Parlamentskorrespondenz Nr. 713 vom 18.11.2002
DIE VERWALTUNG IST UM DES VOLKES WILLEN DA
Wien (PK) - Als Jakob Reumann als unehelicher Sohn einer Fabriksarbeiterin in der damaligen Wiener Vorstadt Margareten zur Welt kam, waren die Arbeiter die Parias der Monarchie. Sie waren völlig rechtlos und mussten dem Leben jeden Tag auf's Neue das Nötigste abringen. Reumann ließ sich von diesen trostlosen Bedingungen, die für jemanden wie ihn keinerlei Zukunftsaussichten bereit hielten, nicht bezwingen, sondern nahm den Kampf für die Emanzipation der Arbeiterschaft auf. Sein persönlicher Aufstieg korrespondiert mit dem Grad der Befreiung der Arbeitnehmer.
VORSTADTTRISTESSE
Jakob Reumanns Jugend war so bitter und so trist, wie es sich kaum vorstellen läßt. Geboren am 31. Dezember 1853 als unehelicher Sohn einer Fabriksarbeiterin im Haus Margareten 145 (heute Schönbrunnerstraße 30), litt er Mangel an allem. Seine Mutter erhielt kaum genug Geld, um die Miete bezahlen zu können, allein schon dürftigste Kleidung war unerschwinglicher Luxus, von regelmäßiger Ernährung ganz zu schweigen. Viele Menschen brachten ihre Kinder buchstäblich in der Fabrik zur Welt, wo die Kleinen dann auch aufwuchsen. Den meisten Vertretern der herrschenden Schicht freilich waren derartige Schicksale vollkommen gleichgültig, weshalb schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts fortschrittliche Geister sich des Proletariats annahmen und für eine nachhaltige Verbesserung seiner Lebensbedingungen eintraten.
Reumann hatte wenigstens in einem Punkt Glück. Seine Mutter sparte sich auch noch den letzten Groschen vom Munde ab, um dem Sohn wenigstens eine rudimentäre Schulbildung zuteil werden zu lassen. Jakob Reumann trat also im Alter von sechs Jahren, da viele seiner Alters- und Standesgenossen bereits in die Gruben mußten oder als Handlager in der Fabrik landeten, in die sogenannte Taubenschule ein, die vor ihm schon Karl Lueger besucht hatte und die später auch Richard Weisskirchner, dessen Vater an besagter Schule als Lehrer fungierte, als Schüler sehen sollte. Reumann erwies sich als aufgeweckter und selbstbewusster Schüler, der sich hervorragend für eine weitergehende Ausbildung an einem Gymnasium und später an der Universität geeignet hätte, doch dafür reichte das Geld der alleinstehenden Mutter nicht aus. Reumanns Schulzeit endete damit 1867 abrupt nach der vorgesehenen Mindestzeit. In jenem Jahr trat Reumann als Lehrling in einer Meerschaumpfeifenfabrik ein.
IN DER ARBEITERBEWEGUNG
Damit kam Reumann bald in Berührung mit der sich entwickelnden Arbeiterbewegung. Sein Margaretner Landsmann Andreas Scheu organisierte ab 1867 das Proletariat in Wien und bewies mit einer großen Wahlrechtsdemonstration 1869, an der auch der 15jährige Reumann teilnahm, erstmals die Kraft der Arbeiterschaft als politischem Faktor.
Doch auch den Unternehmern blieben die Aktivitäten des seit 1870 ausgelernten "Meerschaumbildners" nicht verborgen. Bald schon wurde er auf die von ihnen geführte "schwarze Liste" gesetzt, sodaß er in Wien und Niederösterreich nirgendwo mehr Arbeit finden konnte. Schließlich blieb Reumann nichts anderes übrig, als mit seiner jungen Frau ins Königreich Bayern auszuweichen, wo er sich in München niederließ. Ungeachtet der tristen Lebensumstände vervollkommnete Reumann in seiner kargen Freizeit unermüdlich seine Bildung und studierte regelrecht jedes Druckwerk, das er in seine Hände bekam. Bald schon verfügte er über eine beachtliche Allgemeinbildung und war Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts in der Lage, auch in die theoretischen Debatten innerhalb der Arbeiterbewegung einzutreten. Er hatte sich intensiv mit den Lehren von Ferdinand Lassalle auseinandergesetzt und die Werke von Marx und Engels, von Bebel und Liebknecht gelesen. Ob seines Witzes und seiner Schlagfertigkeit stieg er zum beliebten Versammlungsredner auf, der seine Zuhörerschaft bereits mit wenigen Sätzen zu fesseln vermochte, sodaß sein Ruf bald zurück nach Wien gelangte, wo Victor Adler auf den 30jährigen Heißsporn aufmerksam wurde.
Von Adler in die Reichshaupt- und Residenzstadt zurückgeholt, gelang es Reumann immer wieder, die staatliche Restriktion zu unterlaufen. Aber auch wenn Reumann Tricks am laufenden Band anwendete, er konnte nicht verhindern, im Laufe der Jahre fast alle Gefängnisse Wiens von innen kennenzulernen, denn damals hatte die Sozialdemokratie, wie es Engelbert Pernerstorfer 1913 ausdrückte, nichts zu bieten als "Arbeit, Armut und Verfolgung".
AN DER SPITZE DER PARTEI
Immer noch war die Arbeiterbewegung durch drei Fraktionen gekennzeichnet: die "Gemäßigten", die "Radikalen", und ein anarchistischer Flügel um Johann Most und Josef Peukert. Den Aktivitäten der dritten Fraktion war es indirekt auch geschuldet, dass in Wien der Ausnahmezustand herrschte und gegen die Arbeiterbewegung insgesamt mit unbeugsamer Härte vorgegangen wurde.
Dem Armenarzt Victor Adler war es nun darum zu tun, die streitenden Flügel zu einen und zu einer starken Organisation zusammenzuschweißen. Dazu bediente er sich der Fähigkeiten Jakob Reumanns, mit dem gemeinsam er Ende 1888 den "Einigungsparteitag zu Hainfeld" vorbereitete. Dieser fand unter strengster Geheimhaltung - immerhin war der Kongress illegal - zum Jahreswechsel 1888/89 statt und gab der neu formierten Sozialdemokratie ihr erstes konkretes Programm. Reumann wurde zum Reichsparteisekretär gewählt und war damit formal der wichtigste Funktionär der neuen Partei, wenngleich die Autorität Victor Adlers dazu führte, dass die Öffentlichkeit in ihm den "Chef" der "Roten" sah.
Im Juli 1889 gründete die junge Partei ihr eigenes Organ, die "Arbeiterzeitung", als deren Eigentümer und Herausgeber Jakob Reumann fungierte. Reumann organisierte auch die erstmaligen Feiern zum 1. Mai im Jahre 1890, die ein überwältigender Erfolg wurden, mit dem nicht einmal die kühnsten Optimisten gerechnet hatten. Konsequenterweise führte Reumann am Parteitag 1890 auch den Vorsitz über die Verhandlungen.
In den nächsten Jahren konzentrierte sich Reumann auf zwei wesentliche Ziele: einerseits die Konsolidierung der Partei (ein wesentlicher Erfolg war dabei die Umstellung der "AZ" auf tägliche Erscheinungsweise 1895) sowie der Kampf um das allgemeine Wahlrecht. 1897 trat die Partei erstmals zu den Wahlen für den Reichsrat an und erzielte in der neuen 5. Kurie immerhin eine nennenswerte Anzahl an Mandaten, wenngleich es ihr nicht gelang, in Wien einen Sitz zu erringen. Der Pole Ignacy Daszynski wurde der erste Klubobmann der sozialdemokratischen Reichsratsfraktion, da auch Victor Adler der Einzug in das Parlament verwehrt geblieben war.
In Wien waren die Bestimmungen des Wahlrechts besonders rigide. Neben den 138 Mandaten für die drei vermögenden Kurien gab es nur 20 Sitze in der allgemeinen Kurie (einen pro Bezirk), wobei die Voraussetzungen, überhaupt wählen zu dürfen, den Interessen der Sozialdemokratie in jeder Hinsicht zuwiderliefen. Umso energischer und umsichtiger mussten die für Mai 1900 angesetzten Gemeinderatswahlen aus sozialdemokratischer Sicht vorbereitet werden. Die geeignete Aufgabe für Jakob Reumann.
GEMEINDERAT
Die Partei erzielte schließlich 56.306 Stimmen - gegenüber 77.608 für die Christlichsozialen Luegers -, was aber ob des englischen Mehrheitswahlrechts nur für zwei Mandate reichte (nach dem Verhältniswahlrecht, welches heute in Österreich in Geltung ist, hätte die Sozialdemokratie 68 Sitze erhalten). In Ottakring hatte sich Franz Schuhmeier durchgesetzt, und in Favoriten holte sich Reumann die Stimmenmehrheit. Im Alter von 46 Jahren trat Reumann damit sein erstes öffentliches Amt an. Die Arbeitsbedingungen für die beiden roten Gemeinderäte spotteten freilich jeder Beschreibung. Da es der Partei nicht gelungen war, Klubstärke zu erreichen, hatten sie kein Antragsrecht, waren bei Interpellationen stark eingeschränkt, durften bei der Ausschussarbeit nur in äußerst beschränkten Ausmaß mitwirken, sodaß ihnen oft und oft nur die Rede im Plenum als Stellungnahme übrig blieb. Nachdem aber 1905 Floridsdorf eingemeindet worden war, erzielten die Sozialdemokraten bei den entsprechenden Nachwahlen ihren dritten Sitz, um bei den Neuwahlen des Jahres 1906 sieben Mandate zu erzielen und somit erstmals Klubstärke zu erreichen. Jakob Reumann wurde so zum ersten Klubobmann der Sozialdemokratie im Rathaus.
Zu diesem Zeitpunkt war freilich die politische Lage in Österreich bereits am Gären. Die Forderungen der Sozialdemokratie hatten durch die erste russische Revolution von 1905 dramatisch an Gewicht gewonnen, und selbst in Wien setzte langsam die Erkenntnis ein, der Arbeiterschaft nicht länger die elementarsten Rechte vorenthalten zu können. Im Laufe des Jahres 1906 gibt es mehrere Anläufe zu einem neuen Wahlrecht, die schließlich im Januar 1907 zur Durchsetzung des freien, gleichen und geheimen Wahlrechts für Männer führen. Die Sozialdemokratie, die erst zehn Jahre zuvor mit bescheidenen 15 Mandataren erstmals in das Abgeordnetenhaus eingezogen war, hatte nun alle Chancen, zur stärksten Fraktion im Parlament zu werden. Tatsächlich erhalten die Sozialdemokraten 87 von 514 Sitzen und werden - bis zur Fusionierung von Luegers Christlichsozialen mit den Katholisch-Konservativen Fürst Liechtensteins - zur Nummer eins unter den Parlamentsparteien. Jakob Reumann siegt in Favoriten überzeugend über seine Mitbewerber und zieht damit nun auch in den Reichsrat ein. Aus dem kleinen Grüppchen von Idealisten war endgültig eine bestimmende politische Kraft geworden.
DER GROSSE KRIEG
Alle Hoffnungen der Sozialdemokraten kamen zu einem jähen Ende, als im August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach. Der Reichsrat war suspendiert, Oppositionspolitik geriet gefährlich in den Geruch von Hochverrat. Wie auch ihre deutschen Genossen entschlossen sich die österreichischen Sozialdemokraten zu einem "Burgfrieden" und vertagten alle Auseinandersetzungen auf die Zeit nach dem Krieg.
Doch noch zu Lebzeiten Kaiser Franz Josefs zeigte sich auch innerhalb der Sozialdemokratie eine immer stärker werdende Ungeduld und Unzufriedenheit über die Lage. Der neue Kaiser versuchte durch die erstmalige Eröffnung des Reichsrates seit drei Jahren im Mai 1917 den Unmut zu kanalisieren, doch bot sich für die Monarchie ein mehr als beunruhigendes Bild. Die Massen protestierten, die Völker des Kaiserreichs strebten nach Unabhängigkeit, und wirkliche Unterstützung erfuhr das Kaiserhaus nur noch beim Hochadel, der Kirche und den Christlichsozialen.
In Wien versucht Bürgermeister Weisskirchner die Sozialdemokraten in seine Verwaltung einzubinden, um den Protest der Bevölkerung mit ihrer Hilfe kanalisieren zu können. Reumann entzieht sich dieser Verantwortung nicht und wird so der erste sozialdemokratische Stadtrat Wiens. Doch schon im Januar 1918 kommt es ob der prekären Versorgungslage zum sogenannten "Jännerstreik" in Wien, bei dem, beeinflusst durch die russische Oktoberrevolution, erstmals auch das sofortige Kriegsende gefordert wird. Gleichzeitig wird Wien von einer katastrophalen Grippeepidemie heimgesucht, und auch die "Wiener Krankheit", TBC, breitet sich ob der Verhältnisse immer beunruhigender aus. Im März müssen die Lebensmittel abermals reduziert werden, und da nützt es der Regierung gar nichts, dass es ihr gelungen ist, per 1. April 1918 den ersten regulären Flugbetrieb - von Wien über Krakau nach Kiew - der Welt eingerichtet zu haben. Die Wiener haben andere Sorgen.
Das weiß auch Weisskirchner, der Reumann dazu drängt, als Vizebürgermeister seine Stellung in der Stadtverwaltung auszubauen. Das Regierungslager wird durch die Sixtus-Affäre (der Kaiser hatte versucht, durch seinen Schwager zu einem Separatfrieden zu kommen, die Geheimverhandlungen waren aber vorzeitig aufgeflogen) weiter geschwächt, und als Wien im August 1918 erstmals von italienischen Bombern überflogen wird, da wissen auch die unverbesserlichsten Optimisten, dass die Zeit der Monarchie sich ihrem Ende zuneigt.
Tatsächlich kollabiert Österreich-Ungarn im Oktober 1918, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien werden selbständige Staaten, Österreich wird auf sein Kerngebiet reduziert. Am 21. Oktober 1918 konstituieren sich die Abgeordneten der deutschsprachigen Gebiete zur "Provisorischen Nationalversammlung", der auch Vizebürgermeister Reumann angehört. In Wien drängt Reumann auf eine sofortige Änderung des Wahlrechts und ehebaldigste Neuwahlen. Die Christlichsozialen können nicht länger Widerstand leisten und schicken sich ins Unvermeidliche. Die Wiener Sozialdemokraten wählen Reumann zu ihrem Spitzenkandidaten, und niemand zweifelt daran, dass er der nächste Bürgermeister der Hauptstadt werden wird.
BÜRGERMEISTER VON WIEN
Reumann konzentriert sich auch trotz seiner 64 Jahre voll auf diese Aufgabe, verzichtet sogar auf eine Parlamentskandidatur (im Februar 1919 fanden die ersten Wahlen in der neuen Republik statt, bei der die Sozialdemokraten mit 41 Prozent der Stimmen stärkste Kraft wurden) und setzt sich im Wiener Wahlkampf voll ein. Der Lohn dafür ist dementsprechend. Am 4. Mai 1919 stimmen 55 Prozent für die Sozialdemokratie, die somit 100 von 165 Mandaten im neuen Gemeinderat erhält. Sie verfügt nun über eine komfortable absolute Mehrheit und kann einen Stadtsenat bilden, der geeignet ist, die Reformvorstellungen, welche die Sozialdemokratie schon in ihrem Kommunalprogramm anno 1900 in Aussicht gestellt hatte, umzusetzen. Optimistisch erklärte Jakob Reumann daher auch nach seiner Kür zum Bürgermeister am 22. Mai 1919: "Die ganze Verwaltung ist um des Volkes Willen da."
Doch die Realität stoppte die sozialdemokratischen Ambitionen vorerst. Die Lage, so stellte sich bei einer ersten Sichtung heraus, war mehr als trist. Man fand völlig leere Kassen vor, die laufenden Ausgaben waren durch die Einnahmen in keinster Weise zu decken. Die neue Stadtregierung stand vor einer schier unlösbaren Aufgabe: die Inflation schwächte die Wirtschaftskraft, unkontrollierte Zuwanderung aus den ehemaligen Teilen der Monarchie ließen die zu versorgende Bevölkerung weiter anwachsen, die Lebensmittelversorgung aus den Bundesländern stockte, Kohle- und Rohstoffmangel taten ein übriges. Die Bürger waren durch die Auswirkungen des Krieges in hohem Ausmaß von der städtischen Fürsorge abhängig, der Schuldenstand, den die Christlichsozialen hinterließen, machte unmissverständlich klar, daß die Sozialdemokraten zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt die Leitung der Verwaltung hätten übernehmen können. Das Budget wies ein riesiges Loch auf, der Wohnungsbestand war in traurigem Zustand, der öffentliche Verkehr mangels Antriebskraft zum Erliegen gekommen. Mehr als 100.000 Wiener waren ohne Arbeit, und die Bundesländer boykottierten das "rote Wien".
DAS ROTE WIEN
Wollte Reumann also die Stadt neu organisieren, so mußte er nicht nur inhaltlich, sondern vor allem auch ökonomisch und fiskalpolitisch völlig neue Wege gehen. Den rechten Mann, diese Aufgabe zu meistern, fand er in dem pensionierten Bankdirektor Hugo Breitner. Breitner, 1873 in Wien geboren, war im Dezember 1918 zum Mitglied des Gemeinderats avanciert. Nun, im Mai 1919, ernannte Reumann ihn zum Finanzstadtrat. Hauptaufgabe der Stadtverwaltung war die Schaffung von Wohnraum. In der Tat konnten unter den Bürgermeistern Reumann und Seitz bis 1934 knapp 64.000 Wohnungen - aus den Mitteln der Wohnbausteuer finanziert - gebaut werden. Der zweite wichtige Schwerpunkt der Reumannschen Stadtverwaltung war die soziale Wohlfahrt, für die Stadtrat Julius Tandler verantwortlich zeichnete.
Für diese und alle übrigen Reformschritte zeichnete Jakob Reumann als Bürgermeister hauptverantwortlich. Reumann kämpfte darüber hinaus auch um die politische Geltung Wiens in der neuen Republik, und so war es nur konsequent, dass er 1920 seine Stadt auch im - gemäß der Bundesverfassung - neu geschaffenen Bundesrat, der Länderkammer des Parlaments, vertrat, wo er am 1. Dezember 1920 zum ersten Präsidenten dieses Gremiums wurde.
BUNDESRATSPRÄSIDENT UND LANDESHAUPTMANN
Nach Ablauf seiner Amtsperiode im Bundesrat am 31. Mai 1921 führte er weiter beharrlich Verhandlungen über eine Aufwertung Wiens zu einem eigenen Bundesland. Diese waren letztlich von Erfolg gekrönt, und so avancierte der Wiener Bürgermeister am 1. Januar 1922 auch zum Landeshauptmann. Fraglos hatte Reumann damit den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn erreicht.
Anfang 1923 stand Reumann im 70. Lebensjahr. Eine weitere fünfjährige Legislaturperiode als Bürgermeister und Landeshauptmann schien daher unwahrscheinlich. Und Reumann strebte derlei auch gar nicht an. Er hatte die Grundlagen für eine erfolgreiche Kommunalpolitik gelegt, hatte das Gesicht der Stadt maßgeblich umgestaltet, nun sollten andere, jüngere Kräfte die Arbeit fortsetzen. Im September 1923 erklärte er daher in einem Brief an die Wähler seines Favoritner Wahlkreises, er fühle sich nicht mehr in der Lage, die Bürde des Bürgermeisteramtes für weitere fünf Jahre zu übernehmen. Nach den Gemeinderatswahlen vom Oktober 1923 sollte daher eine andere Persönlichkeit in die Amtsräume des Wiener Bürgermeisters einziehen.
Reumann kandidierte auch nicht mehr für Gemeinderat und Landtag, wurde aber als Vertreter Wiens im Bundesrat eine weitere Periode bestätigt. Turnusgemäß übernahm Reumann daher am 1. Dezember 1924 neuerlich den Vorsitz im Bundesrat, damit seine letzte öffentliche Funktion bekleidend. Schon zuvor hatte Wien seinem legendären Stadtoberhaupt die höchste Ehre erwiesen und Reumann zum Ehrenbürger ernannt. Nach Ablauf seiner zweiten Amtszeit als Chef der Länderkammer Ende Mai 1925 wollte es Reumann ein wenig ruhiger angehen. So reiste er im Juli 1925 zur Erholung nach Kärnten, doch erlag er am 29. Juli während einer Bootsfahrt auf dem Wörther See einem Herzinfarkt. Die Gemeinde Wien ehrte ihren Bürgermeister nicht nur mit der Benennung einer großen Verkehrsfläche in seinem Wahlkreis Favoriten, sondern auch mit einem Gemeindebau in seinem Heimatbezirk Margareten, der ebenfalls seinen Namen trägt. (Schluss)