fuchs, Maria Lassnig; allesamt Künstler, die in der von Monsignore Otto Mauer (1907-1973) gegründeten "Galerie (nächst) St. Stephan" ausstellten und von ihm gefördert wurden.
Er habe Monsignore Otto Mauer, der eine ganz spezifische Rolle in der österreichischen Kunstszene gespielt hat, leider nicht persönlich kennen gelernt, meinte eingangs Nationalratspräsident Heinz Fischer. Vor einigen Monaten habe er in einer Zeitung gelesen, dass die Sammlung Mauer im Erzbischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Wien aufbewahrt wird und dass ganz wichtige Bilder "gar nicht so präsent sind, wie sie es sich verdienen würden". Aus diesem Grund habe er diese Ausstellung im Parlament initiiert und er freue sich heute sehr darüber, so viele Gäste begrüßen zu dürfen. Gerade nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in einem Klima der neu gewonnen Freiheit, habe sich Mauer um junge Künstler gekümmert und sie gefördert und damit etwas Bleibendes und Dauerhaftes in einem Bereich geschaffen, "für den ein Monsignore normalerweise nicht zuständig ist".
Auch der Ausstellungskurator Bernhard A. Böhler würdigte die Aktivitäten Otto Mauers, der nicht nur eine "faszinierende Priesterpersönlichkeit" war, sondern der Entdecker und Förderer zahlreicher junger österreichischer Künstler. Die von ihm im Jahr 1954 gegründete Galerie nächst St. Stephan war eine Stätte der Begegnung und des Dialogs und diente der "Überwindung der unerträglichen Kluft" zwischen Gesellschaft und Kunst im allgemeinen sowie zwischen Kirche und moderner Kunst im speziellen. Otto Mauer war mit seinem Galeriekonzept am Puls der Zeit und besonders vom abstrakten Expressionismus fasziniert, erläuterte Böhler. Er trug nicht nur dazu bei, dass österreichische Künstler im Ausland bekannt wurden, sondern war auch der erste, der z.B. Beuys nach Wien holte. Da Mauer ein durch und durch politischer Mensch war, hätte er sich über die heutige Ausstellung sicher gefreut, da die Künstler nun zu parlamentarischen Ehren kommen, schloss Böhler.
In dem Vorwort zum Ausstellungskatalog schreibt Gerhard Ederndorfer: "Otto Mauer, 1907 in der Nähe Wiens geboren und 1931 zum Priester geweiht, entstammte dem geistigen und intellektuellen Umfeld der österreichischen Neuland-Bewegung, die in den 20er Jahren eine moralische und intellektuelle Erneuerung von Kirche und Gesellschaft anstrebte und sich hierbei besonders an die Jugend gewandt hatte. Im Forum seiner Galerie sammelte und förderte Otto Mauer trotz vieler Widerstände sowohl aus der Öffentlichkeit wie aus kirchlichen Kreisen ab den frühen 50er Jahren die Werke avantgardistischer und experimentierfreudiger junger Künstler." Für Mauer, den Förderer der jungen österreichischen Avantgarde, nahmen die Künstler eine wichtige Rolle ein: "Vielleicht sind die Propheten von einst in die Künstler abgewandert ... weil die Kirche keine Propheten mehr geduldet hat, weil die Hierarchie kein Interesse hatte, ihr unerschütterliches Gebäude durch Propheten, die sich nur nach außen an die Welt wandten, beunruhigen oder gar erschüttern zu lassen." (Schluss)